Mittwoch, 20. März 2019

In Zukunft

Als in Ehren ergrauter Veteran habe ich schon viel gesehen und noch mehr gehört. Irgendwann denkt man dann, die Musikgeschichte steuere auf ihr Ende zu. Alles schon mal dagewesen. Und wo ist überhaupt der Nachwuchs?

Da ist es gut, dass es das Internet gibt. So erfahren nämlich auch in Ehren ergraute Veteranen, wenn sich was tut in entlegenen Ecken der Welt. Wenn beispielsweise eine achtjährige Schlagzeugerin in Japan und ein neunjähriger Gitarrist in Australien mal eben rocken wie nix. Und dabei Spaß haben.

Genug gelesen, jetzt wird geguckt, gehört und gestaunt. Gänsehaut galore. Hier ist Yoyoka Soma:



Und hier ist Taj Farrant:

Dienstag, 26. Februar 2019

Herzensangelegenheiten

"Turn my seasons turn
Lived in much younger times
Left no life no more
For me to shine."
Mark Hollis: "Inside Looking Out" (1998)

Tausendfüßler, Eulen und ein Fuchs - was die Nacht verbirgt, will nicht gesehen werden. Und wer im Dunkeln eine Sonnenbrille trägt, will nicht sehen. Sunglasses at night. Ich liebte Musik, auch mit zwölf schon, und der einzige Weg, sie nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, war "Formel Eins", jene heute zum Kult verklärte Musikvideosendung im Fernsehen. Einmal saß darin ein dünner, blasser Mann am Klavier, mitten im Wald, Haarsträhnen fielen im Rhythmus von Schlagzeug und Tasten über die schwarzen Gläser, die seine Augen verbargen. Und er sang verzweifelt darüber, dass das Leben sei, was man daraus mache.

Das klang so ganz anders als jene Popmusik, die ich seinerzeit in- und auswendig kannte. Das war trauriger als Depeche Mode, wütender noch als Killing Joke und viel mehr Kunst als Duran Duran. Da kämpfte jemand gegen die schlechten Dinge, die im Leben nun mal passieren. Gegen die Art, wie man ein Klavier normalerweise spielt. Und offenbar auch gegen sich selbst. Ich starrte auf Mark Hollis, weil der ein Licht angezündet hatte. Und ahnte schon damals, dass er es hasste, angestarrt zu werden.


Talk Talk war immer die Band für die etwas zu Cleveren, die nichts anderes hatten, als ich etwas darauf einzubilden. Klar - das waren Hits, die liefen im Radio und passten klanglich durchaus in ihr Jahrzehnt, das heute noch mehr verklärt wird als erwähnte Fernsehshow. Doch während Marian Gold alberne Lederhandschuhe trug und darüber sang, hoffentlich für immer jung zu sein, ging es in Hollis' Liedern um den Verfall. Während Cyndi Lauper verkündete, dass Mädchen einfach Spaß haben wollen, stellte er trotzig fest, dass das Leben sein Leben war und man das nicht vergessen sollte. Und während Corey Hart behauptete, nachts eine Sonnenbrille zu tragen, um das Licht sehen zu können, löschte Mark Hollis die Kerze. Sie hätte nur den Fuchs vertrieben, die Eulen und die Tausendfüßler.

"Spiele keine Note, bevor du nicht einen guten Grund dafür hast." Kluge Sätze wie diese sagte er in den Interviews, die für einen introvertierten Geist wie ihn eine Qual gewesen sein müssen. Es ist der Rhythmus seiner Songs, den ich bis heute verehre, die perfekte Tonspur dafür, noch ein bisschen weiterzumachen. Und es sind die Töne, die nicht gespielt werden. Das Dazwischen. Der Atem und die Atmosphäre. Das Leben, das der dünne, blasse Mann mit der verzweifelten, zweifelnden Stimme reinpumpte. Das war zunächst Pop, aber es war eben auch Kunst. Man durfte sich was drauf einbilden, nicht nur die Hits zu lieben, sondern die Alben.

Und irgendwann war es kein Pop mehr. Die Welt der glänzenden Oberflächen hatte Mark Hollis verloren, ihm selbst war sie von Anfang an egal gewesen. Jazz kam zu seinem Recht, auch Klassik, Avantgardistisches, immer öfter die Stille. Mit seinem einzigen Solowerk ging er nie auf Tour. Das wäre unmöglich gewesen, erklärte er damals in einem der nun sehr seltenen Interviews. Nicht auszudenken, hätte jemand vor der Bühne gehustet.

Dann verschwand er endgültig im Dunkel. Fans hielten sich tapfer auf dem Laufenden darüber, wenn er mal den einen oder anderen Ton oder das eine oder andere Schweigen zur Arbeit von Kollegen beisteuerte. Und trösteten sich damit, dass er nun wohl die Ruhe gefunden hatte, nach der er sich so sehnte. Nun ist Mark Hollis tot. Passenderweise war es zunächst nur ein unbestätigtes Gerücht, achtsam dahingetupft wie ein Tastendruck am Klavier. Dann wurde es ein lauterer Akkord, denn die Verlierer von früher, die Anhänger seit damals sind mehr als sie dachten. Und letztlich war es Gewissheit, fand die Musik ein Ende.

Am Schluss des Videos zu "Life's What You Make It" geht die Sonne auf, verjagen ihre sanften Strahlen den Nebel und den Tau und die Tiere der Nacht. Everything's all right. Ich erinnere mich sogar noch daran, was ich damals dachte, als ich ihn zum ersten Mal sah und hörte. "Der fühlt sich nicht wohl", dachte ich. "Der fühlt sich wie ich."

Mittwoch, 13. Februar 2019

Gemeinsam. Eine Kurzgeschichte.

Er öffnete die Augen. Das leise Summen vom Dach hatte ihn geweckt, vor allem aber die Stimme seiner Frau. Ihr Lachen. "Komm schon, Brummbär", rief sie ihm von der Tür aus zu. "Das Taxi wartet. Du wolltest dich doch nur kurz hinlegen." Er bereute nicht, die Augen geöffnet zu haben. In all den Jahren, die sie sich nun kannten, hatte Karen sich kaum verändert, war ihr Lächeln noch immer das Schönste, was er je gesehen hatte. An der Uni war es ihm zum ersten Mal aufgefallen. Und noch immer konnte er sein Glück kaum fassen, dass diese Frau nun seine Frau war. Die Jungs lachten manchmal darüber, dass auch 15 Jahre Ehe ihrer Verliebtheit nicht geschadet hatten. Nun jedoch warteten sie bereits im Flugtaxi auf dem Dach auf ihren Dad, den Brummbären - darauf, endlich zum Flughafen und in die Ferien starten zu können. Karen lachte noch einmal und ging dann ebenfalls die Treppe hinauf und dem Summen der Rotoren entgegen.

Er streckte sich und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel, ehe er aufstand. Für Ende 40 hatte er sich gut gehalten. Seine Gesundheit war ihm wichtig. Er ernährte sich ausgewogen, trieb viel Sport. Man hatte nur ein Leben. Es war wertvoll. Niemand wusste das besser als er. Auf seine Fitness war er fast so stolz wie auf die anderen Ziele im Leben, die er erreicht hatte. Toller Job, tolles Haus, eine tolle Frau und zwei tolle Söhne. Glück, das er tatsächlich kaum fassen konnte. Obwohl es das war, was er am meisten wollte: das Glück fassen. Festhalten. Nicht mehr loslassen. Denn die Perfektion hatte kleine, kaum sichtbare Risse. Und durch diese fiel ein dunkler Schatten, der verhinderte, dass er wirklich glücklich war. Sein Herz, das für seine Familie schlug und für seine Arbeit als Physiker und für die Menschen, die er in seinem Leben getroffen hatte, war voller Furcht. Voller Angst davor, dass alles plötzlich vorbei sein konnte. Er zog sein Jackett an, die Schlafzimmertür hinter sich zu und betrat die Treppe zum Dach. Vor ihm lagen drei Wochen in Kalifornien, voller Sonne und Spaß. Er hoffte, endlich einmal vergessen zu können, was ihn belastete. Die Furcht in seinem Herzen. Auf der dritten Stufe hörte es plötzlich auf zu schlagen. Verflucht, dachte er, wenn es wenigstens ein Infarkt wäre.

Er ließ die Augen geschlossen. Das leise Summen des Weckers sollte ihn wachrütteln. Aber er war längst wach, kniff die Augen zusammen, um nicht sehen zu müssen, was um ihn herum war. Er kannte es ohnehin schon: sein Kinderzimmer. Die Raumschiff-Modelle, der Football in der Ecke, die Klamotten auf dem Boden, die verstimmte Gitarre, die unter seinen Füßen auf dem Bett lag. Er kannte jeden Winkel dieses Raums, weil er hier die ersten 16 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Weil er hier jeden Morgen aufgewacht war. Und weil er einen Morgen in diesem Zimmer nun schon zum 38. Mal erlebte. Mühsam unterdrückte er die aufkommende Panik, riss schließlich die Augen auf, wie man ein Pflaster mit einem Ruck abreißt. Er langte mit einem Arm rüber zum Wecker und drückte auf die Taste, um das Summen verstummen zu lassen. Mit seinem Arm. Dem eines 16-jährigen Jungen, mager statt trainiert, kaum behaart und mit einem albernen Schweißband versehen. Den Blick in den Spiegel vermied er, als er sich aus dem Bett wälzte. Er wusste, wie er aussah. Wieder aussah. Er kannte die hagere Figur eines blassen Teenagers, der zu viel Zeit damit verbrachte, im dunklen Zimmer auf der Gitarre zu klimpern. Und zu wenig damit, Football zu spielen, Sport zu treiben, zu lernen, etwas aus seinem Leben zu machen. Naja, dachte er verbittert, ein neuer Morgen, eine neue Chance. Dann schoss ein schmerzhafter Blitz durch sein Herz, sein kaputtes Herz, eigentlich ein unerfahrenes Herz, das eines Teenagers und eines Mannes. Sein Herz, das seine Frau vermisste und die Kinder, sein altes Leben, das streng genommen nun wieder sein zukünftiges war. Eine mögliche Zukunft, das hatte er während des Studiums verstanden. Eine, die es so vermutlich gar nicht geben würde. Der Flügelschlag eines Schmetterlings vor dem geschlossenen Fenster konnte verhindern, dass er Karen je traf. Dass seine Söhne jemals geboren wurden. Und selbst wenn - wie lange würde er diesmal fast glücklich sein?

Er kniff die Augen zusammen, als nach Angst und Schmerz nun Wut in seinem Herzen wuchs. Mit knochigen Teenie-Fingern griff er zum Handy, das ihm merkwürdig altertümlich vorkam. Statt die Nummer zu sagen, die er so gut kannte, musste er sie mühsam eintippen. Und statt eines Hologramms spuckte es lediglich eine nur zu vertraute Stimme aus. Eine verhasste Stimme. Die Stimme seines besten Freundes seit Kindertagen. "Hast lang nichts von dir hören lassen", sagte sie. Und dann lachte Ben, sein Kumpel, sein Leidensgenosse. Und er hasste es noch mehr als er Karens Lachen geliebt hatte. "Wir müssen uns sehen, Arschloch", hörte er sich sagen, mit dieser längst vergessenen Teenager-Stimme. "In einer halben Stunde."

Er blinzelte in die Sonne. Ben war natürlich unpünktlich. Er war ohnehin das genaue Gegenteil von ihm selbst: egoistisch, draufgängerisch, manchmal skrupellos. Dazu kräftig und mit einem übergroßen Selbstbewusstsein ausgestattet. Einzig intellektuell waren die beiden ungleichen Freunde sich ebenbürtig. Während er jedoch zumindest theoretisch die Möglichkeit gehabt hätte, einen guten Schulabschluss zu machen und die Uni zu besuchen, schlug sich der ein Jahr ältere Ben mit Gelegenheitsjobs durch, von denen die meisten illegal waren. Zwar erzählte er allen, die es hören wollten oder auch nicht, dass er nie wie sein verhasster Vater, ein Säufer und Schläger, im Knast enden wollte. Dennoch war er auf dem besten Weg dahin. Und das ist keine mögliche Zukunft, sondern beschlossene Sache, dachte er zynisch, als Ben sein Fahrrad auf den Boden fallen ließ und sich grinsend näherte. Warum die beiden Freunde geworden waren? Vermutlich, weil ein erfolgloser Gitarrist ohne Band froh darüber ist, wenn ein kleiner Ganove etwas Abwechslung in seinen tristen Alltag bringt. Und weil Außenseiter am besten zusammen durchs Leben gehen sollten. Gemeinsam.

Er riss die Augen auf, als er Ben anschrie: "Du verdammter Wichser! Was hast du getan?!" Sein Kumpel grinste freudlos: "Sachte, Mann. Glaubst du, ich bin gerne hier?" Er hockte sich auf einen Stein und zündete eine selbst gedrehte Zigarette an. "Ein kleines Geschäft ist schiefgelaufen, jemand wurde nervös und - bäng! Alles auf null. Spiel dich bloß nicht auf - du warst oft genug schuld daran dass es mir so ging." Während Ben selbstgefällig an der Kippe zog, dachte er an jenen Tag vor fast 40 Jahren, der eigentlich gestern war. Als er und Ben diesen seltsamen grünen Stein entdeckt hatten, unten bei der alten Mühle. Als sie ihn berührt hatten, als er geleuchtet hatte. Und er dachte daran, wie er seitdem immer und immer und immer wieder in seinem Zimmer aufgewacht war, wie der Wecker summte und den ewig gleichen Tag ankündigte. Nach dem Unfall mit dem Truck. Nach dem Sturz in den Steinbruch. Nach dem Streit mit den Jugendlichen, von denen einer ein Messer hatte. Nach dem völlig verblödeten Versuch, unbewaffnet eine Bank auszurauben. Und nach anderen noch blöderen Ideen von Ben. Irgendwann hatten sie festgestellt, dass sie nicht nur das gleiche Schicksal teilten, sondern dass der leuchtende Stein - der seltsamerweise verschwunden war - auch dafür sorgte, dass ihre Leben für immer und ewig aneinander gekettet waren. Starb Ben, starb auch er - und wachte wieder an jenem quälenden Morgen auf. Und für Ben galt dasselbe. Dann, nach Tränen und Wut und Verzweiflung und Leichtsinn und Akzeptanz war ihnen der Gedanke gekommen, sich zu trennen. Tatsächlich schien das zu funktionieren. Einmal schafften sie fast vier Jahre. Und zuletzt beinahe 33. Bis Ben "ein kleines Geschäft" vermasselt hatte.

Er schloss die Augen, seufzte und sagte leise: "Ich hasse dich so sehr." Ben lachte noch einmal freudlos und antwortete: "Dito." Dann klopfte er sich hörbar den Staub der Landstraße von der Jeans. "Aber ich habe eine Idee. Die wird dir gefallen. Mir gefällt sie." Er öffnete ein Auge: "Deine Ideen hasse ich auch." "Hör doch erstmal zu", meinte Ben, die Zigarette im Mundwinkel. "Diese holt uns hier raus. Endgültig." "Glaubst du nicht, wenn es einen Weg aus diesem Alptraum gäbe, hätte ich ihn gefunden?", fragte er, öffnete auch das andere Auge und wischte eine Träne weg. "Ich bin Doktor der Physik, verdammt! Ich habe was aus meinem Leben gemacht... Meine Familie fehlt mir, du verfluchter Penner!" "Du bist ein 16-jähriger Junge", erinnerte Ben ihn mit kalter Stimme. "Schon klar - du hast brav gelernt und studiert und Kohle gescheffelt und die große Liebe kennen gelernt." Er schlug den Kragen seiner Lederjacke hoch und verkündete: "Aber ich war auch nicht untätig. Ich habe mir alles in die Nase und die Venen gejagt, das ich finden konnte. Und ich hab alles gevögelt, was sich bewegt hat. Und ob du es glaubst oder nicht: Manchmal habe ich sogar ein Buch gelesen." "Halt die Klappe", sagte er resigniert, "halt endlich deine große Klappe." "Hast du", fuhr Ben ungerührt fort, "mal von Yin und Yang gehört? Die Schlitzaugen glauben diesen Quatsch. Die beiden sind fast wie wir: total unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Du bist der nette Kerl, ich bin das verdammte Arschloch, und wir beide hängen gemeinsam in dieser Scheiße und kommen auch nur gemeinsam wieder raus." Er dachte an Karen, an ihr Lachen, das er nie wieder hören würde. Gemeinsam. Allein das Wort klang wie eine Drohung. "Ich verspreche dir nicht, dass all deine Träume wahr werden", hörte er Ben weiter schwadronieren. "Ich bin wie gesagt nicht der Nette von uns beiden. Aber ich verspreche dir einen souveränen Abgang. Und ein Ende dieses - wie hast du gesagt? Dieses Alptraums." Langsam verstand er, worauf Ben hinauswollte: Das Ende würde das Erwachen sein. Nur dass diesmal nicht der ewig gleiche Tag folgen würde, sondern... nichts. Zumindest hatte sein Physikstudium ihn das gelehrt. "Was hast du bloß vor?", fragte er. Ben antwortete, nachdem er den Zigarettenstummel an der Sohle seines Stiefels ausgedrückt hatte: "Wir bringen uns gegenseitig um. Wir sterben gemeinsam. Zum letzten Mal."

Er zwinkerte, hörte seinen eigenen Herzschlag, sah Karens Lächeln vor sich. "Und wie soll das gehen?" Seine fremde Teenie-Stimme klang seltsam tonlos. "Hiermit", knurrte Ben und zog zwei Revolver aus den Taschen seiner Lederjacke. Schwarzes Leder, schwarzes Metall. Und hoffentlich eine schwarze Zukunft. Kein Summen mehr. Zögernd nahm er eine der schweren Schusswaffen. Er wusste, wie man sie benutzte. Zweimal hatte er versucht, mit so etwas seinem Leben ein Ende zu setzen. Das Ergebnis: der Wecker, das Summen, Raumschiff-Modelle, Football, Gitarre. "Der Trick ist", erklärte Ben, "dass wir gleichzeitig abdrücken. Bist du bereit? Auf drei. Oder hast du noch irgendwelche letzten Worte zum Abschied für deinen alten Kumpel?" "Ich hasse dich", sagte er, nun mit festerer Stimme. "Ich wünschte, wir wären tot." Sie stellten sich drei Meter voneinander auf und sahen sich in die Augen, der schüchterne Schlacks und der stämmige Gauner. Ben zählte: "Eins. Zwei. Drei!" Es knallte, eigentlich zweimal, aber es klang wie einmal. Es roch nach Rauch. Dann vertrieb ein blutroter Stich die Angst und den Schmerz und die Wut aus seinem Herzen. Es hörte auf zu schlagen. Gemeinsam, dachte er. Und schloss die Augen.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Im Kopf

Ich glaube, wir leben im Zeitalter der Grenzen. Vielleicht ist das die Reaktion auf Globalisierung und Nachrichtenverfügbarkeit, auf eine Welt, die für jeden immer komplizierter wird, weil sie in ihrer Komplexität sichtbar geworden ist, wo Medienkompetenz und Verständnis langsam aussterben. Da geben Grenzen natürlich Sicherheit, da ziehen viele sich zurück in einen überschaubaren Rahmen, in dem sie sich geborgen und zu Hause fühlen, den sie überblicken können.

Global betrachtet ist das selbstverständlich negativ: Der Nationalismus ist aus dem fruchtbaren Schoß gekrochen und bringt fast überwundene Vorurteile und gefährlichen Hass mit sich, wo doch erst vor kurzem die Grenzen gefallen sind. Die demente Orange fabuliert von ihrer Mauer, den Briten reicht es nicht, nur geografisch eine Insel zu sein, die Gesellschaft spaltet sich freiwillig und unfreiwillig. Man rottet sich zu Stämmen zusammen, sucht nach Unterschieden, obwohl Gemeinsamkeiten die Lösung wären.

Der Blick über den Tellerrand macht manchen Angst, weil Fremdes immer eine Herausforderung darstellt. Was anders ist oder neu, will entdeckt und verstanden werden, bringt Veränderung mit sich und schafft dadurch Verunsicherung. Da guckt man lieber nur auf sich, ignoriert überheblich, wenn man andere stört oder beleidigt, wird aggressiv und egozentrisch.

Und ein bisschen gilt das für jeden von uns, vor allem im Netz: Auf Facebook sehen wir nur, was der Algorithmus unserer persönlichen Vorlieben uns präsentiert, der Online-Versandhandel zeigt uns, was unserem Kaufverhalten entspricht, der Streaming-Dienst kennt unsere liebsten Freizeitaktivitäten, die Worterkennung unsere Formulierungen - und letztlich sitzt jeder an seinem eigenen PC, guckt auf sein eigenes Smartphone oder Tablet. Ich nehme mich da nicht aus: Als eher introvertierter Charakter brauche ich meinen Rückzugsort, wenn mich das bunte, laute Leben draußen mal wieder überfordert. Und wenn ich an dieser Stelle auf Nazis schimpfe, Musik teile oder meine Meinung über Filme aufdränge, freuen mich natürlich die positiven Reaktionen meiner Filterblase, meiner Social-Media-Hood, meiner Freundesliste.

Aber vielleicht schadet es nicht, sich ab und an klarzumachen, dass wir alle in Grenzen leben. Sozial, politisch, auch emotional. Und dass man die der anderen respektieren und nicht ungefragt übertreten sollte. Ebenso vielleicht könnte es andererseits sinnvoll sein, größere Grenzen immer wieder zu hinterfragen. Die mit den Schlagbäumen und dem Stacheldraht, die zwischen Bevölkerungsgruppen oder Religionen, die verhindern, dass wir wirklich zusammenleben.

Kurz: leben und leben lassen. Eigentlich ist es ganz einfach.

Donnerstag, 22. November 2018

Kurz vor Feierabend

Ich versuche, nach der Arbeit im örtlichen Lebensmittelmarkt etwas Käse zu kaufen, und stehe als einziger Kunde an der Kasse. Die Kassiererin kommt schnaufend angekullert und flüstert mir etwas Unverständliches ins Ohr...

Ich: "Bitte?"
Kassiererin (mit irrem Grinsen und etwas lauter): "Ob Sie bezahlen wollen."
Ich: "Hatte ich vor, ja."
Kassiererin (grinst breiter, setzt sich aber an die Kasse): "Ich hab leider keine Zeit."
Ich: "Äh. Aha?"
Kassiererin (scannt den Käse): "1,65 Euro. Noch einen Cent mehr, dann wären es 1,66 Euro."
Ich (gebe ihr 1,70 Euro): "..."
Kassiererin (nun sehr laut): "NOCH EINEN CENT MEHR, DANN WÄREN ES 1,66 EURO!"
Ich: "Ja. Das... stimmt wohl..."
Kassiererin (gibt mir fünf Cent und prustet hysterisch): "Fünf Cent zurück! Ha-haa!"
Ich: "Danke."
Kassiererin (jetzt singend): "Nicht danke! Doch für mich nicht danke!"

Ich renne aus dem Laden. Hinter mir verwandelt sich die Kassiererin in ein vielköpfiges Tentakelmonster und spuckt Erbsensuppe. (Okay, der letzte Satz ist pure Vermutung, denn natürlich habe ich mich nicht mehr umgedreht.)

Montag, 12. November 2018

Im Audimax

Als Torsten Sträter nach Marburg kam... gab Marburg wirklich alles. Verkehrschaos im Umkreis von fünf Kilometern rund um das Hörsaalgebäude, im Inneren keine Toiletten, stattdessen Dixi-Klos davor. Getränke mussten draußen bleiben, dafür war drinnen nicht nur die Linoleum-Bühne grell erleuchtet. Obwohl Kostja die Regler für das Auditorium auf Maximum drehte, war der Ton nicht optimal. In der dritten Reihe klatschte ein aufgeregter Seehund. Und zwei Etagen tiefer sprach Jutta Ditfurth.

Das meiste davon war zwar die perfekte Vorlage für Sträters Eröffnungsmonolog. Es sorgte aber auch dafür, dass dieser knapp zweieinhalb Stunden dauerte. Oder anders: Unter der legendären Mütze kreisen Gedanken in einem hellen Kopf, und beider Besitzer ist sensibler, als sein Ruf vermuten lässt. Der Mann ist authentisch - wenn seine Laune nicht die beste ist, dann merkt man das nicht nur, sondern er redet drüber. Das allerdings - und nun dreht sich die Geschichte - extrem unterhaltsam, so dass dieser ungewohnte und ungewöhnliche Abend zu weiten Teilen einfach großartig war.

Unglaublich witzig und beeindruckend spontan, herzlich derb und clever-eloquent, zum Brüllen komisch und überraschend nachdenklich. Niemand außer Torsten Sträter schafft es, stundenlang nur zu plaudern, sich an eigenen Überlegungen entlang zu hangeln, dabei offene Fäden wieder aufzugreifen und von einer Idee zur nächsten zu springen - und damit 900 Zuhörer zu unterhalten. 

Die waren gekommen, um sich neue Texte vorlesen zu lassen. Oder zumindest die für den zweiten Teil versprochenen Klassiker auf Wunsch. Stattdessen las der Meister letztlich nur drei alte Storys und füllte den restlichen Abend quasi mit deren Anmoderation. Dass er mit dieser Erwartungshaltung brach, war so konsequent wie toll, dass er sich auch mal verzettelte, so verzeihlich wie unwichtig.

Torsten Sträter ist eine ehrliche Haut und ein grundsympathischer Kerl. Dem hört man gerne zu, der hat was zu sagen und macht das wie kein Zweiter. Keine Ahnung, ob die Stimmung bei Jutta Ditfurth ähnlich gut war. Dem Seehund hat's gefallen. Mir auch.

Gerne wieder - dann vielleicht wirklich mit dem neuen Programm. Und ganz sicher nicht im Audimax.

Dienstag, 21. August 2018

Auf der Arbeit

Ich liebe meinen Beruf. Es ist ein spannender, interessanter, ein großartiger Beruf. Und er ist wichtig, wird sogar immer wichtiger. Ohne Journalismus, ohne wahren Journalismus wäre die Gesellschaft in Gefahr. Das glaube ich nicht nur, das weiß ich, denn die Geschichte ist voller Beispiele dafür. In unserer Zeit, in der immer weniger Menschen in der Lage sind, zwischen Fake News und echten Nachrichten zu unterscheiden, in der die begrüßenswerte Freiheit nicht mehr ganz neuer Medien hoffentlich verteidigt wird, aber auch eine neue Unüberschaubarkeit mit sich bringt, ist es wichtig, sich auf etwas verlassen zu können. Auf die Arbeit von Profis, von Leuten, die das nötige Wissen und Gewissen mitbringen, sich nichts als der Wahrheit verpflichtet fühlen und diese im Wortsinn veröffentlichen.

Ich mag meinen Job. Als Online-Redakteur habe ich die Aufgabe, eine Bresche in den digitalen Dschungel zu schlagen, tatsächlich Licht ins Dunkel zu bringen. Wer sich nicht (mehr) über gedruckte Medien informiert, hat online die Möglichkeit, zu erfahren, was um ihn herum passiert. Und nicht nur dort: Journalismus, der wahre Journalismus verhindert die Bildung von Blasen, er bietet an und fordert heraus statt nur zu bedienen. Auf Papier gibt es ein Streiflicht, geschaffen von erfahrenen Experten. Im Netz ist es eher ein Scheinwerfer, im Idealfall ebenfalls bedient von Menschen, die wissen, was sie da tun, und ihn in die richtige Richtung halten.

Ich fürchte die Zukunft. Denn was ich nun in zwei Absätzen und wohlgewählten Worten skizziert habe, ist ein Idealbild. Und es gehört bestenfalls der Vergangenheit an. Die Redaktionen sind gebeutelt von wirtschaftlichen Verlusten an der Anzeigenfront wie auf dem Lesermarkt. Damit einher geht das klassische Symptom, der zurecht gefürchtete Personalmangel. Immer weniger Redakteure müssen immer mehr Aufgaben bewältigen - denn die Welt außerhalb des Elfenbeinturms dreht sich weiter. Wer vor 30 Jahren noch motiviert in die Schreibmaschine hackte, baut heute gelangweilt bis gestresst am Bildschirm ganze Seiten, kümmert sich um Layout und Gestaltung, um die Bebilderung und immer öfter auch um die Verlängerung der Reichweite ins Netz. Dort sitzt nämlich wenig erwartungsfroh jene Zielgruppe, die es inzwischen zu erreichen gilt: die so genannte Jugend (also jeder unter 60). Denn die altgediente Leserschaft quittiert nach und nach ihren Dienst, geht den Weg alles Irdischen und nimmt dabei das über Generationen vererbte Abo mit. Die Branche jubelt, wenn die Zahl hinter dem Minus mal nicht ganz so groß ist wie befürchtet. Keine andere Branche tut das.



Ich hadere mit der Gegenwart. Statt angesichts des Abgrunds auf die Bremsen zu treten, statt nach neuen Wegen zu suchen oder zumindest nach einer Rettung, rast der Journalismus in der Republik auf einen Abgrund zu, der schon viel zu lange in Sichtweite ist. Themen für neue Leser statt des Dauerbrenners "Rentner schreiben für Rentner"? "Das machen wir schon immer so." Mutige Ideen, tapfer umgesetzt? "Das haben wir noch nie so gemacht." Zwei tödliche Sätze, wo weite Sprünge angesagt wären. Früher, damals, einst... da waren unsere Konkurrenten jene Zeitgenossen, die ebenfalls einen Druckturm besaßen. Heute sind unsere Mitbewerber alle, die ein Smartphone besitzen, die online sind, die bloggen und vloggen und posten und Gruppen gründen und Netzwerke aufbauen. Tempo ist angesagt, ohne dabei das eigentliche Ziel - die Wahrheit - aus den Augen zu verlieren. Begleitend dazu kann man gerne die Online-Inhalte drucken, als Premium-Produkt, das seinen Namen verdient, das neben dem Mohnbrötchen raschelt und Lesestoff ohne Tablet bietet. Mit viel Text und tollen Bildern, während im Netz schnelle Meldungen und ebenso tolle Bilder ihren Teil beitragen. Und die Wahrheit (man kann es nicht oft genug betonen). Wir sind keine Amateure, wir sind die Profis - verlasst euch drauf.

Ich habe Angst, dass mein geliebter Beruf bald Vergangenheit ist. Die Gegner drängen von allen Seiten auf uns ein. Von unten, wo sie glauben, es genau so gut oder besser zu machen. Von rechts, wo sie dunkle Zeiten beschwören und "Lügenpresse" rufen und die Pressefreiheit abschaffen wollen. Von oben, wo sie mit Geld wedeln und ihre Macht missbrauchen, wenn man Hofberichterstattung verweigert. Was tun? Man möchte es brüllen: Seid mutig! Probiert was Neues! Und dann noch was Neueres! Setzt auf Qualität: Bietet gut geschriebene, toll bebilderte, fehlerfreie Artikel. Geht raus und dahin, wo es weh tut, seid der Stachel im Gesäß der Macht, die vierte Gewalt, tragt Verantwortung. Geht aber auch dahin, wo eure Leser sind und jene, die es werden sollen - nicht nur geografisch, sondern vor allem, was die Publikation angeht. "Wir sind da, wo Sie sind", habe ich kürzlich einer Gruppe von Leserinnen und Lesern versprochen. Löst das ein! Ungelernte, überforderte Freie auf Termine zu schicken, die Bürgermeister, Landräte und Vereinsvorsitzende diktieren, um danach mehr schlecht als recht aus furchtbaren Texten kaum lesbare zu machen; sich Beiträge einreichen lassen, sie auf Zeile zu trimmen und inhaltliche wie sprachliche Mängel einzubauen, damit man sie mit seinem Kürzel versehen darf; sich am Bürostuhl und an alten Gewohnheiten festklammern, um nicht verloren zu gehen, wo man doch der Kompass sein sollte... das sind keine Lösungen. Das sind Tritte aufs Gaspedal, und der Abgrund lauert noch immer.

Ich liebe meinen Beruf. Macht ihn nicht kaputt. Sondern lasst ihn uns retten.