Montag, 24. Juni 2013

Kino-Kritik: "Man Of Steel"

Der Mann aus Stahl hat's nicht leicht: Selten wurde ein Film bereits lange vor dem Start mit derart viel Häme überschüttet. Die galt Regisseur Zack Snyder, Produzent Christopher Nolan und Drehbuchautor David S. Goyer, aber auch sämtlichen Schauspielern und vor allem der Grundidee als solcher.

Denn Superman war immer der perfekt frisierte Pfadfinder im blauen Strampelanzug - selbst in der quietschbunten Welt der DC-Comics (die sich vom Konkurrenten Marvel seit jeher durch ein Mehr an Capes und ein Weniger an Sozialkritik unterscheidet) fiel dieser Kerl allzu oft negativ auf. Weil er der positivste Comicheld aller Zeiten ist: Nichts erschüttert seinen Glauben an das Gute, die Menschheit und die Pfannkuchen seiner Adoptivmutter. Während Batman längst den dunklen Ritter gab (und immer noch ein bisschen mehr Waisenknabe war als Kryptons letzter Sohn) und neuere Kollegen wie Black Lightning oder der Creeper als Straßenkämpfer oder Antihelden daherkamen, flog der Mann mit dem Faible für außengetragene Unterhosen mal eben lässig in Lichtgeschwindigkeit um die Erde, verprügelte Bösewichter mit einem Fingerschnippen oder half alten Damen über die Straße. Wie also lässt sich die Geschichte dieses tugendhaften Tausendsassas spannend erzählen?

Hielt sich Richard Donner 1978 noch sklavisch an die Comicvorlage, waren Supies Fernsehabenteuer mal als Screwball-Komödie ("Die Abenteuer von Lois & Clark"), mal als Teenie-Drama ("Smallville") angelegt. Interessante Ansätze, schmales Budget - ganz anders als bei der Einschlafhilfe "Superman Returns" (2006), dem bislang letzten Versuch, den Urvater aller kostümierten Verbrecherjäger auf die große Leinwand zu bringen.

Snyder geht nun einen anderen Weg: Sein "Man Of Steel" kommt düsterer daher, abgesehen von der phantastischen Rahmenhandlung sogar relativ realistisch. Ausführlich wird die Herkunft des Superbuben erzählt. Snyder lässt uns eintauchen in eine bizarre Welt - sein Kal-El ist eben ein Fremder, ein außerirdisches Wesen vom Planeten Krypton, Mensch geworden nur durch die Erziehung seiner Adoptiveltern und seine Suche nach sich selbst. Und nachdem sein leiblicher Daddy (ein souveräner Russell Crowe als kampferprobter Wissenschaftler) ihn als Neugeborenes auf unseren Planeten geschickt hat, wird die Kindheit des späteren Helden mitnichten so behütet und wohlsortiert dargestellt wie gewohnt. Ma und Pa Kent (Diane Lane und Kevin Costner) meinen es etwas zu gut mit ihrem fremdartigen Findelkind. Der kleine Clark bleibt ein Außenseiter, ohne tatsächlichen Kontakt zu Mitschülern oder anderen Menschen. Erst als Erwachsener (Henry Cavill) lernt er seine unfreiwillige Heimat kennen, deren Bewohner und das Leben. Und als nach einem überraschend langen Intro die patente Pulitzerpreisträgerin Lois Lane (kompetent, aber fehlbesetzt: Amy Adams) und weitere Kryptonier (unter der Führung von Michael Shannon als faschistoidem General) hineintreten, beginnt eine Abfolge von Actionszenen, die ihresgleichen suchen.

Snyder und Nolan setzen ja gern mal mehr auf atemberaubende Bilder als auf Logik. Und so darf Superman im Kampf gegen die finsteren Invasoren halb Metropolis in Schutt und Asche legen. (Nicht gerade der perfekte Start in eine Karriere als unfehlbarer Champion...)

An manchen Stellen bricht der Plot also mit dem Mythos - und meist ist das sogar sinnvoll. Zudem gibt es für Geeks einiges zu diskutieren: Sind die wichtigsten Nebenfiguren dabei? (Sind sie - bis auf Jimmy Olsen.) Ist Laurence Fishburne geeignet für die Rolle des Perry White? (Ist er - wer an dieser Stelle rassistische Gründe anführt, verpisst sich gefälligst von meinem Blog.) Gibt es Hinweise auf die geplanten Fortsetzungen? (Gibt es - aber hier keine Spoiler.) Und taucht Supermans Erzfeind Lex Luthor auf? (Nein. Aber... - naja, hier keine Spoiler.)

Die wichtigste Frage: Ist "Man Of Steel" der erhoffte Action-Blockbuster des Sommers? Das ist er definitiv. Groß, laut, teuer, sehr amerikanisch. Jetzt sollte DC versuchen, Marvels gigantischen Vorsprung im Kino aufzuholen. Vielleicht klappt das ja, indem jemand mit Lichtgeschwindigkeit um den Planeten fliegt... 

Macht saubere acht von zehn Fensterglasbrillen für angehende Starreporter.

Montag, 10. Juni 2013

Herzensangelegenheiten

"Haste gelesen?", fragt Sven Regener, sprachlich ungewohnt nachlässig, inhaltlich gewohnt nervig. Er wedelt mit der aktuellen Ausgabe des Rolling Stone herum, was ich glücklicherweise nur höre und nicht sehe, denn natürlich ignoriere ich ihn und drehe mich nicht zu ihm um.

Er ist mein Mieter, nicht mein Kumpel. Sven Regener selbst benutzt gern den Begriff "Untermieter", was irgendwie cool klingen soll, aber Blödsinn ist. Die Hütte gehört mir, der feuchte Heizungskeller auch. Er bewohnt ihn nur.

Während ich mich darüber ärgere, durch eine simple Frage an verhasste Themen erinnert geworden zu sein, raschelt der "Rolling Stone" weiter, und Sven Regener legt nach: "Den Artikel hier, haste den gelesen?" Ich antworte nicht, was er einmal mehr als Aufforderung missversteht, seine Frage um eine Ausführung zu ergänzen: "Der Mick sagt, der Keith und er seien gar nicht wie Brüder, sondern eher wie Kollegen." Mein Ärger über die sinnlosen Artikel wird durch die Freude über den korrekten Konjunktiv abgemildert. Deshalb drehe ich mich nun doch um und antworte.

Und zwar: "Bist du sicher, dass du darüber mit dem Richtigen sprichst? Immerhin habe ich einige Jahrzehnte gebraucht, um zu kapieren, weshalb die Stones so beliebt sind. Da ist es zu früh, mich mit ihrem Privatleben zu beschäftigen. Ich hatte eigentlich vor, damit zu warten, bis sie..." "Warum bist du eigentlich immer so ein Arschloch?", unterbricht Sven Regener mich und weckt weitere unangenehme Erinnerungen. An den Klang seiner rostigen Trompete zum Beispiel, die samstags um 6 Uhr sogar den Rasenmäher des Nachbarn übertönt. Und da fragt er ernsthaft, weshalb ich... "Das ist doch spannend", unterbricht er erneut, diesmal meine düsteren Gedanken. "Ich dachte immer, die sind Freunde." Kein Konjunktiv ist auch eine Lösung.

Ich gehe zwei Schritte auf ihn zu und schaue auf ihn herunter. (Sven Regener ist kleiner als ich.) "Woher willst du denn wissen, was Freunde sind?", knurre ich und hoffe vergeblich, ihn mit dieser Bosheit verletzt zu haben. Dabei weiß ich es besser. Neulich hatte er nämlich ein paar Freunde zu sich eingeladen. Den ersten streckte ich noch an der Tür mit einer rechten Geraden nieder. Einfach weil er Jochen Distelmeyer war. Der zweite entkam meinem linken Haken durch rasches Hakenschlagen, was sich so unangenehm literarisch liest, dass es meine Antipathie noch verstärkt: Tom Liwa soll ja ein Netter sein. Aber das denken die Leute auch von Sven Regener. Immerhin habe ich verhindert, dass sie zusammen Musik machen.

"Freunde sind", beendet mein Mieter (ha!) zum dritten Mal mein Kopfkino, "Menschen, die für einen da sind, obwohl sie es nicht müssten." "Wer muss denn für einen da sein?", will ich wissen. "Na, aus Sicht der Gesellschaft doch wohl die Familie, Verwandtschaft, Ehe- oder Beziehungspartner", überlegt er laut. "Ich sollte ihn doch rausschmeißen", überlege ich leise. Und sage (Lautstärke irgendwo dazwischen): "Freunde sind die Familie, die man sich aussucht."

Sven Regener schweigt, denn ich habe recht. Das wissen auch der Mick und der Keith.

Dienstag, 21. Mai 2013

Mein Dogma (II)

Ein Konzert (oder eine vergleichbare Veranstaltung) ist eine verhältnismäßig schlichte Angelegenheit. Nur wenige ungeschriebene Regeln sind zu befolgen, damit sie zu einem Spaß für alle Beteiligten wird. Eine davon lautet: Die auf der Bühne machen Musik (um bei diesem Beispiel zu bleiben), die davor haben eine gute Zeit.

Es bleibt natürlich jedem selbst überlassen, "gut" zu definieren. Da aber Freiheit immer die Freiheit des weiter hinten Stehenden ist, ist es äußerst wichtig, geradezu unerlässlich, sich an eine weitere Regel zu halten. Sie lautet: Niemals, unter keinen Umständen den Engelhardt ärgern.

Zugegeben: Diese Grundregel zu missachten, ist relativ einfach - zumindest im Alltag. Während eines Konzerts genügt dazu sogar eine einzige Bewegung. Nämlich ein Griff in die Tasche, zum Mobiltelefon, um dieses vor sich zu halten.

Ich hasse es mit jeder Faser meines Seins, Konzerte durch hunderte winziger Monitore zu verfolgen. Ich bin nicht Brundlefly, also will ich meine Umwelt nicht wie durch Facettenaugen wahrnehmen. Und dabei habe ich an dieser Stelle noch kein Wort darüber verloren, wie erbärmlich die unscharfen Fotos und verwackelten Filmchen sind, mit denen die Smartphone-Salutierer nach der Veranstaltung ihre Fratzenbuch-"Freunde" oder gar den Rest der Online-Welt belästigen.

Anders ausgedrückt: Zieht ein Konzertbesucher sein Handy, löst das in mir Brechreiz aus. Handgelenke, zum Beispiel, oder Unterkiefer oder auch gern mal ein Genick.

Freitag, 10. Mai 2013

Herzensangelegenheiten

Manchmal ist die Musik im Kopf ein durchdringendes Dröhnen. Und manchmal ist das besser so.

Die Welt ist groß und bunt, die Welt der Musik sogar noch farbenfroher. Es gibt Soundtracks für jeden Anlass und für jede Stimmung. Die abendliche Heimfahrt wird von anderen Liedern untermalt als das nächtliche Grübeln. Der Alptraum hat einen anderen Soundtrack als das Zähneputzen. Auf der Arbeit läuft nicht die gleiche Musik durchs Hirn wie in der Oberstadtkneipe. Und dann plötzlich herrscht Stille, und die Stille ist gefährlich.

"Ihr müsst leise sein, um lauter sein zu können", lautete der Rat an Ian MacKaye, bevor er Fugazi gründete. Das stimmt und ist nicht immer einfach. Denn der Lärm, der auf die Ruhe folgt, ist häufig unerträglich.

Da hilft nur: ausschalten. Den Soundtrack. Die Lieder. Den Kopf. Zurück bleibt ein angenehm dumpfer Grundton, der das Denken verhindert. Die Welt ist bunt und groß.

Manchmal vergisst man das.

(Mehr Gedanken dazu.
 Noch mehr Gedanken dazu.
 Und noch mehr Gedanken dazu.)

Donnerstag, 9. Mai 2013

Kino-Kritik: "Star Trek Into Darkness"

Ich liebe Kino. Genauer: Ich liebe Hollywood-Kino. Die große Leinwand ist gemacht für spannende Geschichten, packende Bilder, epische Musik - sie ist gemacht für Filme wie "Star Trek Into Darkness".

Als J.J. Abrams vor vier Jahren antrat, dem recht würdelos verendeten Star Trek-Franchise neues Leben einzuhauchen, spitzten viele Fans skeptisch die angeklebten Ohren. Mindestens ebenso viele waren allerdings beruhigt bis begeistert, nachdem sie das modernisierte, aber eigentlich erste Abenteuer des Raumschiffs Enterprise gesehen hatten. Abrams war das Kunststück gelungen, Neustart und Nacherzählung zugleich abzuliefern, dazu behandelte er die Tradition mit Respekt, hatte altgediente Anhänger ebenso im Blick wie den interessierten Nachwuchs. Sein "Star Trek" war einer der besten Filme der Reihe, in die er streng genommen gar nicht gehört.

Nun endlich setzt er die Story um Captain James T. Kirk (Chris Pine) und seine Crew, allen voran den logikgetriebenen Halb-Vulkanier Spock (Zachary Quinto), fort. Und um es vorwegzunehmen: Wieder hat er alles richtig gemacht.

Einmal mehr müssen sich der rauflustige Weltraum-Cowboy und seine Mannschaft mit der Bürokratie der Sternenflotte und einem scheinbar übermächtigen Gegner herumschlagen. Dieser heiße John Harrison (großartig: Benedict Cumberbatch) und sei ein ehemaliger Agent, erfährt die Besatzung der Enterprise - noch dazu intellektuell und körperlich seinen Kontrahenten überlegen. Um ihn auszuschalten - und Rache für den Tod eines alten Freundes zu nehmen -, ist Kirk zunächst jedes Mittel recht. Was ihn nicht nur in erneute Konflikte mit seinem ersten Offizier bringt, sondern vor allem moralische Fragen aufwirft.

Denn bei aller Action: Den optimistischen, mitunter allerdings etwas moralinsauren Grundtenor von Gene Roddenberrys Sternensaga behält der zwölfte Kinostreifen stets bei. Jedoch nimmt sich Abrams die Freiheit, ihn zu hinterfragen. Und so geht es zwischen dramatischer Spannung und perfekt inszeniertem Spezialeffekte-Gewitter immer auch um große Themen wie Pflicht und Freundschaft, Verantwortung und Tod.

Allein im Prolog passiert so viel, dass es für einen ganzen Film gereicht hätte. Und das ist nur der Auftakt zu einer Odyssee im All, auf fremden und bekannten Planeten, die ihresgleichen sucht und in diesem Jahr vermutlich von keinem anderen Blockbuster überboten werden kann. Die erstklassig zusammengestellten Schauspieler - unter ihnen "Scotty" Simon Pegg als Comedy-Element und "Pille" Karl Urban als Stimme der Vernunft - sind bei ihrem zweiten Einsatz für die Sternenflotte perfekt eingespielt. Jeder bekommt seine große Szene, die den Charakter mit seinen Eigenschaften auf den Punkt bringt. Vor allem Quinto darf zeigen, dass man das vermeintlich so kontrollierte Spitzohr niemals unterschätzen sollte. Sein Spock ist eben zur Hälfte ein durchaus überlegener Außerirdischer. Er folgt den strengen, für Menschen oft nicht nachvollziehbaren Regeln seines Volkes und ist doch innerlich zerrissen, wenn seine humanoide Seite mühsam unterdrückte Emotionen hervorbrechen lässt.

Die Darsteller sind sehr gut - doch "Sherlock" Cumberbatch spielt sie fast an die Wand. Bedrohlicher war ein Filmbösewicht selten, der Brite gibt den Düstermann als souveränen Satan, der die Fäden bis zum Schluss in der Hand behält.

Dazu wimmelt es vor mal mehr, mal weniger subtilen Referenzen an alte Star-Trek-Serienfolgen und -Kinofilme. Bleibt zu hoffen, dass Abrams uns nicht wieder vier Jahre auf eine Fortsetzung warten lässt. (Übrigens: Der Mann kann auch Star Wars - daran besteht nun kein Zweifel mehr.)

Kurz: Wäre ich nicht seit 30 Jahren Trekkie - ich wäre es jetzt.

Macht völlig verdiente zehn von zehn grimmig guckenden Kohlkopf-Aliens!

Sonntag, 5. Mai 2013

Kino-Kritik: "Iron Man 3"

Tony Stark (Robert Downey jr.) hat ein Problem: Seit er mit einer nordischen Gottheit, einem Weltkriegsveteranen, zwei Spionen und einem grünen Monster die Welt vor einer außerirdischen Invasion bewahrt hat, plagen ihn Schlafstörungen und Panikattacken.

Trost findet der bedauernswerte Milliardär nicht in den Armen seiner Freundin Pepper Potts (Gwyneth Paltrow), sondern in denen seines Alter Ego Iron Man. Nacht für Nacht tüftelt der exzentrische Ex-Playboy in seinem Hitech-Labor an immer neuen Kampfanzügen. Diese kommen zum Einsatz, als ein mysteriöser Besucher aus Starks wenig ruhmreicher Vergangenheit (Guy Pearce) und ein Terrorist mit Fachwissen über Glückskekse (Ben Kingsley) auftauchen. Beide haben Böses im Sinn und den strauchelnden Helden im Visier. Als es schließlich hart auf hart kommt, bleibt das nicht ohne Folgeschäden - für Tonys Kumpels Harold "Happy" Hogan (Jon Favreau) und James "Rhodey" Rhodes (Don Cheadle), aber leider auch für die Logik und manchmal gar die Spannung.

Die Entscheidung, Shane Black statt "Happy"-Darsteller Favreau auf den Regiestuhl zu setzen, schien richtig zu sein. Nach dem etwas unentschlossenen zweiten Teil der Eisenmann-Reihe hätte der Mann hinter "Lethal Weapon", "Last Boy Scout" und "The Long Kiss Goodnight" die Zügel wieder etwas anziehen und in Richtung des Erstlings lenken können. Knackige Action trifft auf bissigen Humor: So lieben die Fans ihren Iron Man - spätestens, seit Downey jr. der Figur seinen Stempel aufgedrückt hat.

Und seien wir fair: Nicht selten blitzt das Talent des neuen Regisseurs auf, macht das Amalgam aus Krawumm und Witz das neue Kinoabenteuer des gepanzerten Rächers durchaus sehenswert. Leider nicht immer. In ihren schwachen Momenten erinnern Inszenierung und Drehbuch bisweilen geradezu an die Handschrift von Christopher Nolan, des am meisten überschätzten Regisseurs der Neuzeit.

Hier bleibt's wie immer spoilerfrei, daher nur soviel: Es gibt mindestens zwei Twists, die der Geschichte und ihrem Protagonisten nicht gut tun. Mehr noch: Was bereits in den Trailern gezeigt wurde, wird dem Film fast zum Verhängnis - irgendwie ist jeder ein bisschen Iron Man. Und jetzt alle: Rein in die Rüstung, raus aus der Rüstung! Was macht Tony Stark da noch zu etwas Besonderem? Schon klar - Mut, Grips und dumme Sprüche. Leider schafft Teil drei der Saga (die im Übrigen mitnichten eine Trilogie ist, auch wenn das Feuilleton das glaubt) es nicht, das auch zu zeigen. Stattdessen wird es im hilflos angeschweißten Epilog einfach behauptet.

Nicht falsch verstehen: "Iron Man 3" gelingt es natürlich nicht, Marvels Kino-Ambitionen an die Wand zu fahren. Aber er bringt den großen Schlachtplan, den die Produzenten ihren Comic-Verfilmungen untergeschoben haben, auch keinen Meter nach vorne. Stattdessen bekommen wir einen umständlich chargierenden Bösewicht, eine Handvoll ungenutzter Chancen, knallige, leicht unübersichtliche Action und immerhin eine kindliche Nebenrolle, die im Gegensatz zum Gros ihrer Vorgänger im Geiste ("Star Trek - Next Generation"! "Jurassic Park"!) nicht nervt.

Tony Stark wird zurückkehren. Dann hoffentlich wieder etwas fokussierter und in alter Frische.

Bis dahin gibt's zweieinhalb von fünf gesplitterten Helmen.

Donnerstag, 11. April 2013

Herzensangelegenheiten

Und dann, zehn Jahre später, trefft ihr euch durch Zufall in der Stadt. Es ist gar nicht peinlich, dafür ist zuviel Zeit vergangen. Beim Milchkaffee sprecht ihr über das Dazwischen, aber nicht von früher. Du überlegst, was zur Hölle du an ihr so toll gefunden hast. Und ab und zu blitzt ein winziges Wenig davon wieder auf. Dieses Lächeln im falschen Augenblick. Die Art, wie sie ihr Haar hinters Ohr streicht. Du registrierst es, aber es sind nur Erinnerungen an eine längst verblasste Zeit. Nicht genug, um mehr als ein melancholisches Grinsen auszulösen. Als ihr euch verabschiedet, hat niemand Interesse an einem geplanten weiteren Treffen. Natürlich nicht - der Haken an der Sache ist fett und schwarz, und das ist gut so. Mann, ist das lange her.

Keine Sorge, Freunde, das hier ist immer noch ein Musik- und Kino-Blog. Die Auflösung: So ähnlich geht es mir, wenn ich ein neues Album von Depeche Mode höre (also eines, das nach 1997 erschienen ist). Eine alte Liebe ist das, sie fand in zwei Jahrzehnten statt, und ich möchte diese Zeit nicht missen. Hymnen für den Tanzboden, Tristesse für zu Hause, ein Hit für jedes wichtige Ereignis. Das müssen andere erstmal hinkriegen. (Haben sie auch - ganz treu war ich ihnen nie.)

Aber inzwischen ist viel Zeit vergangen. "Exciter", die falsch benannte Platte, mit der Depeche Mode ein Jahr zu spät und nach vier Jahren Pause das neue Jahrtausend einläuteten, habe ich ihnen noch rasch verziehen. Doch ahnte ich schon damals, dass der Ausrutscher keiner war. Unser gemeinsamer Weg gabelte sich nach einer weiteren vierjährigen Funkstille. Wichtige Ereignisse, aber keine Hits. Zumindest keine, die Martin Gore geschrieben und Dave Gahan gesungen hätte. Zumindest nicht in meiner Welt. Zumindest nicht nach 1997.

Nun ist ihr 13. Album erschienen; ich habe es gekauft, wie ich das Dutzend davor gekauft habe. Ich spürte sogar eine gewisse Hoffnung, obwohl doch jeder weiß, dass aus unerwarteten Plaudereien im Straßencafé niemals wieder mehr wird. Und obwohl doch jeder weiß, dass das völlig in Ordnung ist. "Soothe My Soul" ist der Titel des Lächelns, das mir diesmal im Gedächtnis bleiben wird. Immerhin einen Song pro Platte schaffen sie noch, der mich eine Weile begleitet und zumindest ein bisschen frische Farbe auf die Erinnerung an längst vergangene Großtaten sprüht.

Aber ich weiß, warum sich unsere Wege trennten und weshalb ich das wirklich nicht bedauere: Fehler wurden begangen. Depeche Mode haben verloren, was sie ausgemacht hat. Einer der besten Komponisten und -arrangeure der Popgeschichte hat auf Leerlauf geschaltet, verwirklicht sich selbst und klingt erschreckend uninspiriert - ob im Interview oder über seine Musik. Und eine der größten Rampensäue, die je tätowiert tanzend über die Bühnen des Planeten gefegt sind, überschätzt sich (und das will was heißen). Gore könnte mehr, hat es aber nicht nötig. Gahan versucht sich an mehr als er kann. Wo ist Fletch, wenn man ihn braucht?

Zu einer Trennung gehören jedoch immer zwei: Mein Fehler ist, dass ich diese Weiterentwicklung nicht akzeptieren kann. Dass Gospel-Einflüsse und gigantische Rockstar-Liveshows nicht das sind, was ich will. Viel Zeit ist inzwischen vergangen. Es wird nie wieder wie früher. Never let me down again. Was okay ist. Da bleibt keine Bitterkeit. Da hilft der Blick nach vorne: In Zukunft ohne mich.

Montag, 11. März 2013

Herzensangelegenheiten

Seit Sven Regener in meinem Heizungskeller wohnt, ist nichts mehr, wie es war. Klar: Er schreibt gut, liest gut, textet gut, komponiert gut und singt ganz ordentlich. Aber macht ihn das zum idealen Mieter? Kaum.

Denn leider nervt Sven Regener höllisch. Er zahlt natürlich Miete. Sogar relativ pünktlich. Das Trompeten stört ab und zu die Nachbarn, aber dafür bringt er den Müll raus. Das Problem ist eher, dass er mir einen Blog-Eintrag übelnimmt, in dem er erwähnt wurde. Und das lässt er mich bei jeder Gelegenheit spüren. Zum Beispiel übt er Trompetespielen zu den unmöglichsten Zeiten. Mittags nämlich, obwohl doch jeder weiß, dass man bis 14 Uhr allenfalls das Geschirr spülen darf, aber leise, wir leben schließlich auf dem Lande, da hören die Nachbarn sehr genau hin.

Ich verstehe sowieso nicht ganz, was Sven Regener in die hessische Provinz und damit in die Wohnungsnot getrieben hat. Zumal wir uns wirklich nicht sehr gut verstehen. "Engelhardt", sagt er oft zu mir, "du bist ein Arschloch, und ich hasse dein Blog. Aber in deinem Keller ist es schön warm." Dann lachen wir beide immer etwas gequält.

"Gibt es also bald einen Herr-Engelhardt-Roman?", wollte eine Kollegin neulich wissen. Lustig, dass sie fragte - das hatte ich ihn erst am Morgen nämlich selbst gefragt. Wir hatten gerade wieder einen hässlichen Streit (es ging ums Schuheabputzen an der Haustür), und er so: "Du bist voll fies! Ich werde... ich werde..." Ich dann: "Na, was denn? Einen Roman über mich schreiben, wie?!" Er meinte jedoch, dazu sei ich zu langweilig. Der muss gerade reden. Dabei spricht er eigentlich lieber krumm. Überraschend, für einen Mann und Musiker seines Bildungsniveaus.

"Ach, für Geld macht der alles", urteilte die Kollegin. "Sag ihm, ich würde den Roman dann auch pekuniär erwerben." Hab' ich gemacht. Dann musste er "pekuniär" nachschlagen und bekam schon wieder schlechte Laune. Das Problem sei, so gab er an (und er gibt gerne an): Ich trinke keinen Alkohol. Und beim Bund war ich auch nicht. Stimmt beides. Und damit kann Sven Regener nicht so recht umgehen. Ob mich denn wenigstens alle mit dem Nachnamen ansprechen, wollte er wissen. "Nicht alle", berichtete ich wahrheitsgemäß. "Eigentlich nur du." Dann führte ich ihm vor, dass ich gar nicht langweilig bin, und lud todesverachtend und höchst illegal das Album "Element Of Crime spielen die größten Unterhaltungsschlager der Nachkriegszeit und die erfolgreichsten House-Tracks der späten 80er" auf die randvolle Festplatte meines Billig-PCs. Ha! Er griff gleich wieder zur Trompete. Früher war nicht alles schlecht. Und leiser.