Samstag, 16. November 2013

Herzensangelegenheiten

"Was ist denn Grunge?", fragt eine Kollegin (zwölf Jahre jünger als ich). Und die Praktikantin (halb so alt wie ich) antwortet zustimmend: "Keine Ahnung - nie gehört."

So geht es eben zu in der schnellen, aber oberflächlichen Glitzerwelt des Pop. Eben noch in den Hitparaden, nun in der Versenkung. Aus den Ohren, aus dem Sinn. Dabei sind kaum zwei Jahrzehnte vergangen, seit Knarren-Kurtchen sich die Sache nochmal durch den Kopf gehen ließ. (Und um den zweibeliebtesten Kalauer zum Thema ebenfalls zu ehren - natürlich waren seine letzten Worte: "Hole's gonna be big." Kapiert heute eh niemand mehr.)

Seinerzeit hielten die Plattenbosse jedem Karohemden- und/oder Wollmützenträger einen unterschriftreifen Vertrag vor die abgeschrammelte Klampfe. Wer in der Schwermetallszene etwas auf sich hielt, schimpfte über die angeblichen Emporkömmlinge aus Amerikas Norden, die in großen Hallen spielten, wo einst toupierte Matten flogen, und ihre Gitarren auf Kniehöhe, die Köpfe aber in fernen Sphären hatten. Wer nichts auf sich hielt, machte das einfach nach.

Grunge war gestartet als Mischung aus dem Hardrock der frühen und dem Punk der späten 70er, er hat die komplette Stromgitarrenlandschaft umgepflügt, aus der Alternative die einzige Möglichkeit gemacht, aus Underdogs Überflieger und aus Stars schwarze Löcher. Dann ballerte Cobain sich in den Club 27, Layne Staley krepierte mit einer Nadel im Arm, Soundgarden verstreuten sich in die vier Himmelsrichtungen, und Pearl Jam standen daneben und zeigten den Finger. Sicher auch den Epigonen, die von allen Seiten angekrochen kamen, aus dem Süden der Staaten, von der Insel und sogar aus Europa. Die Revolution fraß nicht ihre Kinder, diesmal war es umgekehrt.

Wer wissen will, wie die Stimmung damals war und was die Musik jener Tage damit zu tun hat, sollte sich Mudhoneys "Touch Me I'm Sick" anhören (die wahre Hymne der Generation X) oder das unfassbare Album von Temple Of The Dog oder meinetwegen die eher seichte Liebeskomödie "Singles" gucken. Grundsätzlich geht es um Wut und Schmerz und Gitarren (hatte ich die Gitarren erwähnt?). Ein bisschen auch um Veränderung und darum, dass sie meist überraschend passiert.

Mark Lanegan von den Screaming Trees wurde mal gefragt, wie er sich in der Zukunft sehe. "I'll probably be one of those dumbasses that still tries to rock", sagte er. Auch das ist Grunge.

Freitag, 27. September 2013

Herzensangelegenheiten

"Lieblingsmusik ist einfach die Musik, die einem gefällt", behauptete einst ein damaliger Freund. Und hatte Unrecht. Denn Lieblingsmusik ist soviel mehr.

Lieblingsmusik schaltet Stimmungen ein und aus. Sie macht aus traurigen Verlierern in drei Minuten breit grinsende Gewinner. Sie zieht uns hoch und runter, prügelt uns durch, streichelt uns und verändert die Welt.

Sie verstärkt Gefühle und hilft dabei, sie zu unterdrücken. Sie gibt Glaube, Liebe, Hoffnung und sorgt dafür, dass wir noch etwas länger durchhalten. Sie lässt uns tanzen und weinen, manchmal nacheinander, selten gleichzeitig, oft in umgekehrter Reihenfolge.

Sie ist das Licht im Dunkel und der dunkle Fleck in der Vergangenheit. Sie ist dabei, wenn wir Freunde kennen lernen oder verlieren, untermalt Action- und Liebesszenen, dröhnt im Kopf und aus den Boxen. Sie macht aus falschen Augenblicken richtige.

Sie verbindet Menschen und Verletzungen, schafft Gemeinschaft und zerstört Einsamkeit. Sie wird gebraucht und vermisst, sie wartet und lebt in der Erinnerung.

Sie macht, "dass es doppelt so weh tut". Sie macht, "dass es nicht mehr so schmerzt". Singt Pohlmann. Der das alles offenbar besser verstanden hat als oben erwähnter Freund.

Dies sollte uns übrigens Geld wert sein. Wir sollten Alben kaufen - am besten als "physischer Tonträger", aber meinetwegen auch als bezahlter Download. Wir sollten Konzerte besuchen. Denn die Jungs und Mädels, die Damen und Herren, die unsere Lieblingsmusik spielen, leben davon.

Wer sich im Netz umschaut oder durch Musikzeitschriften blättert, stößt ständig auf neue Hiobsbotschaften oder verwirrende, weil widersprüchliche Meldungen, wenn es um die Zukunft zu erwerbender Musik geht. CD-Verkäufe auf Talfahrt, Runterlader werden mehr, Vinyl-Freunde bleiben tapfer, Tourneen bringen Umsatz oder werden abgesagt. So richtig weiß keiner, wohin die Reise führt.

Selbst ernannte Experten starren in milchige Glaskugeln statt sich darauf zu konzentrieren, worum es geht. Musik muss wieder etwas wert sein. Sie darf nicht zur "akustischen Tapete" (Farin Urlaub) verkommen, sondern soll ein Kulturgut bleiben. Mit Betonung auf "gut".

Einmal mehr kann jeder von uns mithelfen, den Planeten ein bisschen besser zu machen (oder zumindest: besser klingen zu lassen). Einfach mal wieder ein Album kaufen (gerne im kleinen Plattenladen), wenn einem ein Song gefällt. Es mit nach Hause nehmen, sich bewusst anhören, auf Arrangements, Bassläufe, Rhythmuswechsel, Texte achten, nochmal und immer wieder spielen, in den Alltag fließen lassen. Musik zur Lieblingsmusik machen.

Sonntag, 11. August 2013

Herzensangelegenheiten

Nächtliche Reise. Ich döse auf dem Rücksitz. Papa lenkt den alten Kleinbus sicher Richtung Norden. Vorbeizischende Lichter und zerfledderte Comics vermischen sich zu merkwürdigen Träumen. Wenn ich aufwache, beginnt der Sommerurlaub. Das Radio spielt Verkehrsnachrichten. Kein Grund zur Sorge.

 Wish I didn't know now what I didn't know then.
 (Bob Seger: Against The Wind)


Morgendliche Reise. Ich sitze am Steuer. Der Führerschein ist teuer erkauft: Zerfledderte Comics mussten dran glauben. Keine Zeit zum Dösen. Wenn ich angekommen bin, droht der tägliche Ernst des Lebens. Mein Alter nennt das nicht so. Er sagt nur: "Da mussten wir alle durch, Junge." Im Cassettenfach steckt ein selbst zusammengestelltes Tape. Kein Grund zur Panik.

 I wish that I knew what I know now when I was younger.
 (The Faces: Ooh La La)


Abendliche Reise. Die vorbeizischenden Lichter sehe ich kaum. Mein Vater ist lange tot. Da müssen wir alle durch, Junge. Das Telefon spielt sämtliche Lieblingslieder. Kein Grund zum Träumen. Immerhin zwei freie Tage stehen an, wenn ich... angekommen bin? Wann kommt man an? Will man das wirklich wissen? Will man wirklich ankommen?

Lichter im Augenwinkel und Lieblingslieder im Ohr vermischen sich zu dämlichen Fragen im Kopf. Vermutlich ist doch der Weg das Ziel. "Nutze den Tag" und der ganze Quatsch. Aber am besten nicht zum Grübeln. Noch ist Zeit. Und Urlaub ist auch im Spätsommer toll.

 I was so much older then. I'm younger than that now.
 (Bob Dylan: My Back Pages)

Donnerstag, 25. Juli 2013

Die fünfeinhalb beschissensten Filme aller Zeiten

Sie erscheinen mit quälender Regelmäßigkeit: Listen der besten oder schlechtesten Filme, Alben, Bücher, wasauchimmer aller Zeiten. Ich lese sowas ganz gern, störe mich aber an dem, woran sich jeder stören sollte - an der Formulierung "aller Zeiten". Diese sagt nämlich aus, dass auch in Zukunft nichts und niemand an der Zusammensetzung dieser Auflistungen rütteln darf. Und wird schon allein dadurch widerlegt, dass jeder Autor eine eigene Liste veröffentlicht und jede Publikation wie erwähnt immer und immer wieder auf die prickelnde Idee kommt, ihren Lesern ähnliches aufzudrängen.

Das ganze Konzept ist derart fragwürdig, dass ich einfach mitmachen muss. Natürlich ganz anders und viel besser, vor allem rein subjektiv. Und meine Liste der beschissensten Filme aller Zeiten ersetzt nicht nur das brave Adjektiv "schlecht" durch seinen ehrlicheren Bruder "beschissen", sondern meint auch das "aller Zeiten" schlimmstenfalls ironisch. Meine Liste umfasst zudem nicht 200, 100 oder 50 Filme, nicht mal zehn. Fünfeinhalb sind's, die mir nicht mit auf die einsame Insel kommen. (Oder mich gegebenenfalls dazu bringen, in Rekordzeit zum Festland zu schwimmen.)

Alles klar soweit? Dann anschnallen und Popcorn wegpacken - es geht los:

5. "Jagd auf Roter Oktober" (1990): Dreimal habe ich das Kino verlassen, ehe der Film fertig war. Einmal musste ich meine Mitfahrgelegenheit kriegen (was mir nicht gelungen ist), also durfte Nick Nolte sich ohne mich gegen Robert DeNiro wehren. Einmal bin ich lieber zurück zu einem Straßenfest gegangen, und David Lynch hatte nicht genug zu bieten, um mich im Kinosaal zu halten. Und einmal dachte ich: "Es gibt so viele interessantere Dinge, die ich nun tun könnte. Farbe beim Trocknen zusehen. Lexika aus Buchstabennudeln legen. Oder schlafen." Der Film, den ich seinerzeit nicht bis zum Ende ansehen konnte, weil sonst mein Kopf vor lauter Langeweile geplatzt wäre, war "Jagd auf Roter Oktober". Nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts an diesem angeblichen Polit-Thriller ist auch nur annähernd interessant. Die Geschichte ist in zwei Sätzen erzählt. Der durchaus respektable Cast läuft auf Autopilot. Und minutenlang passiert genau gar nichts. Kaum zu fassen, dass Regisseur John McTiernan uns "Der 13te Krieger", "Predator" und die ersten beiden Teile von "Stirb langsam" geschenkt hat. Und das ist eine geniale Überleitung zu

4. "Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben" (2013): Diesen Film wollte ich mögen. Ich habe all die Unkenrufe aus Bloghausen und meinem Freundeskreis ignoriert. Denn John McLane ist einer der großen Helden meiner Jugend. Die Paraderolle für Bruce Willis. Der problembeladene, aber gute Kerl, der in ausweglose Situationen gerät, doch sich mit Knarre, Köpfchen und Kalauern wieder herauskämpft, um am Ende als zäher Held den Tag zu retten. Ich bin so sehr Fan, dass ich sogar den viel gescholtenen vierten Teil mag. Außerdem war der Tag des Kinobesuchs ein wirklich netter: Ich war mit einer ganzen Horde von Freunden unterwegs, die Stimmung war gut. Doch leider hat mich dieser Film noch lange Zeit später beschäftigt. Was ärgerlich ist, allerdings weniger unnötig, als ich mir seither einrede. Denn eigentlich gibt es Diskussionsbedarf. Nehmen wir einfach mal hin, dass die aufgesetzte Vater-Sohn-Geschichte eher behauptet als gezeigt wird. Akzeptieren wir ruhig, dass sich echte amerikanische Action-Veteranen nicht von tödlicher Strahlung beeindrucken lassen, sondern lässig zum Deospray greifen, um sie auszulöschen. Und lassen wir meinetwegen die eher kostengünstigen CGI-Effekte außer Acht, die aussehen wie in den späten 90ern und zu keinem Zeitpunkt realistisch wirken. Aber verdammt: Wie erwähnt ist der Witz an John McLane, dass er eher unfreiwillig in brenzlige Situationen gerät. Er fährt nicht als Ein-Mann-Armee nach Russland, um seinen (zuvor quasi nie gezeigten) Sohn zu befreien, der praktischerweise Spezialagent ist. Da hilft es auch nicht, dass der olle Bruce immer wieder betont, er mache doch nur Urlaub: Dieser Billigstreifen hat nicht das Geringste mit "Stirb langsam" zu tun - abgesehen vom Titel, der des lieben Geldes wegen gewählt wurde.

3. "Savages" (2012): Ihr habt ein Faible für Oliver Stone, weil euch "Platoon" oder "Wall Street" gefallen haben? Ihr hofft, die durchaus brutale Geschichte um Sex, Drogen und Gewalt sei ähnlich virtuos inszeniert wie "Natural Born Killers"? Vergesst es. Der einstige Altmeister versucht sich verzweifelt an der hektischen Optik von Tony Scott, hat seine Darsteller (die sich meist selbst spielen) zu keinem Zeitpunkt im Griff und entgeistert am Schluss noch mit einem der billigsten Twists der Filmgeschichte. Jedes weitere Wort wäre zuviel. Das gilt im Grunde auch für

2. "Batman & Robin" (1997): Andererseits weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll... Nachdem es dem damals noch kreativen Tim Burton Ende der 80er gelungen war, den flatternden Comichelden düster und cool auf die Leinwand zu zaubern, hat Joel Schumacher derart viel falsch gemacht, dass er das Franchise für mehr als ein Jahrzehnt komplett verbrannt hat. In einer bonbonfarbenen Pappkulisse turnt ein desinteressierter George Clooney im dunkelblauen Hasenkostüm herum und klopft launige Sprüche. Dann und wann geraten er und sein extrem nerviger Sidekick Chris "Robin" O'Donnell in eigenartige Ballettsequenzen und mit dem unfassbare Oneliner stammelnden Arnold "Fehlbesetzung" Schwarzenegger aneinander. Das Ganze ist derart grotesk, dass es wie eine Parodie wirkt. Das Problem: Es soll keine sein. Die meinen das ernst. Mögen sie in der Hölle schmoren. Wo sie mit Sicherheit auf ewig folgenden Film gucken müssen:

1. "Highlander II - Die Rückkehr" (1990): Sorry, Leute, aber ich habe geschworen, die Existenz dieses Machwerks einfach zu ignorieren. Daher nur zwei kurze Anmerkungen: Wer meinen absoluten Lieblingsfilm mit einer derart dreist verkackten Fortsetzung besudelt, ist mein Feind. Und: Es kann nur einen geben.

Kommen wir zum Bonus, dem Film, der nicht beschissen genug ist, um vollständig in den Top Five zu landen, aber immerhin zur Hälfte so grottig, dass er zumindest erwähnt werden muss: "The Dark Knight" (2008). Das Gute an diesem Streifen ist, dass es sich um eine ernstzunehmende Batman-Verfilmung handelt und Heath Ledger sich mit seiner Darstellung des Jokers unsterblich gemacht hat. Das Schlechte: Christopher Nolan, definitiv einer der meistüberschätzten Regisseure der Gegenwart, hat ihn inszeniert. Und der Mann kann einfach nichts. Die Action ist lahm, die Dialoge fade, die Stimmung trist statt düster, alles ist viel zu langatmig, von Spannung keine Spur, dazu die gigantischen Logiklöcher, für die der Mann längst bekannt ist. Taugt allenfalls als Bindeglied zwischen dem überraschend guten Vorgänger und dem versöhnlich sauberen Abschluss der Trilogie. Für einen Nolan-Hasser wie mich ist das fast ein Lob. Aber eben nur fast.

Montag, 24. Juni 2013

Kino-Kritik: "Man Of Steel"

Der Mann aus Stahl hat's nicht leicht: Selten wurde ein Film bereits lange vor dem Start mit derart viel Häme überschüttet. Die galt Regisseur Zack Snyder, Produzent Christopher Nolan und Drehbuchautor David S. Goyer, aber auch sämtlichen Schauspielern und vor allem der Grundidee als solcher.

Denn Superman war immer der perfekt frisierte Pfadfinder im blauen Strampelanzug - selbst in der quietschbunten Welt der DC-Comics (die sich vom Konkurrenten Marvel seit jeher durch ein Mehr an Capes und ein Weniger an Sozialkritik unterscheidet) fiel dieser Kerl allzu oft negativ auf. Weil er der positivste Comicheld aller Zeiten ist: Nichts erschüttert seinen Glauben an das Gute, die Menschheit und die Pfannkuchen seiner Adoptivmutter. Während Batman längst den dunklen Ritter gab (und immer noch ein bisschen mehr Waisenknabe war als Kryptons letzter Sohn) und neuere Kollegen wie Black Lightning oder der Creeper als Straßenkämpfer oder Antihelden daherkamen, flog der Mann mit dem Faible für außengetragene Unterhosen mal eben lässig in Lichtgeschwindigkeit um die Erde, verprügelte Bösewichter mit einem Fingerschnippen oder half alten Damen über die Straße. Wie also lässt sich die Geschichte dieses tugendhaften Tausendsassas spannend erzählen?

Hielt sich Richard Donner 1978 noch sklavisch an die Comicvorlage, waren Supies Fernsehabenteuer mal als Screwball-Komödie ("Die Abenteuer von Lois & Clark"), mal als Teenie-Drama ("Smallville") angelegt. Interessante Ansätze, schmales Budget - ganz anders als bei der Einschlafhilfe "Superman Returns" (2006), dem bislang letzten Versuch, den Urvater aller kostümierten Verbrecherjäger auf die große Leinwand zu bringen.

Snyder geht nun einen anderen Weg: Sein "Man Of Steel" kommt düsterer daher, abgesehen von der phantastischen Rahmenhandlung sogar relativ realistisch. Ausführlich wird die Herkunft des Superbuben erzählt. Snyder lässt uns eintauchen in eine bizarre Welt - sein Kal-El ist eben ein Fremder, ein außerirdisches Wesen vom Planeten Krypton, Mensch geworden nur durch die Erziehung seiner Adoptiveltern und seine Suche nach sich selbst. Und nachdem sein leiblicher Daddy (ein souveräner Russell Crowe als kampferprobter Wissenschaftler) ihn als Neugeborenes auf unseren Planeten geschickt hat, wird die Kindheit des späteren Helden mitnichten so behütet und wohlsortiert dargestellt wie gewohnt. Ma und Pa Kent (Diane Lane und Kevin Costner) meinen es etwas zu gut mit ihrem fremdartigen Findelkind. Der kleine Clark bleibt ein Außenseiter, ohne tatsächlichen Kontakt zu Mitschülern oder anderen Menschen. Erst als Erwachsener (Henry Cavill) lernt er seine unfreiwillige Heimat kennen, deren Bewohner und das Leben. Und als nach einem überraschend langen Intro die patente Pulitzerpreisträgerin Lois Lane (kompetent, aber fehlbesetzt: Amy Adams) und weitere Kryptonier (unter der Führung von Michael Shannon als faschistoidem General) hineintreten, beginnt eine Abfolge von Actionszenen, die ihresgleichen suchen.

Snyder und Nolan setzen ja gern mal mehr auf atemberaubende Bilder als auf Logik. Und so darf Superman im Kampf gegen die finsteren Invasoren halb Metropolis in Schutt und Asche legen. (Nicht gerade der perfekte Start in eine Karriere als unfehlbarer Champion...)

An manchen Stellen bricht der Plot also mit dem Mythos - und meist ist das sogar sinnvoll. Zudem gibt es für Geeks einiges zu diskutieren: Sind die wichtigsten Nebenfiguren dabei? (Sind sie - bis auf Jimmy Olsen.) Ist Laurence Fishburne geeignet für die Rolle des Perry White? (Ist er - wer an dieser Stelle rassistische Gründe anführt, verpisst sich gefälligst von meinem Blog.) Gibt es Hinweise auf die geplanten Fortsetzungen? (Gibt es - aber hier keine Spoiler.) Und taucht Supermans Erzfeind Lex Luthor auf? (Nein. Aber... - naja, hier keine Spoiler.)

Die wichtigste Frage: Ist "Man Of Steel" der erhoffte Action-Blockbuster des Sommers? Das ist er definitiv. Groß, laut, teuer, sehr amerikanisch. Jetzt sollte DC versuchen, Marvels gigantischen Vorsprung im Kino aufzuholen. Vielleicht klappt das ja, indem jemand mit Lichtgeschwindigkeit um den Planeten fliegt... 

Macht saubere acht von zehn Fensterglasbrillen für angehende Starreporter.

Montag, 10. Juni 2013

Herzensangelegenheiten

"Haste gelesen?", fragt Sven Regener, sprachlich ungewohnt nachlässig, inhaltlich gewohnt nervig. Er wedelt mit der aktuellen Ausgabe des Rolling Stone herum, was ich glücklicherweise nur höre und nicht sehe, denn natürlich ignoriere ich ihn und drehe mich nicht zu ihm um.

Er ist mein Mieter, nicht mein Kumpel. Sven Regener selbst benutzt gern den Begriff "Untermieter", was irgendwie cool klingen soll, aber Blödsinn ist. Die Hütte gehört mir, der feuchte Heizungskeller auch. Er bewohnt ihn nur.

Während ich mich darüber ärgere, durch eine simple Frage an verhasste Themen erinnert geworden zu sein, raschelt der "Rolling Stone" weiter, und Sven Regener legt nach: "Den Artikel hier, haste den gelesen?" Ich antworte nicht, was er einmal mehr als Aufforderung missversteht, seine Frage um eine Ausführung zu ergänzen: "Der Mick sagt, der Keith und er seien gar nicht wie Brüder, sondern eher wie Kollegen." Mein Ärger über die sinnlosen Artikel wird durch die Freude über den korrekten Konjunktiv abgemildert. Deshalb drehe ich mich nun doch um und antworte.

Und zwar: "Bist du sicher, dass du darüber mit dem Richtigen sprichst? Immerhin habe ich einige Jahrzehnte gebraucht, um zu kapieren, weshalb die Stones so beliebt sind. Da ist es zu früh, mich mit ihrem Privatleben zu beschäftigen. Ich hatte eigentlich vor, damit zu warten, bis sie..." "Warum bist du eigentlich immer so ein Arschloch?", unterbricht Sven Regener mich und weckt weitere unangenehme Erinnerungen. An den Klang seiner rostigen Trompete zum Beispiel, die samstags um 6 Uhr sogar den Rasenmäher des Nachbarn übertönt. Und da fragt er ernsthaft, weshalb ich... "Das ist doch spannend", unterbricht er erneut, diesmal meine düsteren Gedanken. "Ich dachte immer, die sind Freunde." Kein Konjunktiv ist auch eine Lösung.

Ich gehe zwei Schritte auf ihn zu und schaue auf ihn herunter. (Sven Regener ist kleiner als ich.) "Woher willst du denn wissen, was Freunde sind?", knurre ich und hoffe vergeblich, ihn mit dieser Bosheit verletzt zu haben. Dabei weiß ich es besser. Neulich hatte er nämlich ein paar Freunde zu sich eingeladen. Den ersten streckte ich noch an der Tür mit einer rechten Geraden nieder. Einfach weil er Jochen Distelmeyer war. Der zweite entkam meinem linken Haken durch rasches Hakenschlagen, was sich so unangenehm literarisch liest, dass es meine Antipathie noch verstärkt: Tom Liwa soll ja ein Netter sein. Aber das denken die Leute auch von Sven Regener. Immerhin habe ich verhindert, dass sie zusammen Musik machen.

"Freunde sind", beendet mein Mieter (ha!) zum dritten Mal mein Kopfkino, "Menschen, die für einen da sind, obwohl sie es nicht müssten." "Wer muss denn für einen da sein?", will ich wissen. "Na, aus Sicht der Gesellschaft doch wohl die Familie, Verwandtschaft, Ehe- oder Beziehungspartner", überlegt er laut. "Ich sollte ihn doch rausschmeißen", überlege ich leise. Und sage (Lautstärke irgendwo dazwischen): "Freunde sind die Familie, die man sich aussucht."

Sven Regener schweigt, denn ich habe recht. Das wissen auch der Mick und der Keith.

Dienstag, 21. Mai 2013

Mein Dogma (II)

Ein Konzert (oder eine vergleichbare Veranstaltung) ist eine verhältnismäßig schlichte Angelegenheit. Nur wenige ungeschriebene Regeln sind zu befolgen, damit sie zu einem Spaß für alle Beteiligten wird. Eine davon lautet: Die auf der Bühne machen Musik (um bei diesem Beispiel zu bleiben), die davor haben eine gute Zeit.

Es bleibt natürlich jedem selbst überlassen, "gut" zu definieren. Da aber Freiheit immer die Freiheit des weiter hinten Stehenden ist, ist es äußerst wichtig, geradezu unerlässlich, sich an eine weitere Regel zu halten. Sie lautet: Niemals, unter keinen Umständen den Engelhardt ärgern.

Zugegeben: Diese Grundregel zu missachten, ist relativ einfach - zumindest im Alltag. Während eines Konzerts genügt dazu sogar eine einzige Bewegung. Nämlich ein Griff in die Tasche, zum Mobiltelefon, um dieses vor sich zu halten.

Ich hasse es mit jeder Faser meines Seins, Konzerte durch hunderte winziger Monitore zu verfolgen. Ich bin nicht Brundlefly, also will ich meine Umwelt nicht wie durch Facettenaugen wahrnehmen. Und dabei habe ich an dieser Stelle noch kein Wort darüber verloren, wie erbärmlich die unscharfen Fotos und verwackelten Filmchen sind, mit denen die Smartphone-Salutierer nach der Veranstaltung ihre Fratzenbuch-"Freunde" oder gar den Rest der Online-Welt belästigen.

Anders ausgedrückt: Zieht ein Konzertbesucher sein Handy, löst das in mir Brechreiz aus. Handgelenke, zum Beispiel, oder Unterkiefer oder auch gern mal ein Genick.

Freitag, 10. Mai 2013

Herzensangelegenheiten

Manchmal ist die Musik im Kopf ein durchdringendes Dröhnen. Und manchmal ist das besser so.

Die Welt ist groß und bunt, die Welt der Musik sogar noch farbenfroher. Es gibt Soundtracks für jeden Anlass und für jede Stimmung. Die abendliche Heimfahrt wird von anderen Liedern untermalt als das nächtliche Grübeln. Der Alptraum hat einen anderen Soundtrack als das Zähneputzen. Auf der Arbeit läuft nicht die gleiche Musik durchs Hirn wie in der Oberstadtkneipe. Und dann plötzlich herrscht Stille, und die Stille ist gefährlich.

"Ihr müsst leise sein, um lauter sein zu können", lautete der Rat an Ian MacKaye, bevor er Fugazi gründete. Das stimmt und ist nicht immer einfach. Denn der Lärm, der auf die Ruhe folgt, ist häufig unerträglich.

Da hilft nur: ausschalten. Den Soundtrack. Die Lieder. Den Kopf. Zurück bleibt ein angenehm dumpfer Grundton, der das Denken verhindert. Die Welt ist bunt und groß.

Manchmal vergisst man das.

(Mehr Gedanken dazu.
 Noch mehr Gedanken dazu.
 Und noch mehr Gedanken dazu.)