Samstag, 12. Januar 2013

Herzensangelegenheiten

Vier Bewerber. Vier Absagen. Ein bisschen war es wie in dem sehr empfehlenswerten irischen Film "The Commitments": Wir saßen mit unseren Instrumenten herum und testeten mögliche neue Mitmusiker. Unsere Band befand sich mal wieder in der Auflösung, und irgendjemand hatte die blöde Idee, mit einem anderen Gitarristen ein neues Projekt zu starten. (Ich ahne, wer das war. Blöde Ideen und ich - das passt einfach gut.)

Zunächst hörten wir uns in unserem direkten Umfeld um. David war eine Jahrgangsstufe unter uns, hörte Punkrock und machte gern kokettierende Witze darüber, dass diese Vorliebe nicht recht mit seiner Hautfarbe korrespondiere. "Bad Brains", entgegnete ich dann. Und David grinste. Er grinste auch noch, nachdem Alex' legendär riesiger Bassverstärker in das Wohnzimmer seiner Eltern gewuchtet worden war, ich meine zerprügelte Schießbude aufgebaut hatte und wir uns an irgendwas von Minor Threat versuchten. Ein Nachbarskind überbrachte nach wenigen Minuten die Botschaft der Straßengemeinschaft, man möge doch bitte das Radio leiser drehen. Das verstanden wir als Lob oder eher nicht. Auf jeden Fall überbekam David zunächst die Befürchtung, die Bewohner der umliegenden Eigenheime könnten seine Eltern über unser so unangemeldetes wie lautstarkes Treffen unterrichten, und dann der Eindruck, selbst Musik zu machen sei eventuell doch nicht so sein Ding.

Dafür war das ganz genau das Ding von Joachim, der die gleiche Jahrgangsstufe wie David besuchte, sich erstaunlicherweise aber in allem von diesem unterschied. Jo hatte lange Haare, die er hinten zusammengebunden trug, war sehr blass und noch dünner. Er sah aus wie jemand, der Jugendfreizeiten begleitet. Das Problem: Genau so jemand war er auch. Anders als sein Bruder Martin, der bei den Cockahoop Cockatoos spielte, hatte er mit Rock'n'Roll derart wenig im Sinn, dass ich mich dabei ertappte, ihm lautmalerisch zu erklären, was ein Gitarrenriff ist. Alex war nicht dabei, und wir saßen im Proberaum einer befreundeten Metalband. Deren Drummer war geschätzt einen halben Meter kleiner als ich und wusste nichts davon, dass ich sein absurd großes Set benutzte. Jo und ich absolvierten also die erste Stunde von "Markus' kleinem Grundkurs für angehende Bühnensäue". Danach stellte ich wenig erstaunt fest, dass sich eine klassische Gitarrenausbildung zwar mit Ferienspiellagerfeuerromantik vertragen mag, ich mit beidem aber nichts am Hut habe.

Bewerber Nummer drei und vier besuchten uns im Proberaum eines örtlichen Jugendzentrums und waren mutig und/oder verzweifelt genug, auf unsere Kleinanzeige reagiert zu haben. Till war seinerzeit bereits ein recht erfahrener Musiker und hatte mit dem heutigen Edguy-Trommler Felix in einer Band mit dem schönen Namen Merciless Gnom gespielt. Alex und ich waren keine recht erfahrenen Musiker, und niemand, der in unserer peinlich benannten Combo gezockt hatte, lief auch nur ansatzweise Gefahr, jemals auf einer großen Bühne zu stehen. Wir spielten "Smells Like Teen Spirit", aber es roch nach Angstschweiß und Verzweiflung, und anschließend stöpselte Till wortlos seine Gitarre aus und nickte zum Abschied.

Mein persönlicher Favorit war Kandidat vier. Allerdings eher aus soziologischem Interesse. Er sah aus, als sei der verschrammte Gitarrenkoffer, den er keuchend reinschleppte, gleichzeitig seine Wohnung. Diese enthielt eine schwarze, zerkratzte Klampfe und eine unetikettierte Flasche mit einer braunen Flüssigkeit, die beim Öffnen zischte. Nachdem unser neuer Freund sie halb geleert hatte, drehte er den Verstärker auf und nuschelte: "Kennt ihr Cortez The Killer?" Kannten wir - Alex nur dem Namen nach -, aber ich bin sicher, Neil Young hätte uns mit finsterem Blick in die ewigen Jagdgründe geschickt, wenn er unsere Version gehört hätte. Sie dauerte doppelt so lang wie das Original (das siebeneinhalb Minuten lang ist). Das lag zum einen daran, dass der Koffermann zwischendurch immer mal wieder einen Schluck nahm. Zum anderen hörte Alex ab und an auf zu spielen und sah mich vielsagend an. "Cortez The Killer" ist etwa so alt wie wir, aber unser potenzieller Leadgitarrist war mit Sicherheit schon volljährig gewesen, als es herauskam. Nun jedoch war er nur noch voll. Wir legten Sticks und Bass zur Seite, schoben ihn mitsamt seiner Habe durch die Tür und logen, er höre sicher bald von uns.

Vier Bewerber. Vier Absagen. Keine neue Band. Und seitdem nie wieder. Mal schauen, ob das so bleibt.

Mittwoch, 7. November 2012

Kino-Kritik: "Skyfall"

Seit einem halben Jahrhundert hetzt der Superspion und Frauenheld über die Leinwand, meist im korrekten Anzug und mit Schweiß auf der Stirn. 50 Jahre - Anlass genug für Fans und Feuilleton, seit Monaten in Erinnerungen zu schwelgen, jedes noch so ausgewrungene Wortspiel zu bemühen und zur Ikone zu erhöhen, was längst eine ist. James Bond ist ein Mythos. Mehr ist dazu nicht mehr zu schreiben.

Anders sieht es mit dem zweiten Grund zum Feiern aus: "Skyfall" - gerne als 23. Bond-Abenteuer bezeichnet, obwohl es das 24. ist, wenn man "Sag niemals nie" dazuzählt. Daniel Craig darf, trotz oder wegen deutlich härterer Gangart und kalter Augen, als etablierter sechster 007-Darsteller gelten und sich zum dritten Mal beweisen. Jede Ära bekommt die Doppelnull, die sie verdient: Das gar nicht mehr so neue Jahrtausend kann einen Bond vorweisen, der als archaischer Racheengel daherkommt und dabei fast wie ein Relikt wirkt. Bröselt das System, ist nur noch auf echte Menschen Verlass. Auf echte Helden gar. Das mag die Ausrichtung des aktuellen Agenten-Updates sein.

Über weite Strecken, vor allem während des furios, aber überraschend erdig inszenierten Auftakts, ist der Himmelssturz eine Reise durch bekannte Gefilde. Wahre Fans lieben das - da weiß man, was man hat. Der Showdown allerdings nimmt die Sache mit den Wurzeln, zu denen man zurückkehren kann, ungewohnt wörtlich, bietet mindestens eine augenzwinkernde Hommage an einst (der gnadenlos der Garaus gemacht wird) und beschreitet dennoch neue Wege.

Ähnliches gilt für die Handlung: Ein angekratzter, aber aufrechter 007 bekommt es mit einem durchgeknallten Ex-Kollegen zu tun. Raoul Silva (gespielt vom sinistren Javier Bardem) ist ein tuckiger Psychopath mit Andy-Warhol-Frisur. Zwar wurde er im Vergleich zum hausbackenen Trailer authentischer synchronisiert, aber auch das rettet den Antagonisten nicht davor, in der Ahnengalerie der Bond-Bösewichte eine vergleichsweise blasse Gestalt zu bleiben. Das gilt auch für die Bondine Sévérine (Bérénice Marlohe), deren Aufgaben darin bestehen, ein Abendkleid zu tragen, gerettet zu werden und zu duschen.

Auf der guten, aber von Politintrigen zerschlissenen Seite der Macht sieht es besser aus. Naomie Harris gibt einen cleveren und charismatischen Sidekick, der saucoole Ralph Fiennes den perfekten Gegenpart zur natürlich souveränen Judi Dench als "M". Zu allen drei Charakteren bleiben Details an dieser Stelle und aus gutem Grund unerwähnt. Ben Whishaw ist Sheldon Coo..., äh: der neue "Q". Sein Job ist es, noch einmal zu unterstreichen, dass Bond, James Bond ein analoger Haudrauf in einer digitalen Wunderwelt geworden ist.

Das ist auch das Manko von "Skyfall": Ein wenig unentschlossen geht es schon hin und her zwischen Altem und Neuem, zwischen dem Bewusstsein, das Genre vielleicht erfunden, zumindest aber definiert zu haben, und dem Bemühen, die Nachfolger einzuholen. Ein Hauch "Bourne" schwebt mitunter über den krawalligen Kämpfen, wenngleich eine durchaus handlungsfördernde Schießerei dann wieder angenehm retro in Szene gesetzt wurde.

Letztlich bleibt der neue Bond perfekte Kino-Unterhaltung mit teils aufregender Kameraarbeit, erwartet platten Dialogen und den üblichen Zutaten. Natürlich kehrt James Bond zurück, daran lässt nicht nur der klassische Abspann keinen Zweifel. Diesmal jedoch wissen wir, warum er das tut: Der Held, dem wir seit Jahrzehnten staunend zusehen, hat eine Arbeit zu erledigen. Und er ist zu zäh und starrköpfig, um aufzugeben. Wie erwähnt: Jede Zeit hat den Bond, den sie verdient.

Das ist mir satte acht von zehn enttarnten Geheimagenten wert.

Samstag, 6. Oktober 2012

Kino-Kritik: "Looper"

Hätte ich nicht gedacht: Ein Film, den ich so gar nicht auf der Liste hatte, entpuppt sich als einer der besten dieses Jahres - und vielleicht sogar als der cleverste. Das liegt in erster Linie am komplexen, doch immer durchdachten Drehbuch, aber natürlich auch an der relativ straffen Inszenierung und den teils beeindruckenden Darstellern.

Joseph Gordon-Levitt (mit Maske) und Bruce Willis (mit Falten) spielen den Killer Joe. Im Jahr 2044 arbeitet er als so genannter "Looper", dessen Aufgabe es ist, aus der Zukunft geschickte Opfer zu erschießen, damit diese 30 Jahre später quasi verschwinden. Seine Befehle bekommt der drogenabhängige Einzelgänger von Gangsterboss Abe (Jeff Daniels), der aus besagter Zukunft gekommen ist, um die Looper zu kontrollieren. Wird der Loop geschlossen, also die Karriere eines Auftragsmörders beendet, ist das Opfer er selbst - sprich: sein drei Jahrzehnte älteres Ich. Ab diesem Zeitpunkt wissen die Looper, dass ihnen noch genau 30 Jahre bleiben, ehe sie in die Vergangenheit geschickt und von sich selbst umgebracht werden. Joes Problem: Seine ältere Version lässt sich nicht einfach abknallen, sondern hat eine Mission.

Verwirrt? Keine Sorge, wer sich zwei Stunden auf diese verschachtelte Zeitreise-Geschichte einlässt und nicht nur Augen und Ohren, sondern auch ein wenig Hirnschmalz bemüht, hat keine Probleme, der Handlung zu folgen. Und wird zudem belohnt mit einer packenden Mischung aus Film noir, Dystopie und Schauspieler-Kino. Wichtigster Rat: Vermeidet Spoiler! Auch hier steht kein weiteres Wort zur Story, die mit überraschenden Wendungen nicht geizt.

Rian Johnson, der bislang unter anderem eine Folge von "Breaking Bad" inszeniert hat und bei "Looper" für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, gelingt es scheinbar mühelos, die einzelnen Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen und auf einen furiosen Showdown hinzuarbeiten. Gordon-Levitt schafft es, wegen (oder trotz?) aufwändiger Maskierung, Willis' charakteristische Mimik zu kopieren. Der alte Haudegen selbst nimmt sich auffallend zurück und überlässt den jüngeren Stars die Leinwand. Neben dem Hauptdarsteller ist das Emily Blunt, die sich mit Mut zu Schmutz und Schweiß erfolgreich gegen ihr Püppchen-Image stemmt.

"Looper" ist kein Actionfilm, er ist streng genommen auch keine richtige Science fiction. Aber er ist ein Klasse-Thriller, der seine Zuschauer in die Kinositze drückt und sogar notorische Popcorn-Fresser davon abhält, raschelnd in die Tüte zu greifen - oder zu atmen. Vor allem aber bleibt er hoffentlich kein Geheimtipp.

Dafür gibt's glänzende neun von zehn illegal verdienten Silberbarren.

Sonntag, 30. September 2012

Kino-Kritik: "Schutzengel"

Luna Schweiger hat doppeltes Pech. Ihr Vorname passt auf traurige Weise zu ihrer Physiognomie, und sie hat das überschaubare Schauspieltalent ihres Vaters geerbt. Der wiederum zerrt ja gerne mal seine Töchter vor die Kamera.

Was die Menschen vor der Leinwand angeht - da ist Til Schweiger deutlich wählerischer. Statt den Pressefuzzis sein neues Meisterwerk (so heißen etwas teurere deutschsprachige Filme grundsätzlich) "Schutzengel" vorab zu zeigen, jettete der Meister (...) lieber nach Afghanistan. "Grund dafür sind die schlechten Erfahrungen, die er in der Vergangenheit mit anderen Journalisten erfuhr", weiß die Wikipedia. Da fragt man sich die Frage, was passiert, wenn nicht nur die arroganten Schreiberlinge etwas zu kritisieren haben, sondern möglicherweise auch andernorts mürrisches Gemurmel laut wird - im Kinosaal gar. Droht dann ein Bundeswehreinsatz im eigenen Land? Denn unsere Mädels und Jungs an der Front sind auf Schweigers Seite, daran lässt das, was in den vergangenen Wochen einen klassischen Trailer für "Schutzengel" ersetzte, keinen Zweifel. Wie einst die Monroe und heute gern etablierte US-Konsensrocker bespaßte Schweiger die Truppen am Hindukusch. Die dankten es ihm mit wohlwollenden Äußerungen wie: "Es hat gut widergespiegelt, wie es wirklich hier unten auch ist." Vorab: Schweigers aktueller Film behandelt keineswegs "das Thema der Kriegsrückkehrer aus Afghanistan" (nochmal Wikipedia), sondern ist ein inhaltlich schlichter Thriller und spielt noch dazu in Berlin und Brighton (!).

Es geht um das Mädchen Nina (genuschelt vom Mädchen Luna), das in den ersten fünf Filmminuten miterlebt, wie Heiner Lauterbach (als Heiner Lauterbach, der als Waffenhändler bezeichnet wird) ihrem zaghaften Flirt mit einem Hotelangestellten durch ein, zwei Pistolenkugeln ein Ende macht. Kurz darauf sitzt die traumatisierte (so wird behauptet) Mordzeugin zunächst auf einem klischeehaften Polizeirevier - inklusive engagierter Staatsanwältin (Karoline Schuch) und saufendem Chef (Herbert Knaup) -, dann in einem Versteck, wo sie von zwei Cops (Bitte nicht "Bullen" - das hier ist ein Thriller von internationalem Format!) bewacht wird. Diese sind knallhart, aber herzensgut, daran lassen die Gesichtsausdrücke der unterforderten Hannah Herzsprung und des vermutlich erleichterten Axel Stein keinen Zweifel. Kaum kommt der dritte Beschützer (Til Schweiger - wurde auch Zeit) hinzu, sprengen auch schon die bösen Buben die Appartmenttür, und es darf einige Minuten lang geballert werden, wie John Woo und Quentin Tarantino es auch deutschen Filmemachern beigebracht haben.

Der Rest der Geschichte ist ebenso überraschungsarm wie schnell erzählt: Max - so der Name des heldenhaften Haudraufs mit dem starren Blick - bringt die potenzielle Kronzeugin durchs Sperrfeuer der sinistren Schergen von Waffenverkäufer Backer. Unterwegs treffen sie in einer Art Nummernrevue auf mehr oder minder bekannte Gesichter aus Film und (häufiger) Fernsehen, darunter Oliver Korittke, Ralph Herforth, Fahri Ögün Yardim und Antoine Monot jr., deren Gastrollen mit Bezeichnungen wie "falscher Polizist" oder "Polizist" versehen wurden. Unterstützt wird das "ungleiche Duo" (Rezensentensprech) von Max' Ex - der Staatsanwältin - sowie seinem besten Freund und Kriegskameraden Rudi (gespielt von Moritz Bleibtreu - der im Übrigen der einzige ist, der sich dieses Verb redlich verdient hat). Dem fehlen seit einem gemeinsamen Einsatz in Afghanistan (aha!) zwar Unterschenkel und Füße, dafür beweist er Standfestigkeit ('tschuldigung!), wenn es darum geht, in einer Feuerpause den allenfalls angedeuteten Charakter der Hauptfigur zu erläutern. Max, so erfahren wir gähnend, ist ein dufter Typ, hat seinem Kumpel sogar das Leben gerettet, nachdem er ihn zuvor in ein Himmelfahrtskommando geführt hatte. Während Rudi in der östlichen Provinz den Späthippie gibt und Kekse futtert, zelebriert Mäxchen seither bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Narben an Körper und Seele. Nämlich immer dann, wenn die Kamera läuft.

Es folgen öde Kämpfe, klassisch strukturierte Humoreinlagen, schlimme Trivialdialoge ("Ich seh' dich auf der anderen Seite") und einschussgroße Logiklöcher, ehe alles in einen nach zwei Dritteln schlicht abgehackten Showdown mündet und das glückliche Ende seltsam langatmig die Überlebenden vereint.

Ist nun wirklich alles schlecht am "Schutzengel"? Nein (und ich kann selbst kaum fassen, dass ich das schreibe). Wer eine etwas hausbackene Variante US-amerikanischer Krimiklischees erwartet, wird sicher nicht enttäuscht. Bleibtreu, Knaup und wohl auch Lauterbach wissen, was sie tun, und liefern solide Souveränität ab. Es kracht bisweilen ganz ordentlich, manche Pointe scheint fast zu sitzen, und unwesentlich spannender als "Derrick" ist der Film allemal. Auf der anderen Seite (da ist sie wieder) ist Schweiger ein stark limitierter Mime, steht sein Töchterchen ihm diesbezüglich kaum nach, wirkt die Inszenierung bisweilen unfreiwillig komisch, wo sie doch dramatisch sein will. Ein großes Ziel hat unser Zweigesichthase jedoch erreicht: Wer mitreden oder abrotzen will, muss eine Kinokarte kaufen. Hoffentlich beschwören wir dadurch keine Fortsetzung herauf.

Macht anderthalb von fünf kleinen Quentins fürs Ikea-Regal im Wohnzimmer.

Freitag, 28. September 2012

Herzensangelegenheiten

Wenn alte Freunde oder neue Bekannte von meiner Begeisterung für Jazz erfahren, müllen sie mich gerne mit Vorurteilen und Halbwissen zu. Die Palette reicht dabei von dem völlig unbelegten Vorwurf, hinter einem schwarzen Kaffee und in einem ebensolchen Rollkragenpullover in Straßencafés zu sitzen, über den unverschämten Hinweis auf meinen teils ergrauten Bart bis hin zur wüsten These, Jazz sei "sowas wie die Blues Brothers oder Jan Delay".

Ich neige nicht dazu, milde zu lächeln. Deshalb eröffne ich meist eine später lautstark geführte Debatte, aus der ich stets als moralischer und argumentativer Sieger hervorgehe. Jazz ist eben was für Intellektuelle.

Mit der mir eigenen Bescheidenheit glaube ich gar, beurteilen zu können, dass es den Jazz gar nicht gibt. Was im Plattenladen für gewöhnlich in der zweitkleinsten Abteilung zu finden ist, ist vielfältig und kaum zu definieren. Sicher lässt sich eine Brücke von Miles Davis zu Galliano schlagen, aber sie ist ein wenig wackelig und führt in nebliger Höhe über belebte Straßen und verzweigte Irrwege. Abgekürzt: "Mein" Jazz - das ist Coltrane und Mahavishnu Orchestra, Ginger Baker und John Scofield. Aber vor allem und als erstes und immer wieder: Jonas Hellborg. Der ist Schwede, spielt Bass und sieht auf dem Cover seines Albums "Axis" sehr eigenartig aus. Unter anderem deshalb hängt es an der Wand meines Büros.

Der andere Grund ist: Die Platte ist gut. Sie eignet sich für Jazz-Novizen, zum Einstieg, zum behutsamen Hinübergleiten in die fremde Welt, die selten was zu tun hat mit Pop und Kommerz (und fast nie was mit schwarzen Rollkragenpullovern). Dafür mit Funk und Soul und Improvisation ohne Übertreibung. Alt-Jazzer (sprich: Jatzer) mögen sie trotzdem - ich hab's selbst erlebt.

Der zweite, sicher gleichfalls zögernde Schritt erfolgt auf Hellborgs Beste: "The Silent Life". Ein akustisches Meisterwerk (und ich benutze dieses Wort etwa so leichtfertig wie "Freund" oder "Hass", also überhaupt nicht leichtfertig) ist das, reduziert, ganz nah dran und atmosphärisch mit der Betonung auf den ersten beiden Silben. Groß.

Allein diesem Adjektiv merkt man meine Begeisterung an, die Begeisterung eines passionierten Rock-Hörers, der nicht nur Rock hört. Grauer Bart hin, schwarzer Kaffee her - ich mag Jazz ohne Klischees. Und quatscht in diesem Zusammenhang bitte nie wieder was von Jan Delay.

Jonas Hellborgs offizielle Webseite

Mittwoch, 26. September 2012

Herzensangelegenheiten

"Fool" sprach mir immer aus der Seele. Wer hat sich nicht schon wie ein Narr gefühlt? Henry Rollins auf jeden Fall, dabei ist er doch eigentlich ein Held, denn er gibt es zu.

Dieser brüllende, volltätowierte Wutklotz, in der weniger muskelbepackten Jungspundvariante am Mikro bei Black Flag zu finden, ist längst ein etablierter Künstler. Und pfeift drauf, dass das möglicherweise nicht jedem gefällt. Überhaupt: Dem nun auch schon 51-Jährigen fehlt vermutlich die Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was andere von ihm halten. Er ist das Arbeitstier, als das er sich präsentiert: Schreiben, singen, erzählen, pumpen, schauspielern, schreiben...

Ab und an lege er mal eine Jazz-Platte auf, gab er einst zu Protokoll. (Eine Vorliebe, die man der Musik der Rollins Band übrigens durchaus anhört.) Viel mehr an Privatleben oder gar Freizeit gönne er sich nicht. Ich vermute: Auch zu John Coltranes "Up 'gainst The Wall" lassen sich Gewichte stemmen. Und probiere es demnächst mal aus.

Rollins' größte Leistung ist sicher nicht die fein nuancierte Darstellung eines Survivaltrainers in "Wrong Turn 2: Dead End". Vermutlich sind es nicht mal die Black-Flag-Klassiker oder seine Solo-Alben "The End Of Silence" und "Weight", obwohl das alles selbstverständlich in jede gut sortierte Tonträgersammlung gehört. Am meisten beeindruckt hat mich "Eisenheinrich" (wie ihn das gewohnt stilsichere Visions gern mal nannte) in der Sendung "Durch die Nacht mit Shirin Neshat und Henry Rollins". Da zeigte sich der massige Musiker im nächtlichen New York an der Seite der iranischen Künstlerin von seiner eloquenten, ausgesucht höflichen und erstaunlich verletzlichen Seite.

Ein Narr, wer davon überrascht war.

Donnerstag, 20. September 2012

Lieber gut geklaut...

The room was dark, it looked like someone had to get out fast. A window open by the fire escape. "How long have you been following this guy?", the bell boy asked. "Not long enough, 'cause we got here too late."

She said: "I'm here on a shore leave." Though we were miles at sea. I pointed out this detail and forced her to agree, saying: "You must be the mermaid, who took King Neptune for a ride." And she smiled at me so sweetly, that my anger straightway died.

"Hello, darkness, my old friend, I've come to talk with you again." I check my look in the mirror. Wanna change my clothes, my hair, my face. "Man, I ain't getting nowhere. I'm just livin' in a dump like this. There's something happening somewhere. Baby, I just know there is. I can't help about the shape I'm in. I can't sing, I ain't pretty and my legs are thin. But don't ask me what I think of you. I might not give the answer that you want me to."

I've seen a rich man beg. I've seen a good man sin. I've seen a tough man cry. I've seen a loser win and a sad man grin. I heard an honest man lie. What good are these thoughts that I'm thinking? It must be better not to be thinking at all.

"There must be some way out of here", said the joker to the thief. "There's too much confusion, I can't get no relief. I've been waiting for something to happen for a week or a month or a year. With the blood in the ink of the headlines and the sound of the crowd in my ear." "But nobody never gonna tell you the way. You gotta figure it out, boys, and suffer the rain and the fools in the night and the heat of the day. When all you ever really wanted was someone to understand."

"So, so you think you can tell Heaven from Hell, blue skies from pain? Don't you think I know there's so many others, who would beg, steal, lie, fight, kill and die?" "I sneak around the corner with a blueprint of my lover. With a blueprint of my life I would better run for cover. Can we pretend that airplanes in the night sky are like shooting stars?"

"You miss the beat, you lose the rhythm. And nothing falls into place. You've been through the fires of hell. And I know you've got the ashes to prove it. You better lose yourself in the music, the moment, you own it, you better never let it go. You only get one shot, do not miss your chance to blow. This opportunity comes once in a lifetime." And as I watched him on the stage my hands were clenched in fists of rage.

In the howlin' wind comes a stingin' rain. See it drivin' nails into the souls on the tree of pain. From the firefly a red orange glow. See the face of fear running scared in the valley below.

Dienstag, 18. September 2012

Herzensangelegenheiten

Ich warte ja immer noch darauf, dass mich jemand beiseite nimmt und mir das alles erklärt. Zum Beispiel, weshalb auf einmal alle auf diese Band The xx abfahren. (Für Uneingeweihte: Das ist kein Redigierfehler in Form eines nicht nachrecherchierten Bandnamens, an dessen Stelle ein Platzhalter seiner Berufung nachkommt - die heißen wirklich so.)

Mir ist schon bewusst, dass es schlimmere Musik gibt. Aber die ist ein weiches Ziel. Oder wie Klaus Walter mir einst ins Diktiergerät raunte (auf die Frage, welche Musik er nicht möge): "Ich könnte jetzt Phil Collins oder irgendwelche Popsachen nennen, aber das wäre zu einfach." Also: The xx sind nicht Justin Bieber, darauf können wir uns sicher einigen. Ich verstehe trotzdem nicht, was an dieser Combo so großartig sein soll. Oder warum sie mitunter gar mit Joy Division verglichen wird.

Seit sie Titelthema diverser Fachzeitschriften ist und mir von allen Seiten erzählt wird, dies sei die beste neue Band seit langem, habe ich angestrengt versucht, sie gut zu finden. Ich habe mir wieder und wieder die vermeintlichen Hits angehört, die bei mir einfach nichts treffen - nicht Herz, nicht Hirn. Ich habe Interviews mit den Bandmitgliedern gelesen und zwar auf Anhieb nichts gefunden, was mir unsympathisch erschien (zumindest nicht in den Antworten), aber eben auch nichts, was mich aufhorchen ließ oder gar davon abgehalten hätte, ernsthaft über ein Nickerchen nachzudenken. Und ich schlafe praktisch nie.

Das scheint mir tatsächlich das Problem zu sein, das ich mit diesen schwarzgekleideten Londonern (gegen beides ist übrigens nichts einzuwenden) habe: Ihre Musik ist stinklangweilig. Oder anders: Möglicherweise bin ich tatsächlich zu dämlich, um das ausgeklügelte Konzept zu verstehen, die raffinierten Melodien und sorgfältigen Arrangements zu erkennen, die einsame Klasse dieses Trios/ehemaligen Quartetts zu würdigen.

Ich befürchte nur - und das lässt sich ja nachprüfen -, dass in spätestens zwei Jahren kein Hahn mehr nach The xx kräht. Dass sie den Weg alles Unwichtigen (also unter anderem der Strokes und all der britischen Hypes der 90er) gehen. Dass schon bald eine andere nichtssagende Formation traurig vom Magazincover blickt. Vielleicht nimmt mich ja dann mal jemand zur Seite und erklärt mir das alles.