Freitag, 14. Juli 2023

Auf dem Parkplatz

Diese Woche Termin beim Facharzt in Marburg. Ich fahre auf einen von zwei freien Parkplätzen und parke exakt parallel zu den anderen Fahrzeugen. Der Fahrer eines BMW bleibt hinter mir stehen, lässt die Scheibe runter und brüllt etwas Unverständliches. Ich vermute, ihm ist der verbliebene Platz zu eng, was genau so unverständlich ist. Wütend starrt er meine Heckscheibe an.

Ich ignoriere ihn und steige aus. Er verstummt, lässt die Scheibe hoch und fährt weiter. Als er später in der Patientenschlange hinter mir steht, sagt er kein Wort.

Manchmal sitzt in einem kleinen roten Auto voller Aufkleber keine zierliche Fahranfängerin oder ein schüchterner Student.

Freitag, 30. Juni 2023

Auf dem Spielplatz

"Mit wem spricht Benny denn da?", fragte Karl, als wir den Jungs auf dem Spielplatz zuschauten. Mein Sohn saß etwas abseits, offensichtlich allein, plapperte aber vor sich hin. Er sah zufrieden aus. "Keine Ahnung", antwortete ich. "Ich glaube, er hat einen imaginären Freund."

"Macht dir das keine Sorgen?", fragte Karl. Benny lachte und beschrieb etwas mit den Händen. "Überhaupt nicht", antwortete ich. "Ich hatte früher viele imaginäre Freunde. Sie haben mich beschützt und getröstet, wenn ich einsam war."

"Ob sein Freund irgendwann verschwindet?", fragte Karl. "Vermutlich", antwortete ich und blickte auf die leere Stelle neben mir auf der Bank. "Aber wenn nicht, ist auch das in Ordnung."

Donnerstag, 22. Juni 2023

Als ich den Boss traf

Der Boss in Düsseldorf. (c) Markus Engelhardt

Da mussten wir beide erst grau werden, bis wir uns endlich mal treffen, Bruce Springsteen und ich.

Ein drei Stunden langer Ritt durch 50 Jahre auf der Bühne, die dem Mann ein Zuhause ist. Song folgt auf Song, Hit auf Lieblingslied, ohne Pause, nur getrennt durch das klassische "One, two, three, four". Den Dialog mit dem Publikum gibt’s in intimeren, ruhigeren Passagen, wenn Springsteen allein im Licht steht und an "On Broadway" erinnert.

Zwischendurch lotet er die Grenzen des Stadionrock aus. Er darf das, immerhin hat er ihn erfunden. Es gibt Reminiszenzen an Blues und Gospel, an Jazz und Soul. "Nightshift" überrascht in der makellosen Setlist, hätte selbst Lionel Richie zu Tränen gerührt und zeigt, dass Springsteen das Coveralbum besser mit der E Street Band eingespielt hätte.

Die Gang ist vollzählig, nur Patti fehlt (Soozie Tyrell übernimmt ihre Parts), zudem sind die E Street Horns, der komplette Backing-Chor sowie Curtis King und Anthony Almonte dabei. Jeder bekommt seinen Moment. Max Weinberg ist Rückgrat und Uhrwerk, holt aus seinem winzigen Kit, wozu andere eine Schlagzeug-Burg brauchen. Der dünne Garry Talent gibt den Ruhepol der rollenden Rockmaschine, die über Jahrzehnte zur perfekten Einheit geschmiedet wurde.

Roy Bittan und Charles Giordano setzen die Eckpunkte, improvisieren unauffällig, sind zwei stille Profis im Hintergrund. Jake Clemons senkt das Durchschnittsalter auf der Bühne und versucht gar nicht erst, seinen Onkel zu imitieren, weil er weiß, dass der Big Man einmalig war. Stattdessen punktet er mit eigenen Akzenten und ist längst ein etablierter Teil der Truppe. Wenn du mit Springsteen spielst, gehörst du zur E Street Band, zur Familie.

Nils Lofgren ist anderthalb Meter pure Musik, ordnet sich als Sidekick dem großen Ganzen unter und zeigt mit einem mehrminütigen Solo quasi sämtlichen Gitarristen, wie man sowas macht. Und immer an der Seite des Meisters natürlich der unverwüstliche Mann in Schwarz: Auch am Jüngsten Tag wird Little Steven neben seinem Freund stehen. Bei 30 Grad Außentemperatur trägt Mr. Van Zandt zunächst einen Federhut, um ihn vor dem Publikum zu ziehen, und das unvermeidliche Piratenkopftuch. Lässig schießt er seine Riffs aus der Hüfte, bleibt der Liebling der Fans und bekommt immer wieder Szenenapplaus.

Und Springsteen selbst? Der ist stimmlich in Topform, physisch in beneidenswert guter Verfassung. Dirigiert das kleinste Orchester der Welt, greift erfreulich oft zur Mundharmonika und spielt erstaunlich oft Soli. Aber vor allem strahlt dieser 73 Jahre alte Mann eine Lebensfreude aus, von der wir alle lernen können. Er lebt den Moment, liebt sein Publikum, mit dem er auf Tuchfühlung geht, ist ehrlich dankbar für die Energie, die es ihm zurückgibt. Er ist ein Erzähler, ein Entertainer, sorgt für Gänsehaut und Freudentränen. Spricht viel von Alter und Tod und feiert zu jeder Sekunde das Leben.

Sie nennen ihn den Boss. Und das völlig zurecht.


Freitag, 2. Juni 2023

Im Kleiderschrank

Irgendwie faszinieren mich gerade diese Videokanäle, in denen Leute zeigen, was sie warum an diesem Tag tragen. (Nicht Wassermelonen, sondern Klamotten.) Bei mir würde das etwa so ablaufen:

"Hallo, Freunde, schön, dass ihr wieder mit dabei seid. Heute ist es recht warm, also tragen wir unsere schwarze Jeans, weil die nicht in der Wäsche ist und praktischerweise hier überm Stuhl hängt. Dazu ein Band-Shirt - ich empfehle das, das ganz oben auf dem Stapel im Kleiderschrank liegt, in diesem Fall zeigt es das Logo von Rise Against. Darüber - es ist ja Sommer - ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln, weil mir komplett am Arsch vorbeigeht, dass viele das für uncool halten. Heute Abend geht's in den Biergarten, also legen wir uns den schwarzen Hoodie ins Auto. Sicherheit geht vor, liebe Freunde. Als Uhr wählen wir heute wie an jedem verdammten Tag die im iPhone, das kommt einfach lässig in die Hosentasche. Wir tragen die gleichen Schuhe wie immer, wenn es nicht regnet, natürlich auch in Schwarz. Und als Duft - es wird einige überraschen, dass ich mir darüber tatsächlich ab und zu Gedanken mache - nehmen wir heute "bruno banani Made for Men", das riecht nach Frühling oder Sommer. Keine Sonnenbrille, denn dann können wir nicht Auto fahren, weil die eigentliche Brille nicht auch noch Platz auf der Nase findet. Und dann ist es auch schon fertig, unser Sommer-Outfit. Ich wünsche euch einen wunderschönen Tag, bis morgen, ihr Lieben."

Sonntag, 9. April 2023

In der Stille

Als er eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich zwar nicht in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Aber nichts war, wie es sein sollte. Also war alles wie immer.

Sein erster Blick aus dem Fenster galt der Absperrung. In der Nacht hatten sich fünf weitere Moaner im Dickicht der Holzspieße verfangen, die er in den Boden gerammt hatte. Er ging nach unten, erlöste sie mit einer weiteren Stange und zog sie auf den Aschehaufen. Das Funkgerät schwieg schon seit neun Monaten. Die Seuche wütete seit 25. Die Routine half ihm, seinen restlichen Verstand zu retten. Und wenn er die stöhnenden Besucher nicht regelmäßig entfernte, verlor die Absperrung an Wirkung.

Er blickte nach oben, in den fahlen Himmel, und kniff die Augen zusammen. Andererseits, dachte er, tut etwas Abwechslung ganz gut. Er ließ den Spieß fallen und kletterte über den Zaun. Einige Meilen die Straße runter sah er eine Herde, vielleicht 50 Moaner, die langsam und gierig in seine Richtung taumelten. Er lächelte, als er ihnen entgegenging. Wurde auch Zeit, dachte er.

Hinter ihm ertönte nach Monaten der Stille das Funkgerät. Aber das konnte er nicht mehr hören.

Dienstag, 4. April 2023

Am Abgrund

Wie war euer Tag? Meiner war… interessant.

Nachdem ein erneuter Besuch bei der Augenärztin eher durchwachsen verlaufen war, machte ich mich auf zu einem Fototermin in Dautphetal. Ich war relativ früh dran, also gönnte ich meinem Autochen eine Mahlzeit und eine Wäsche. Unterwegs bekam ich die Nachricht, dass wir ein Bild des Rimbergturms benötigten, daher schob ich die - laut Navi - 15 Minuten Sidequest noch rasch dazwischen.

Besagtes Gerät schickte mich den Rimberg hinauf, und mich stimmte nachdenklich, dass der Weg eher ein matschiger Trampelpfad durch dichtes Geäst war, von dem Teile auf der Fahrbahn lagen. Noch nachdenklicher stimmte mich der steile Abhang zu meiner Rechten. Irgendwann passierte es: Mein Wagen rutschte, brach nach rechts aus und auf den Hang zu. Ich lenkte gegen und sämtliche Reifen tief in den Schlamm. Schräg am Berg, links eine Wand, rechts der Tod. Nichts ging mehr.

Was tun? Ich rief zwei, drei meiner Dautphetaler Kontakte an. Wozu sind die alle in der Feuerwehr, fahren Trecker oder Jeep und kennen die Gegend? Hilfe versprach - so ungewöhnlich das klingt - der Bürgermeister. Der Mann ist ehemaliger Berufssoldat und Polizist und immerhin Herr über den Bauhof.

Er stellte tatsächlich zunächst den Kontakt zur Rettungsleitstelle her. Ein freundlicher und kompetenter Mitarbeiter griff mit Genehmigung auf mein Diensthandy zu und verschaffte sich per Kamera einen Überblick. Dann die zweite schlechte Nachricht des Tages: Ich musste aussteigen. Sofort.

Er bleibe am Telefon, tröstete er mich. Ich dachte daran, nicht die App "Seil zuwerfen" installiert zu haben. Und an meine Höhenangst. Als ich neben dem Auto stand, zitterte ich vor Adrenalin und schickte dem Gemeindeoberhaupt meinen Standort. Kurz darauf rollte der Jeep (wzbw) auf mich zu.

Der Bürgermeister schlug vor, sich selbst mal ans Steuer meines Kleinwagens zu setzen und sein Glück zu versuchen. Mit Vollgas und Geschick bekam er das Auto frei. Als kleine Karawane der Tapferen machten wir uns auf Richtung Tal…

… bis ich gar nicht mehr tapfer war. Ständiges Rutschen am steilen Abhang - es ging einfach nicht. Also fuhr ich im Wagen des Rathauschefs mit, alle 300 Meter stieg er aus und schloss mit meinem auf, bis wir irgendwann unten waren.

Fazit: Doornkaat, Dusche, Druckverband… Naja, eher ein kaputter Auspuff, eine sinnlose Autowäsche und wieder ein Dautphetaler, mit dem ich mich duze.

Wasntach. Durst, Pipi, Arm.

Montag, 27. März 2023

In der Warteschleife

Heute habe ich vergeblich versucht, einen Termin beim Facharzt auszumachen. Gescheitert ist das (bislang) nicht etwa daran, dass kein Termin zu bekommen war.

Nein, ich habe nach fast vier (!) Stunden in der Warteschleife aufgegeben und versuche es nun per Mail.

Vier Stunden. Das ist eine lange Zeit. Nach 15 Minuten habe ich den Lautsprecher des iPhones eingeschaltet und gearbeitet, Post sortiert, den Kühlschrank gefüllt, war auf dem Klo, musste das iPhone aufladen...

Vier Stunden lang hörte ich eine etwa 20-sekündige Melodie des Wahnsinns, die mich den Rest meines Lebens verfolgen wird. Vermutlich bin ich jetzt ein Schläfer. Sobald diese Sequenz ertönt, garantiere ich für nichts. Ist sowas nicht Folter?

Vier Stunden. Und alle paar Minuten: "Alle Abfrageplätze sind belegt. Sie befinden sich derzeit auf Position... eins... der Warteschlange. Wir bitten Sie um Geduld."

Am Anfang der vier Stunden war ich übrigens auf Position vier.

Vier Stunden meines Lebens. Unfassbar.

Donnerstag, 2. März 2023

Im Flur

Gemütlich saß er im Wohnzimmer, die Decke auf den Knien, den Blick auf den Fernseher gerichtet. Plötzlich tauchten im Türspalt zum Flur zwei grüne Augen auf, leuchtende Punkte in der Dunkelheit. "Spot", sagte er, "du sollst dich nicht immer so anschleichen. Komm schon her, du Kuschelmonster." Als er hörte, wie sein Kater direkt neben ihm miaute, jagte ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Und als sich die Tür weiter öffnete, ergriff die Kälte sein Herz und ließ ihn erstarren.