Sonntag, 2. Februar 2020

Draußen

Die Dunkelheit war sein Freund. Sie schützte ihn vor der Welt. Aber das fahle Licht, das durch die Ritzen in der Tür in seine Kammer fiel, leuchtete verheißungsvoll. Und die Geräusche, die durch die gleichen Spalten zu hören waren, weckten seine Neugier. Hier kannte er jeden klammen Stein, hatte sämtliche vergilbten Bücher im verfallenen Regal gelesen, nahm den modrigen Gestank seines Zuhauses als vertraut wahr.

Da war noch mehr, das wusste er aus den alten Geschichten. Vielleicht würden die anderen ihn mögen, wenn er sich benahm wie sie, wie er es aus den Büchern gelernt hatte. Ich könnte einer von ihnen sein, dachte er, und sein Herz schlug schnell und laut, als er die knarrende Tür öffnete. Hab Mut, sagte er zu sich selbst, verließ mit schweren Schritten die düstere Kammer, die sein Zuhause war, und ging die lange Treppe hinunter. Da unten war Musik, viele Menschen sprachen durcheinander, einige lachten. Er atmete tief durch und betrat einen Saal, der so hell erleuchtet war, dass ihm die Augen brannten.

Plötzlich verstummten das Gelächter und die Gespräche, dann auch die Musik. Die fremden Menschen starrten ihn an, nicht erstaunt, sondern entsetzt. Kinder liefen weinend zu ihren Eltern. Einige der Erwachsenen schrien laut auf. Jemand übergab sich. Ein Mann griff sich eine Flasche und kam drohend auf ihn zu. Überrascht wich er zurück, verängstigt hielt er einen Arm vor sich und drehte das Gesicht weg.

Dann sah er es, als Spiegelbild in einem Fenster. Sah zum ersten Mal, wer er wirklich war. Was er war. Er war anders als sie, erschreckend anders. Es hatte keinen Sinn, sich einzureden, er könnte jemals einer von ihnen werden. Was hatte er sich nur eingebildet? Wie sollten sie etwas wie ihn akzeptieren? Wie hatte er nur glauben können, dass jemand für ihn die gleiche Neugier, dasselbe Interesse empfinden konnte, die ihn aus seiner Kammer getrieben hatten? Schweigend wandte er sich ab und humpelte verzweifelt die Stufen hinauf. Er torkelte in sein Zuhause und zog die schwere Tür hinter sich zu. Allein. Endlich. Die Dunkelheit war sein Freund.