Dienstag, 21. August 2018

Auf der Arbeit


Ich liebe meinen Beruf. Es ist ein spannender, interessanter, ein großartiger Beruf. Und er ist wichtig, wird sogar immer wichtiger. Ohne Journalismus, ohne wahren Journalismus wäre die Gesellschaft in Gefahr. Das glaube ich nicht nur, das weiß ich, denn die Geschichte ist voller Beispiele dafür. In unserer Zeit, in der immer weniger Menschen in der Lage sind, zwischen Fake News und echten Nachrichten zu unterscheiden, in der die begrüßenswerte Freiheit nicht mehr ganz neuer Medien hoffentlich verteidigt wird, aber auch eine neue Unüberschaubarkeit mit sich bringt, ist es wichtig, sich auf etwas verlassen zu können. Auf die Arbeit von Profis, von Leuten, die das nötige Wissen und Gewissen mitbringen, sich nichts als der Wahrheit verpflichtet fühlen und diese im Wortsinn veröffentlichen.

Ich mag meinen Job. Als Online-Redakteur habe ich die Aufgabe, eine Bresche in den digitalen Dschungel zu schlagen, tatsächlich Licht ins Dunkel zu bringen. Wer sich nicht (mehr) über gedruckte Medien informiert, hat online die Möglichkeit, zu erfahren, was um ihn herum passiert. Und nicht nur dort: Journalismus, der wahre Journalismus verhindert die Bildung von Blasen, er bietet an und fordert heraus statt nur zu bedienen. Auf Papier gibt es ein Streiflicht, geschaffen von erfahrenen Experten. Im Netz ist es eher ein Scheinwerfer, im Idealfall ebenfalls bedient von Menschen, die wissen, was sie da tun, und ihn in die richtige Richtung halten.

Ich fürchte die Zukunft. Denn was ich nun in zwei Absätzen und wohlgewählten Worten skizziert habe, ist ein Idealbild. Und es gehört bestenfalls der Vergangenheit an. Die Redaktionen sind gebeutelt von wirtschaftlichen Verlusten an der Anzeigenfront wie auf dem Lesermarkt. Damit einher geht das klassische Symptom, der zurecht gefürchtete Personalmangel. Immer weniger Redakteure müssen immer mehr Aufgaben bewältigen - denn die Welt außerhalb des Elfenbeinturms dreht sich weiter. Wer vor 30 Jahren noch motiviert in die Schreibmaschine hackte, baut heute gelangweilt bis gestresst am Bildschirm ganze Seiten, kümmert sich um Layout und Gestaltung, um die Bebilderung und immer öfter auch um die Verlängerung der Reichweite ins Netz. Dort sitzt nämlich wenig erwartungsfroh jene Zielgruppe, die es inzwischen zu erreichen gilt: die so genannte Jugend (also jeder unter 60). Denn die altgediente Leserschaft quittiert nach und nach ihren Dienst, geht den Weg alles Irdischen und nimmt dabei das über Generationen vererbte Abo mit. Die Branche jubelt, wenn die Zahl hinter dem Minus mal nicht ganz so groß ist wie befürchtet. Keine andere Branche tut das.



Ich hadere mit der Gegenwart. Statt angesichts des Abgrunds auf die Bremsen zu treten, statt nach neuen Wegen zu suchen oder zumindest nach einer Rettung, rast der Journalismus in der Republik auf einen Abgrund zu, der schon viel zu lange in Sichtweite ist. Themen für neue Leser statt des Dauerbrenners "Rentner schreiben für Rentner"? "Das machen wir schon immer so." Mutige Ideen, tapfer umgesetzt? "Das haben wir noch nie so gemacht." Zwei tödliche Sätze, wo weite Sprünge angesagt wären. Früher, damals, einst... da waren unsere Konkurrenten jene Zeitgenossen, die ebenfalls einen Druckturm besaßen. Heute sind unsere Mitbewerber alle, die ein Smartphone besitzen, die online sind, die bloggen und vloggen und posten und Gruppen gründen und Netzwerke aufbauen. Tempo ist angesagt, ohne dabei das eigentliche Ziel - die Wahrheit - aus den Augen zu verlieren. Begleitend dazu kann man gerne die Online-Inhalte drucken, als Premium-Produkt, das seinen Namen verdient, das neben dem Mohnbrötchen raschelt und Lesestoff ohne Tablet bietet. Mit viel Text und tollen Bildern, während im Netz schnelle Meldungen und ebenso tolle Bilder ihren Teil beitragen. Und die Wahrheit (man kann es nicht oft genug betonen). Wir sind keine Amateure, wir sind die Profis - verlasst euch drauf.

Ich habe Angst, dass mein geliebter Beruf bald Vergangenheit ist. Die Gegner drängen von allen Seiten auf uns ein. Von unten, wo sie glauben, es genau so gut oder besser zu machen. Von rechts, wo sie dunkle Zeiten beschwören und "Lügenpresse" rufen und die Pressefreiheit abschaffen wollen. Von oben, wo sie mit Geld wedeln und ihre Macht missbrauchen, wenn man Hofberichterstattung verweigert. Was tun? Man möchte es brüllen: Seid mutig! Probiert was Neues! Und dann noch was Neueres! Setzt auf Qualität: Bietet gut geschriebene, toll bebilderte, fehlerfreie Artikel. Geht raus und dahin, wo es weh tut, seid der Stachel im Gesäß der Macht, die vierte Gewalt, tragt Verantwortung. Geht aber auch dahin, wo eure Leser sind und jene, die es werden sollen - nicht nur geografisch, sondern vor allem, was die Publikation angeht. "Wir sind da, wo Sie sind", habe ich kürzlich einer Gruppe von Leserinnen und Lesern versprochen. Löst das ein! Ungelernte, überforderte Freie auf Termine zu schicken, die Bürgermeister, Landräte und Vereinsvorsitzende diktieren, um danach mehr schlecht als recht aus furchtbaren Texten kaum lesbare zu machen; sich Beiträge einreichen lassen, sie auf Zeile zu trimmen und inhaltliche wie sprachliche Mängel einzubauen, damit man sie mit seinem Kürzel versehen darf; sich am Bürostuhl und an alten Gewohnheiten festklammern, um nicht verloren zu gehen, wo man doch der Kompass sein sollte... das sind keine Lösungen. Das sind Tritte aufs Gaspedal, und der Abgrund lauert noch immer.

Ich liebe meinen Beruf. Macht ihn nicht kaputt. Sondern lasst ihn uns retten.

Montag, 23. Juli 2018

Vor der Halle

Interessantes Gespräch vor dem Colos-Saal. Gerade parkt der Bus der Band vor dem Eingang. Eine Gruppe betrunkener Youngster stolpert staunend vorbei. Einer von ihnen spricht mich an.

"'tschuldigung, was is'n hier los?"
"Der Nightliner der Band ist gerade angekommen."
"Band? Spielen die noch?"
"Noch die Zugabe."
"Sind die berühmt? Wie heißen die denn?"
"Dead Daisies."
"Nie gehört. Dazu muss man wohl in Ihrem Alter sein."
"Vermutlich. Die sind sogar älter."
"Noch älter?"
"Mhm."
Er wendet sich seinen Kumpels zu: "Ey, da spielt 'ne Band. Nightline oder so!" Dann wieder zu mir: "Sind Sie von hier?"
"Nee."
"Nur für das Konzert?"
"Genau."
"Sind Sie der Busfahrer?"
"Richtig. Jetzt hast du es verstanden. Ich bin der Fahrer des Busses, der da gerade parkt."
"Cool! Wir müssen wieder. Schönen Abend noch!"
"Tschüss."

In der Halle. Vorher. (Foto: Engelhardt)


Montag, 26. Februar 2018

Fortsetzung der zweiten kuriosen Geschichte eines lang vergangenen Tages

Ich liebe das Abenteuer. Gestern zum Beispiel hatte ich den perfekten Sonntagabend. Um 22.30 Uhr kam ich vom Spätdienst nach Hause, steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn um und... nichts passierte. Falls jemandem der Beginn dieser Geschichte bekannt vorkommt, so ist das korrekt. Es passierte schon wieder. Das unfassbar teure, weil unglaublich gute Türschloss, das ich im Oktober einem Schlüsselnotdienstleister abgekauft habe, ist tatsächlich bereits kaputt!

Also rief ich ihn an (iPhone-Akku: 53 Prozent). Leider - so ließ er mich wissen - befinde er sich derzeit im Saarland und könne daher meiner Bitte um einen erneuten Besuch nicht nachkommen. Stattdessen empfahl er mir einen Kollegen in Gladenbach. Rasch suchte ich im Netz nach dessen Nummer (Akku: 41 Prozent) und ließ es klingeln. Der gute Mann wirkte leicht verschlafen (wofür ich Verständnis hatte) und schlug vor, ihm meine Adresse zu simsen (wofür ich kein Verständnis hatte, weil der Akku mittlerweile bei 38 Prozent war). Genuschelt, getan. Die Antwort kam zwar nicht prompt, aber in gebotener Kürze: "bin in 40 min da". 40 Minuten sind für die Strecke Gladenbach - Dreihausen nicht eben sportlich; offenbar hatte ich es nicht mit jemandem zu tun, der Geschwindigkeit für ein wichtiges Element bei der Ausübung seines Berufs hält.

Ich nutzte die Zeit, um festzustellen, dass ich fünf Euro Bargeld dabei hatte und meine Bankkarte im Esszimmer lag. Der große Vorteil am Landleben: Wir sind alle füreinander da. Wenn wir nicht schlafen. Meine Nachbarn schliefen alle. Also fuhr ich einige Straßen weiter, um nachzusehen, welche meiner Verwandten noch wach waren. (Praktisch: Sie wohnen quasi alle in unmittelbarer Nähe zueinander.) Es traf meine Cousine und deren Mann, die ich gewissermaßen auf dem Weg ins Bett abpasste und mit dem Hinweis auf einen (erneuten) Notfall um etwas Bargeld bat. Sie halfen prompt und wie selbstverständlich - ich schulde ihnen nun nicht nur Geld, sondern vor allem Dankbarkeit.

Zurück am Eigenheim stellte ich fest, dass der Schlüsseldienst-Ersatz noch nicht eingetroffen war und der Akku meines Smartphones inzwischen den Geist aufgegeben hatte. Danach war mir selbst auch, als ich frierend in der Einfahrt herumlief, um dem sehnsüchtig erwarteten nächtlichen Gast den Weg zu weisen. Zehn Minuten später als vereinbart hielt er mit quietschenden Reifen und weckte die Nachbarn, indem er mit seinem beeindruckenden Bauch hupte. Zur Begrüßung fragte er mich: "Wieso geht denn die Hupe, wenn der Schlüssel nicht steckt?" Ich antwortete sinngemäß: "Äh..." Dann verwies ich ihn auf mein eigenes Schlüsselproblem und erinnerte damit an den Grund seines Besuchs. Das sauteure, nagelneue, kaputte Schloss ist offenbar wirklich gut, denn es gelang dem Meister nicht, es zu öffnen. Stattdessen hebelte er an der Aluminiumtür herum und verzierte sie mit relativ unansehnlichen Kratzern. Die Lösung unseres Problems kam von mir, dem Laien: "Wir könnten über die Kellertür einbrechen." Ich möchte an dieser Stelle nicht ins Detail gehen, aber das Ganze dauerte erschreckende dreieinhalb Minuten, und der Experte ging das Haustürschloss schließlich von innen an. Es gelang ihm tatsächlich, den Riegel wieder gangbar zu machen, und ähnlich wie sein Vorgänger teilte er sein Fachwissen mit mir: "Waffenöl. Da geht nix drüber. Kost' aber auch."

Apropos Kosten: Sein Stundenlohn plus Anfahrt war glatter Wucher, zumal er ja letztlich nicht viel getan hatte. Nun steht die Anschaffung eines weiteren Schlosses an - ich bin noch nicht ganz sicher, inwieweit sich Schlüsseldienst Nummer eins daran beteiligen wird. Immerhin ist die Tür nun fest verschlossen, und auch der Keller ist inzwischen gesichert (das nur der Vollständigkeit halber).

Auf mich warten derweil neue Abenteuer: Ich werde versuchen, Termine bei verschiedenen Fachärzten auszumachen. Als Kassenpatient. Ich muss komplett verrückt sein.

Samstag, 24. Februar 2018

Im Traum

Mit 17 hat man noch Träume... Verdammt, mit 45 auch! Die Gedanken sind frei, und manchmal fliegen sie in eine Zukunft, die es vermutlich nie geben wird. Oder doch? Oder nicht? Es spielt keine Rolle - das ist ja das Schöne an Träumen.



Menschen, die Träume wahr werden lassen, begeistern mich. Vor allem, wenn es ihnen darum geht, anderen zu helfen. Die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Vier Beispiele:

Meine ehemalige Kollegin Nadine rettet Menschenleben und sorgt dafür, dass Kinder eine Zukunft haben. Sie tut das in Afrika, und zwar in jedem Urlaub (falls man das so nennen kann). Und macht das mit einer Selbstverständlichkeit, die mich so sehr beeindruckt wie ihr Engagement.

Mehr dazu gibt es auf www.help-for-miro.de.

Der Sänger und Songschreiber Andrew Cole wurde als Schüler gemobbt. Sogar verprügelt. Weil sie offenbar gemerkt haben, dass er als künstlerische Seele "anders" ist, haben ihn seine Mitschüler ausgegrenzt. Damit es Kindern und Jugendlichen, die so sind, wie er war, nicht ähnlich ergeht, hat er das Projekt "No Joke" ins Leben gerufen. Dahinter verbergen sich ein Lied, ein Film... und ein Treffen der Stars, denn das Opfer von früher ist nicht länger allein.

Wer mehr erfahren will, sollte sich nojokefilm.com anschauen - und den Trailer:



Einer meiner liebsten Musiker ist gleichzeitig einer meiner liebsten Blogger. Meist schreibt Johnny Haeusler (Plan B) auf seinem eigenen Blog Spreeblick, aber einer seiner lesenswertesten Texte ist hier erschienen. Auszug: "Ich kann machen. Nicht alles. Nicht wahllos. Aber sobald ich etwas tun will, sobald mich eine Leidenschaft für ein Thema oder Vorhaben gepackt hat, lege ich los. Ich setze Ideen in die Tat um. Egal ob ich mich schon gut damit auskenne oder nicht, egal ob mir Menschen davon abraten, egal wie die Chancen auf Erfolg stehen. Und in den meisten Fällen klappt es auch. Nicht unbedingt und vor allem nicht ausschließlich weil ich es kann. Sondern weil ich es will."

Ich hab's nicht so mit Vorbildern, aber lest bitte den kompletten Text - dann versteht ihr, weshalb der Gedanke dahinter zumindest ein Leitbild sein kann.

Aus Bob Geldofs Autobiografie mit dem falsch übersetzten deutschen Titel "So war's" zitiere ich ungefähr wöchentlich. Der Mann hat ebenfalls einfach gemacht - nämlich mal kurz das größte Rockfestival aller Zeiten organisiert und damit viel für die so genannte Dritte Welt und unser Bild davon getan. Kauft das Buch, gerne in der Übersetzung und meinetwegen sogar hier.

Und ich? Was mache ich?

Das Übliche (hier habe ich es mal skizziert). Und träumen, weil das ein Anfang sein kann.

Mein Traum sieht ungefähr so aus: Ich lebe mit vielen Freunden auf einem riesigen Öko-Bauernhof, den wir gemeinsam betreiben. Der Landwirtschaftsbetrieb dient der Selbstversorgung, denn unser Business ist ein anderes: Wir betreiben ein Musik-Label, einen Buchverlag und einen Shop für Nerd-Kram. Unser Ziel ist, den Menschen, die unsere Songs hören, unsere Texte lesen und unsere nutzlosen, aber sinnvollen Kleinigkeiten mit nach Hause nehmen, ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Sie sollen sich gut fühlen. Und vor allem sollen sie das Bedürfnis haben, anderen Leuten ebenfalls Gutes zu tun. So dass "das Gute" sich wie ein Virus verbreitet und irgendwann den Planeten erobert. Um ihn zu retten. Wir wollen motivieren, stärken, da sein.

Diesen Traum habe ich schon sehr lange. Aber in den vergangenen Tagen habe ich wieder etwas häufiger geträumt. Denn auf einmal geht der viel beschworene Ruck durch die Republik, vielleicht die Welt, auf jeden Fall durchs Netz.
 Und natürlich:



Frei nach ...But Alive: Vielleicht hatte Martin Luther King doch irgendwo Recht.

Freitag, 9. Februar 2018

Wie "Mein Dogma (V)" zum Geschwätz von gestern wurde

Da hat der Mann mit den Haaren im Gesicht ganz schön daneben gelangt. Lässt sich mit seiner Freundin beim Planschen im Pool ablichten, während die Bundeswehr in Mazedonien einrückt... Moment - was soll Schulz gemacht haben? Nicht Schulz. Scharping. 2002.

Da hat der Mann mit den Haaren im Gesicht ganz schön daneben gelangt. Lässt sich mit den Linken beim Planschen im Zauberbad erwischen, während die restliche Republik noch die Mauertoten betrauert... Moment - das war doch auch nicht Schulz, oder? Nein, war er nicht. Platzeck. 2009.

Knapp ein Jahrzehnt später gibt der Mann mit den Haaren im Gesicht wirklich alles, um dieser sozialdemokratischen Tradition treu zu bleiben. Ja, diesmal ist Schulz gemeint. Und nein, mehr an Wortspielen und Albernheiten gibt's zu ihm an dieser Stelle nicht. Die stecken mir nämlich im Hals, und mit Schluckbeschwerden ist nicht gut kalauern.

Daher ernsthaft: Was zur Hölle ist denn da los? Wie kann eine Partei, der immerhin 20,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme gegeben haben, es wagen, ein derart kindisches Verhalten an den Tag zu legen? Und mit welchem Ziel tut sie das?
So lässt sich in der Tat ganz gut zusammenfassen, was in den vergangenen Wochen an sozialdemokratischer Politik passiert ist, wenn es darum ging, eine Bundesregierung zu schaffen. Ja, nein, vielleicht, Geschwätz von gestern, Geschachere von heute, Gefahr für morgen... Wenn man bedenkt, dass ich eines jener Mitglieder bin, die demnächst aufgefordert werden, ihre Meinung zu jenem fragilen Konstrukt abzugeben, das da als Endprodukt zäher Koalitionsverhandlungen zitternd am Abgrund steht, bin ich ganz schön ratlos.

Was ich will? Keine Ahnung.

Mir gefiel der Gedanke einer sozialdemokratischen Opposition. In dieser Ecke hätte die SPD die Chance gehabt, Wunden verheilen zu lassen, in den Blecheimer zu spucken und mit frischem Zahnschutz in die nächsten vier Runden zu springen. Sogar den Meistertitel sah ich in Reichweite, wenn sie zäh und willensstark geblieben wäre. Und sich vor allem auf ihre Wurzeln besonnen hätte.

Andererseits erkenne selbst ich als GroKo-Gegner durchaus deren Vorteil. Denn so absurd es klingt: Etwas vom Grundsatz derart Demokratiefeindliches ist vielleicht die einzige Waffe gegen die wahren Feinde der Demokratie. Die sitzen nämlich - daran ändern die Grabenkämpfe der Genossen nichts - definitiv im Bundestag. Gewählt von zwölf Prozent, was nicht nur im Vergleich zu den erwähnten 20,5 zuviel ist, um noch ruhig schlafen zu können.




Ich weiß immerhin, was ich nicht will. Ich will keine SPD, die sich selbst demontiert. Denn dass sie darin wirklich gut ist, beweist sie seit Jahrzehnten und gewinnt dabei zunehmen an Geschwindigkeit. Ich will keine Parteispitze, die aus verbrannten Greisen besteht statt jungen Wilden eine Chance zu bieten, dem Wort Erneuerung seine ursprüngliche Bedeutung zurückzugeben.

Und vor allem will ich niemanden dort oben sehen, der sich in wenigen Wochen derart häufig selbst widerspricht - ach was: als Lügner erweist - wie Martin Schulz.

Seit Ende 2016 bin ich Mitglied der SPD. Mal schauen, wie lange noch. Sollte ich die Partei verlassen und mich jemand nach den Gründen dafür fragen, kenne ich meine Antwort schon jetzt: Der Mann mit den Haaren im Gesicht hat daneben gelangt.

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Herzensangelegenheiten

17. August 1960: Irgendwie ist er unzufrieden. Klar: Sie dürfen heute live auftreten, und das Publikum hier in Hamburg scheint sie zu mögen. Aber sein bester Kumpel ist ihm immer ein bisschen zu gut gelaunt, der andere Gitarrist ein wenig zu ambitioniert, und der Schlagzeuger kommt immer seltener zur Bandprobe. Außerdem fehlt ihm die schlechte Luft von Liverpool. Wer hätte das gedacht? Eines Tages, da ist er sicher, werden sie die größte Band der Welt sein. Größer als Jesus. Eine Revolution starten. Man muss es sich nur vorstellen.

18. Juni 1967: Brian Jones nennt ihn einen Freund und "den aufregendsten Performer, den ich je gehört habe". Die Massen vor der Bühne jubeln, aber sie jubeln praktisch immer. Gras und Liebe überall, sie träumen von einer besseren Zeit. Er will eigentlich nur Musik machen, die Musik in seinem Kopf und seinem Herzen. Er spielt die Gitarre wie niemand zuvor. Sie ist ihm Geliebte und Gegner, Anker in der Not und Brücke nach außen. Er lässt sie singen und schreien und weinen. Dann spielt er einen Song von Bob Dylan und verändert die Welt.



16. August 1974: Ihr Konzept geht auf. Gleiche Frisuren, gleiche Klamotten, kein Song über drei Minuten. "One, two, three, four", zählt der Bassist an. Sie rocken das CBGB's, sie rocken das New Yorker Publikum. Drei Betrunkene, den Barkeeper und einen Hund. Selbst die sind hier mehr Kunst gewohnt, weniger Krach. Dass Krach Kunst ist, verstehen sie schnell. Es geht um Geschwindigkeit, um Freiheit, um das Leben. Keine Zeit für viele Gedanken oder schlechte Stimmung. Popmusik, aber lauter. Auch das gehört zum Konzept. One, two, three, four.

16. August 1975: Er mag es nicht, vor ausgewähltem Publikum zu spielen. Lieber singt er für die einfachen Menschen da draußen, deren Geschichten er in seinen Liedern erzählt. Aber ihr neues Album steht an, und die Plattenfirma will die Songs vorstellen. Also ist das Bottom Line in New York eben der Ort, wo sie beweisen, was sie können. Dass er und die Jungs längst eine gut geölte Maschine sind, geschmiedet auf den Bühnen im ganzen Land. Einer der Zuschauer macht sich Notizen. "Ich habe die Zukunft des Rock'n'Roll gesehen", steht da.

26. März 1985: Endlich auf die Bühne. Raus aus dem vergammelten Proberaum, der eigentlich ihr Wohnzimmer war. Er stöpselt seine Gitarre ein und legt los. Vor ihm krächzt der Sänger die ersten Zeilen ins Mikro, neben ihm starren der Bassist und der andere Gitarrist verbissen auf ihre Instrumente. Der Drummer, da ist er sicher, konzentriert sich lieber auf den Sitz seiner Frisur. Die Songs sind gut, das weiß er genau. Und er weiß auch, dass er sie irgendwann in riesigen Stadien spielen wird, für ein riesiges Publikum und mit riesigem Sound. Er blickt nach vorne zum Publikum. Dort stehen zwei Leute.

13. Juli 1985: Gott sei auf der Suche gewesen nach einem, der etwas gegen den Hunger in der Welt unternimmt, schreibt er später in seiner Autobiografie. Doch er habe sich vertan und an der falschen Tür geklingelt - ein gammeliger Ire machte auf. "Egal", habe Gott gedacht, "der tut's auch." Und das stimmt: Er tut etwas. Er macht, während andere nur reden. Er hat sie alle zusammengetrommelt, die Größten der Rockszene, und gemeinsam singen sie für eine gute Sache. Es ist das größte Festival aller Zeiten, und er hat es fast im Alleingang organisiert. Vielleicht hat Gott sich gar nicht geirrt?

17. August 1991: Jetzt wollen sie auch noch ein Video. Niemals hatte er vor, einen verdammten Hit zu schreiben. Seine Angst und seine Wut sollten vertont werden, die mussten raus. Mal laut, mal leise, beides im gleichen Song. Mehr nicht. Und plötzlich halten alle ihn für den Retter des Rock. Sein Magen schmerzt schon seit Tagen, wie eigentlich fast immer, seine schlechten Angewohnheiten sind wieder da. Die beiden anderen haben Verständnis für ihn, sind jedoch nicht die Stütze, die er braucht. Auch seine Freundin ist das nicht. Niemand ist das. Er fühlt sich allein. Und singt zynisch darüber, andere zu unterhalten. Er weiß nicht, ob er das noch lange erträgt.

Sieben Streiflichter von tausend möglichen. Um mal ein paar Helden zu danken.

Montag, 11. Dezember 2017

Team Keaton

Wenn mich in den vergangenen Monaten etwas Nicht-Persönliches berührt hat, dann ist das die Geschichte von Keaton Jones. Keaton ist ein kleiner Junge aus Tennessee, und er hat der Welt etwas zu sagen. Deswegen hat er seine Mutter gebeten, ihn mit dem Smartphone zu filmen. Unter Tränen erzählt er davon, wie er immer und immer wieder von anderen Schülern drangsaliert wird, wie sie ihn quälen, sich über sein Aussehen lustig und ihm das Leben zur Hölle machen. "Menschen, die anders sind, brauchen deshalb nicht kritisiert zu werden", sagt er unter anderem. "Es ist nicht ihre Schuld."

Ich stelle das Video hier bewusst nicht dazu, weil es wirklich dazu angetan ist, einem das Herz zu brechen - hier ist es zu finden. Innerhalb weniger Tage hat der Junge, der keine Freunde hatte, den größten Freundeskreis der Welt bekommen. Ungezählte Menschen solidarisieren sich mit ihm per Twitter und Facebook, aber sie besuchen ihn auch zu Hause in Tennessee. Unter ihnen sind ein Dutzend prominenter Sportmannschaften, deren bekannteste Spieler, aber auch erfolgreiche Musiker und Schauspieler, unter anderem ungefähr der komplette Cast von "Avengers: Infinity War".

Die gute Nachricht: Keaton kann wieder lachen - und einen Tweet dazu stelle ich gerne hier ein:
Und er ist zum Vorbild, zur Stimme für all jene geworden, denen es so ergeht wie ihm, die in sehr jungen Jahren schmerzhaft lernen, wie grausam die Welt und die Menschen darin sein können. Beeindruckender kleiner Kerl.

Warum mich seine Story so berührt? Weil sie mich an weniger lustige Zeiten erinnert, die ich selbst erlebt habe, als ich in seinem Alter war. Ich spreche darüber nicht besonders gern, habe sogar die Klappe gehalten, wenn andere mutiger waren und ihre entsprechende Geschichte erzählt haben. Vermutlich habe ich diese Erfahrungen auch ein bisschen verdrängt. Nun wurde ich dieses Jahr zum dritten Mal daran erinnert und kann bestätigen, dass es irgendwann besser wird. Der Schlüssel ist Selbstbewusstsein (und zwar im Wortsinn, aber auch in der klassischen Bedeutung).

Jeder Mensch ist etwas wert. Ob er ein Keaton ist oder einem Keaton begegnet - es ist wichtig, sich das ab und zu ins Bewusstsein zu rufen.

(Kleines Update: Natürlich ist dies das Internet, und natürlich hat das Leben immer zwei Seiten. Inzwischen wurden Fotos und Screenshots veröffentlicht, die Keatons Mutter als zumindest sehr reaktionär darstellen. Außerdem hat jemand unter ihrem Namen eine Spendensammlung eröffnet.

Dazu ist zu sagen, dass die Familie abstreitet, etwas mit dem Spendenaufruf zu tun zu haben, und es vergleichsweise einfach ist, sich online als jemand anderes auszugeben. Und zum erstgenannten Vorwurf genügt mir persönlich das Foto im Tweet. Sieht für mich nicht nach Rassismus aus. Zumal wir über einen kleinen Jungen reden, der viel durchgemacht hat, nicht darüber, welche Fehler seine Mutter begangen haben mag. Haters gonna hate. Mehr dazu gibt's hier.

Noch ein kleines Update (und mich ärgert, dass das nötig ist): Mittlerweile erlebt die Familie einen Shitstorm, steht also zwischen zwei Wellen, und das ist sehr unnötig. Grundsätzlich geht es einfach um einen kleinen Jungen, der gemobbt wurde. Wer an Fakten interessiert ist, sollte sich das hier anschauen. Und es ansonsten so halten:
Und so:
Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.)