Donnerstag, 22. Juni 2023

Als ich den Boss traf

Der Boss in Düsseldorf. (c) Markus Engelhardt

Da mussten wir beide erst grau werden, bis wir uns endlich mal treffen, Bruce Springsteen und ich.

Ein drei Stunden langer Ritt durch 50 Jahre auf der Bühne, die dem Mann ein Zuhause ist. Song folgt auf Song, Hit auf Lieblingslied, ohne Pause, nur getrennt durch das klassische "One, two, three, four". Den Dialog mit dem Publikum gibt’s in intimeren, ruhigeren Passagen, wenn Springsteen allein im Licht steht und an "On Broadway" erinnert.

Zwischendurch lotet er die Grenzen des Stadionrock aus. Er darf das, immerhin hat er ihn erfunden. Es gibt Reminiszenzen an Blues und Gospel, an Jazz und Soul. "Nightshift" überrascht in der makellosen Setlist, hätte selbst Lionel Richie zu Tränen gerührt und zeigt, dass Springsteen das Coveralbum besser mit der E Street Band eingespielt hätte.

Die Gang ist vollzählig, nur Patti fehlt (Soozie Tyrell übernimmt ihre Parts), zudem sind die E Street Horns, der komplette Backing-Chor sowie Curtis King und Anthony Almonte dabei. Jeder bekommt seinen Moment. Max Weinberg ist Rückgrat und Uhrwerk, holt aus seinem winzigen Kit, wozu andere eine Schlagzeug-Burg brauchen. Der dünne Garry Talent gibt den Ruhepol der rollenden Rockmaschine, die über Jahrzehnte zur perfekten Einheit geschmiedet wurde.

Roy Bittan und Charles Giordano setzen die Eckpunkte, improvisieren unauffällig, sind zwei stille Profis im Hintergrund. Jake Clemons senkt das Durchschnittsalter auf der Bühne und versucht gar nicht erst, seinen Onkel zu imitieren, weil er weiß, dass der Big Man einmalig war. Stattdessen punktet er mit eigenen Akzenten und ist längst ein etablierter Teil der Truppe. Wenn du mit Springsteen spielst, gehörst du zur E Street Band, zur Familie.

Nils Lofgren ist anderthalb Meter pure Musik, ordnet sich als Sidekick dem großen Ganzen unter und zeigt mit einem mehrminütigen Solo quasi sämtlichen Gitarristen, wie man sowas macht. Und immer an der Seite des Meisters natürlich der unverwüstliche Mann in Schwarz: Auch am Jüngsten Tag wird Little Steven neben seinem Freund stehen. Bei 30 Grad Außentemperatur trägt Mr. Van Zandt zunächst einen Federhut, um ihn vor dem Publikum zu ziehen, und das unvermeidliche Piratenkopftuch. Lässig schießt er seine Riffs aus der Hüfte, bleibt der Liebling der Fans und bekommt immer wieder Szenenapplaus.

Und Springsteen selbst? Der ist stimmlich in Topform, physisch in beneidenswert guter Verfassung. Dirigiert das kleinste Orchester der Welt, greift erfreulich oft zur Mundharmonika und spielt erstaunlich oft Soli. Aber vor allem strahlt dieser 73 Jahre alte Mann eine Lebensfreude aus, von der wir alle lernen können. Er lebt den Moment, liebt sein Publikum, mit dem er auf Tuchfühlung geht, ist ehrlich dankbar für die Energie, die es ihm zurückgibt. Er ist ein Erzähler, ein Entertainer, sorgt für Gänsehaut und Freudentränen. Spricht viel von Alter und Tod und feiert zu jeder Sekunde das Leben.

Sie nennen ihn den Boss. Und das völlig zurecht.


Freitag, 2. Juni 2023

Im Kleiderschrank

Irgendwie faszinieren mich gerade diese Videokanäle, in denen Leute zeigen, was sie warum an diesem Tag tragen. (Nicht Wassermelonen, sondern Klamotten.) Bei mir würde das etwa so ablaufen:

"Hallo, Freunde, schön, dass ihr wieder mit dabei seid. Heute ist es recht warm, also tragen wir unsere schwarze Jeans, weil die nicht in der Wäsche ist und praktischerweise hier überm Stuhl hängt. Dazu ein Band-Shirt - ich empfehle das, das ganz oben auf dem Stapel im Kleiderschrank liegt, in diesem Fall zeigt es das Logo von Rise Against. Darüber - es ist ja Sommer - ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln, weil mir komplett am Arsch vorbeigeht, dass viele das für uncool halten. Heute Abend geht's in den Biergarten, also legen wir uns den schwarzen Hoodie ins Auto. Sicherheit geht vor, liebe Freunde. Als Uhr wählen wir heute wie an jedem verdammten Tag die im iPhone, das kommt einfach lässig in die Hosentasche. Wir tragen die gleichen Schuhe wie immer, wenn es nicht regnet, natürlich auch in Schwarz. Und als Duft - es wird einige überraschen, dass ich mir darüber tatsächlich ab und zu Gedanken mache - nehmen wir heute "bruno banani Made for Men", das riecht nach Frühling oder Sommer. Keine Sonnenbrille, denn dann können wir nicht Auto fahren, weil die eigentliche Brille nicht auch noch Platz auf der Nase findet. Und dann ist es auch schon fertig, unser Sommer-Outfit. Ich wünsche euch einen wunderschönen Tag, bis morgen, ihr Lieben."

Sonntag, 9. April 2023

In der Stille

Als er eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich zwar nicht in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Aber nichts war, wie es sein sollte. Also war alles wie immer.

Sein erster Blick aus dem Fenster galt der Absperrung. In der Nacht hatten sich fünf weitere Moaner im Dickicht der Holzspieße verfangen, die er in den Boden gerammt hatte. Er ging nach unten, erlöste sie mit einer weiteren Stange und zog sie auf den Aschehaufen. Das Funkgerät schwieg schon seit neun Monaten. Die Seuche wütete seit 25. Die Routine half ihm, seinen restlichen Verstand zu retten. Und wenn er die stöhnenden Besucher nicht regelmäßig entfernte, verlor die Absperrung an Wirkung.

Er blickte nach oben, in den fahlen Himmel, und kniff die Augen zusammen. Andererseits, dachte er, tut etwas Abwechslung ganz gut. Er ließ den Spieß fallen und kletterte über den Zaun. Einige Meilen die Straße runter sah er eine Herde, vielleicht 50 Moaner, die langsam und gierig in seine Richtung taumelten. Er lächelte, als er ihnen entgegenging. Wurde auch Zeit, dachte er.

Hinter ihm ertönte nach Monaten der Stille das Funkgerät. Aber das konnte er nicht mehr hören.

Dienstag, 4. April 2023

Am Abgrund

Wie war euer Tag? Meiner war… interessant.

Nachdem ein erneuter Besuch bei der Augenärztin eher durchwachsen verlaufen war, machte ich mich auf zu einem Fototermin in Dautphetal. Ich war relativ früh dran, also gönnte ich meinem Autochen eine Mahlzeit und eine Wäsche. Unterwegs bekam ich die Nachricht, dass wir ein Bild des Rimbergturms benötigten, daher schob ich die - laut Navi - 15 Minuten Sidequest noch rasch dazwischen.

Besagtes Gerät schickte mich den Rimberg hinauf, und mich stimmte nachdenklich, dass der Weg eher ein matschiger Trampelpfad durch dichtes Geäst war, von dem Teile auf der Fahrbahn lagen. Noch nachdenklicher stimmte mich der steile Abhang zu meiner Rechten. Irgendwann passierte es: Mein Wagen rutschte, brach nach rechts aus und auf den Hang zu. Ich lenkte gegen und sämtliche Reifen tief in den Schlamm. Schräg am Berg, links eine Wand, rechts der Tod. Nichts ging mehr.

Was tun? Ich rief zwei, drei meiner Dautphetaler Kontakte an. Wozu sind die alle in der Feuerwehr, fahren Trecker oder Jeep und kennen die Gegend? Hilfe versprach - so ungewöhnlich das klingt - der Bürgermeister. Der Mann ist ehemaliger Berufssoldat und Polizist und immerhin Herr über den Bauhof.

Er stellte tatsächlich zunächst den Kontakt zur Rettungsleitstelle her. Ein freundlicher und kompetenter Mitarbeiter griff mit Genehmigung auf mein Diensthandy zu und verschaffte sich per Kamera einen Überblick. Dann die zweite schlechte Nachricht des Tages: Ich musste aussteigen. Sofort.

Er bleibe am Telefon, tröstete er mich. Ich dachte daran, nicht die App "Seil zuwerfen" installiert zu haben. Und an meine Höhenangst. Als ich neben dem Auto stand, zitterte ich vor Adrenalin und schickte dem Gemeindeoberhaupt meinen Standort. Kurz darauf rollte der Jeep (wzbw) auf mich zu.

Der Bürgermeister schlug vor, sich selbst mal ans Steuer meines Kleinwagens zu setzen und sein Glück zu versuchen. Mit Vollgas und Geschick bekam er das Auto frei. Als kleine Karawane der Tapferen machten wir uns auf Richtung Tal…

… bis ich gar nicht mehr tapfer war. Ständiges Rutschen am steilen Abhang - es ging einfach nicht. Also fuhr ich im Wagen des Rathauschefs mit, alle 300 Meter stieg er aus und schloss mit meinem auf, bis wir irgendwann unten waren.

Fazit: Doornkaat, Dusche, Druckverband… Naja, eher ein kaputter Auspuff, eine sinnlose Autowäsche und wieder ein Dautphetaler, mit dem ich mich duze.

Wasntach. Durst, Pipi, Arm.

Montag, 27. März 2023

In der Warteschleife

Heute habe ich vergeblich versucht, einen Termin beim Facharzt auszumachen. Gescheitert ist das (bislang) nicht etwa daran, dass kein Termin zu bekommen war.

Nein, ich habe nach fast vier (!) Stunden in der Warteschleife aufgegeben und versuche es nun per Mail.

Vier Stunden. Das ist eine lange Zeit. Nach 15 Minuten habe ich den Lautsprecher des iPhones eingeschaltet und gearbeitet, Post sortiert, den Kühlschrank gefüllt, war auf dem Klo, musste das iPhone aufladen...

Vier Stunden lang hörte ich eine etwa 20-sekündige Melodie des Wahnsinns, die mich den Rest meines Lebens verfolgen wird. Vermutlich bin ich jetzt ein Schläfer. Sobald diese Sequenz ertönt, garantiere ich für nichts. Ist sowas nicht Folter?

Vier Stunden. Und alle paar Minuten: "Alle Abfrageplätze sind belegt. Sie befinden sich derzeit auf Position... eins... der Warteschlange. Wir bitten Sie um Geduld."

Am Anfang der vier Stunden war ich übrigens auf Position vier.

Vier Stunden meines Lebens. Unfassbar.

Donnerstag, 2. März 2023

Im Flur

Gemütlich saß er im Wohnzimmer, die Decke auf den Knien, den Blick auf den Fernseher gerichtet. Plötzlich tauchten im Türspalt zum Flur zwei grüne Augen auf, leuchtende Punkte in der Dunkelheit. "Spot", sagte er, "du sollst dich nicht immer so anschleichen. Komm schon her, du Kuschelmonster." Als er hörte, wie sein Kater direkt neben ihm miaute, jagte ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Und als sich die Tür weiter öffnete, ergriff die Kälte sein Herz und ließ ihn erstarren.


Freitag, 30. Dezember 2022

Beim Servicecenter

Erster Versuch.

"Geldinstitut, Sie sprechen mit Hartwig Hasenhirn, was kann ich für Sie tun?"

"Schönen guten Tag, mein Name ist Engelhardt. Ich habe die Nummer zurückgerufen, unter der ich angerufen wurde. Ich vermute, Herr Ratz möchte mich sprechen."

"Sie sind aber jetzt im Servicecenter gelandet."

"Prima, dann stellen Sie mich doch bitte zu Herrn Ratz durch."

"Das kann ich nicht."

"Aha. Können Sie ihm dann bitte mitteilen, dass ich zurückgerufen habe und jetzt erreichbar bin?"

"Nein."

"Aber Sie sitzen doch im Servicecenter. Wäre ja ein schöner Service. Was kann ich denn nun tun, um Ihren Kollegen zu sprechen?"

"Wie war der Name?"

"Engelhardt."

"Nein, der meines Kollegen."

"Ratz. R, A, T, Z."

"R, A, D, Z..."

"Fast. T, nicht D."

"Ach, hier steht's. Gangolf Ratz, Kundenberater."

"Ja. Dass er existiert, ist mir bewusst. Und wie erreiche ich ihn?"

"Da müssen Sie die Durchwahl anrufen. Die endet hinten mit 0815."

"Wo soll sie auch sonst enden? Ich habe genau diese Nummer angerufen, ich sehe sie in meinem Handy-Display."

"Aber Sie sind jetzt beim Servicecenter."

"In der Tat. Können Sie mir denn nun irgendwie weiterhelfen?"

"Nein. Tut mir leid. Rufen Sie doch Herrn Ratz direkt an."

"Ich fasse mal zusammen: Ihr Job ist es, ans Telefon zu gehen und den Anrufern mitzuteilen, dass Sie ihnen nicht weiterhelfen können. Habe ich das richtig verstanden? Und können Sie sich vorstellen, dass mich das als Kunde nicht zufriedenstellt?"

"Ja."

"Entspannten Tag noch und guten Rutsch."

Zweiter Versuch.

"Geldinstitut, mein Name ist Konrad Kompetenz, was kann ich für Sie tun?"

"Hallo, Markus Engelhardt. Ich habe die Nummer meines Kundenberaters zurückgerufen."

"Hallo, Herr Engelhardt. Ich schaue mal... Herr Ratz ist gerade im Kundengespräch. Ich richte ihm aus, dass Sie angerufen haben, dann meldet er sich so schnell wie möglich bei Ihnen. Kann ich Ihnen sonst noch weiterhelfen?"

"Nein, vielen Dank, auch für den guten und schnellen Service. Schönes Wochenende und guten Rutsch."

"Das wünsche ich Ihnen auch, tschüß."

Dienstag, 6. Dezember 2022

50 Wahrheiten

Aus bald gegebenem Anlass: 50 Wahrheiten über mich.

1. Einst war ich ein Knabe mit hellblondem Haar.

2. Ich trinke keinen Alkohol und rauche nicht. Und habe beides auch nie getan.

3. Mein erster professioneller Zeitungsartikel war selbstverständlich eine Konzertkritik.

4. Ich bin fast 26280000 Minuten alt.

5. Ich war zunächst ein sehr guter, später ein durchschnittlicher Schüler.

6. Ich habe Green Day vor ihrem Durchbruch live gesehen und erzähle das gern, meist ungefragt.

7. Ich habe in London ein gefälschtes Jethro-Tull-T-Shirt gekauft.

8. Ich war noch niemals in New York.

9. Ich hatte ein "Bimbo"-Abo.

10. Ich habe nicht studiert. Wirklich gar nicht. Und bereue das manchmal.

11. Ich konnte mal stricken.

12. Mein erstes HipHop-Album war "Licensed To Ill" von den Beastie Boys.

13. Ich besaß als Kind einen Wellensittich.

14. Ich mag einen alten Schlager. Schuld daran ist Klaas Heufer-Umlauf.

15. Ich besitze keinen Hut.

16. Mein erstes Schlagzeug hatte eine quietschende Fußmaschine.

17. Ich habe in meinem Leben drei tote Menschen gesehen.

18. Es existiert eine Tonbandaufnahme, auf der ich "Down By The River" von Albert Hammond singe.

19. Ich kann weder singen noch pfeifen.

20. Ich habe "Männer können seine Gefühle nicht zeigen" von Fischmob in einem Plattenladen in Aurich gekauft.

21. Ich wurde von einem Türsteher verprügelt. Völlig grundlos.

22. Ich habe (selbst diagnostiziert) Arachnophobie, Klaustrophobie und Akrophobie. Gute Mischung.

23. Bastian Pastewka blockiert mich auf Twitter und Nena blockiert mich auf Facebook.

24. Ich habe einen Tanzkurs besucht, inklusive Abschlussball.

25. Ich war nicht auf dem Abi-Ball meiner Jahrgangsstufe.

26. Ich habe Fahrradfahren an der Nordseeküste gelernt.

27. Ich halte Elvis Presley für überschätzt.

28. Während eines Tages der offenen Tür meiner Schule habe ich mir bei einem Sturz einen Zahn ausgeschlagen.

29. Ich mag keine Oliven.

30. Ich habe eine Mauer mit dem Vorschlaghammer abgerissen.

31. Mir fehlt ein großes Stück der linken Kniescheibe, worunter ich alle paar Monate leide.

32. Als Kind wollte ich Trucker werden.

33. Seit meinem 18. Geburtstag trage ich einen Ohrring.

34. Ich habe jahrelang jeden Morgen 100 Liegestützen gemacht und weiß gar nicht, warum ich damit aufgehört habe.

35. Obwohl ich ein Nerd bin, war ich noch nie auf einer Convention.

36. Ich bin praktisch in einem Campingbus aufgewachsen.

37. Ich hatte relativ lange Haare und einige Zeit einen Zopf.

38. Beinahe wäre ich Kanadier geworden.

39. Ich verachte Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus.

40. Wenn ich zu schnell spreche, verstehen manche am Telefon meinen Nachnamen als „Sänger“.

41. Meine beiden liebsten Celtic-Rock-Live-EPs sind "Electric Folklore Live" von The Alarm und "Under A Blood Red Sky" von U2.

42. Ich bin nicht tätowiert, weil ich mich nicht für ein Motiv entscheiden kann.

43. Fast ein Jahr lang war ich Vegetarier.

44. Ich bin mit deutlichem Abstand der jüngste von drei (eigentlich vier) Brüdern.

45. Wenn meine Gedanken im Chaosmodus sind, höre ich Jazz.

46. Ich bin Agnostiker, aber erst vor ein paar Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil ich diesen Vorgang fälschlicherweise für kompliziert hielt.

47. Auf Tomaten reagiere ich allergisch.

48. Auf Besserwisserei auch.

49. Der erste Film, den ich im Kino gesehen habe, war "Elliott, das Schmunzelmonster".

50. Es gibt Dinge, über die ich nicht nur nichts in sozialen Netzwerken schreibe, sondern auch mit buchstäblich niemandem rede.