Regenfahrt im dunklen Auto. Nachts werden Songtexte zu Wahrheiten.
Während ich noch überlege, weshalb auf einmal alle diese riesigen
Kopfhörer tragen, keift Peter Coyne dazwischen. "Birth, school, work,
death", zählt der Sänger der Godfathers auf. Verdammt richtig.
Der
Trick ist, die restliche Zeit so sinnvoll wie möglich zu verbringen.
"The trick is to keep breathing", bestätigt Shirley Manson, denn der
CD-Player grübelt mit.
Als ich die Haustür aufschließe,
fällt mir ein Foto ein, das auf facebook häufig kommentiert
wurde. Wir waren jung, hatten Punkrock, Led Zeppelin und Koffein in der
Blutbahn. Mitten in Punkt zwei. Wer Glück hatte, ist inzwischen einen
Schritt weiter.
Ich schalte die Dunkelheit und die Stille
ab. Jeff Buckley singt Leonard Cohen. Auf den dritten Punkt hatte uns
niemand vorbereitet. Und der vierte kommt ohnehin überraschend. Keine
Zeit zu verlieren.
Nachts werden Wahrheiten zu Songtexten.
Spreeblick
Sonntag, 15. August 2010
Sonntag, 6. Juni 2010
Herzensangelegenheiten
Als dann der lang erwartete Ruck durch die
Republik ging, war es bereits noch länger zu spät. Erwartungsgemäß
freuten sich die Marburger Studenten darüber, Roland Koch abgesägt zu
haben. Überraschenderweise waren wir kurz darauf Lena. Auch schon egal.
Wer wen auf welche Größe zurechtgesägt hatte oder ob wir gleichzeitig Papst und Weltmeister sein konnten, spielte ohnehin keine Rolle. Zumindest nicht in diesem Spiel.
Wichtig war: Die Nation und ihre Nachbarn versammelten sich wieder häufiger vor dem Fernsehschirm. Dazu brauchte es Augen und Arsch, Gehirn und Gehör wurden kaum beansprucht.
"Höret beim Reden." Das stand auf einer Wand in Berlin. Wer nichts sagt, sollte noch besser zuhören. Im Fernsehen sterben Seevögel. Das klingt nicht gut. Glotze aus, Musik an, Ohren einschalten. Und das dazwischen. Das klingt schon besser.
Denkt beim Hören. Und der Ruck war übrigens kein Ruck. Sondern das letzte Zucken.
Wer wen auf welche Größe zurechtgesägt hatte oder ob wir gleichzeitig Papst und Weltmeister sein konnten, spielte ohnehin keine Rolle. Zumindest nicht in diesem Spiel.
Wichtig war: Die Nation und ihre Nachbarn versammelten sich wieder häufiger vor dem Fernsehschirm. Dazu brauchte es Augen und Arsch, Gehirn und Gehör wurden kaum beansprucht.
"Höret beim Reden." Das stand auf einer Wand in Berlin. Wer nichts sagt, sollte noch besser zuhören. Im Fernsehen sterben Seevögel. Das klingt nicht gut. Glotze aus, Musik an, Ohren einschalten. Und das dazwischen. Das klingt schon besser.
Denkt beim Hören. Und der Ruck war übrigens kein Ruck. Sondern das letzte Zucken.
Freitag, 11. Dezember 2009
Herzensangelegenheiten
Irgendwann habe ich die Antenne einfach abgeknickt. Ich höre nie Radio,
auch nicht beim Autofahren. Musik darf keine akustische Tapete sein.
Dabei übt die Idee, andere - gar landesweit - am eigenen Musikgeschmack
teilhaben zu lassen, durchaus eine starke Faszination aus.
Jedoch hat Radio in Deutschland rein gar nichts zu tun mit John Peel oder den Jungs aus dem sehr guten Film "The Boat That Rocked". In der guten, alten Zeit war das anders, gerät der alternde Plattensammler ins Schwärmen. Klaus Walter erwies sich nicht nur übern Äther als gestrenger Kritiker der Beliebigkeit, sondern war auch im Interview ein streitbarer Gesprächspartner mit Ecken und Kanten. Also grundsympathisch. Und bevor Volker Rebell in die altersmilde Ethnopop-Verliebtheit wegdümpelte, machte er seinem Nachnamen alle Ehre. (Wie oft er das wohl schon gehört hat?)
Der große Formatradio-Gott aber strafte derlei Außenseitertum trotz stabiler Fanbasis mit gnadenloser Abschiebung, seit langem ein gern verwendetes Mittel, um die Republik frei zu halten von allem, was anders ist. In die Nische, aus dem Sinn, raus aus meinem Leben und damit auch aus diesem Blog.
Einst saßen wir am Jahresende mit langen Listen vor der Stereoanlage und lauerten darauf, begehrte Hits und Klassiker ohne Gequatsche aufs Band bannen zu können. "Hit-Container" hieß das. Später fehlte uns gerade das Gequatsche, und die Songs hatten wir auf CD und/oder Festplatte. Heute gibt es Blogs und Podcasts, aber es ist nicht das Gleiche. Das alles gilt übrigens sicher nicht nur für die meiner hessischen Herkunft geschuldete Auswahl, von der hier die Rede ist.
Was bleibt, ist jene quälende Kombination von genormter Musikauswahl aus dem Großrechner und unerträglich langweiligem Geplauder dazwischen. Die Radiotage sind vorüber. Die Antenne ist abgebrochen.
Volker Rebell über Lou Reed
Jedoch hat Radio in Deutschland rein gar nichts zu tun mit John Peel oder den Jungs aus dem sehr guten Film "The Boat That Rocked". In der guten, alten Zeit war das anders, gerät der alternde Plattensammler ins Schwärmen. Klaus Walter erwies sich nicht nur übern Äther als gestrenger Kritiker der Beliebigkeit, sondern war auch im Interview ein streitbarer Gesprächspartner mit Ecken und Kanten. Also grundsympathisch. Und bevor Volker Rebell in die altersmilde Ethnopop-Verliebtheit wegdümpelte, machte er seinem Nachnamen alle Ehre. (Wie oft er das wohl schon gehört hat?)
Der große Formatradio-Gott aber strafte derlei Außenseitertum trotz stabiler Fanbasis mit gnadenloser Abschiebung, seit langem ein gern verwendetes Mittel, um die Republik frei zu halten von allem, was anders ist. In die Nische, aus dem Sinn, raus aus meinem Leben und damit auch aus diesem Blog.
Einst saßen wir am Jahresende mit langen Listen vor der Stereoanlage und lauerten darauf, begehrte Hits und Klassiker ohne Gequatsche aufs Band bannen zu können. "Hit-Container" hieß das. Später fehlte uns gerade das Gequatsche, und die Songs hatten wir auf CD und/oder Festplatte. Heute gibt es Blogs und Podcasts, aber es ist nicht das Gleiche. Das alles gilt übrigens sicher nicht nur für die meiner hessischen Herkunft geschuldete Auswahl, von der hier die Rede ist.
Was bleibt, ist jene quälende Kombination von genormter Musikauswahl aus dem Großrechner und unerträglich langweiligem Geplauder dazwischen. Die Radiotage sind vorüber. Die Antenne ist abgebrochen.
Volker Rebell über Lou Reed
Freitag, 10. April 2009
Herzensangelegenheiten
Meine Stimme ist verschwunden. Das ist
ziemlich schade, denn eigentlich mochte ich sie ganz gerne. Daher habe
ich sie sehr häufig benutzt, privat und beruflich.
Ich habe damit meinen Standpunkt vertreten, meist recht leise, seltener laut, aber immer deutlich. Ich habe damit geflüstert und geschrien, Lob und Kritik verteilt, flammende Reden gehalten und lustige Gedichte rezitiert, kleine Lebensweisheiten verkündet und große Gefühle gestanden.
Und nun ist sie fort. Das Verschwinden meiner Stimme kündigte sich bereits vor einiger Zeit an, als sie ihren gewohnten Klang veränderte. Plötzlich hörte sie sich ein wenig so an wie die von Tom Waits. Anders als der Mann mit dem schiefen Hut habe ich meine Stimme allerdings niemals zum Singen benutzt - oder allenfalls unter Androhung massiver körperlicher Gewalt beziehungsweise einer noch schlechteren Note im Schulfach Musik.
Wer mich zum Gesang nötigte, bereute seine Entscheidung meist nach wenigen Sekunden. Mit meiner Stimme lassen sich aller Textsicherheit zum Trotz ganze Konzerthallen leeren. Das weiß ich, ohne es jemals ausprobiert zu haben. Mein Autoradio und meine Dusche könnten ein Lied davon singen, wenn sie singen könnten. Aber natürlich können sie nicht einmal sprechen. Genau wie ich.
Allerdings gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass meine Stimme bald wieder da ist. Obwohl ich sie seit meinem 18. Lebensjahr mehrmals jemandem gegeben habe, ist sie nämlich immer zurückgekehrt. Übrigens ohne Konsequenzen für mein Leben, welcher Art auch immer.
Wenn ich meine Stimme wiederhabe, werde ich mir überlegen, ob ich sie in Zukunft weniger schone. Ich könnte endlich mit dem Aktivrauchen anfangen oder mit dem Konsum von Spirituosen oder damit, mir morgens Rasierklingen unter die Cornflakes zu mischen. Dann steht einer Gesangskarriere nichts mehr im Wege, was in Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs als zweites Standbein durchaus sinnvoll sein kann. (Meine Unwörter des Jahres: "Abschwung" und "Standbein".)
Einzige Bedingung: Meine Stimme kommt nicht allein, sondern bringt ein wenig Genie mit. Das braucht es nämlich auch, wie das Beispiel Tom Waits beweist. Dies ist jedoch eher unwahrscheinlich, daher bleibt's wohl beim Sprechen.
Aber schweigen - das sei hiermit zumindest schriftlich verkündet - werde ich so schnell nicht.
Ich habe damit meinen Standpunkt vertreten, meist recht leise, seltener laut, aber immer deutlich. Ich habe damit geflüstert und geschrien, Lob und Kritik verteilt, flammende Reden gehalten und lustige Gedichte rezitiert, kleine Lebensweisheiten verkündet und große Gefühle gestanden.
Und nun ist sie fort. Das Verschwinden meiner Stimme kündigte sich bereits vor einiger Zeit an, als sie ihren gewohnten Klang veränderte. Plötzlich hörte sie sich ein wenig so an wie die von Tom Waits. Anders als der Mann mit dem schiefen Hut habe ich meine Stimme allerdings niemals zum Singen benutzt - oder allenfalls unter Androhung massiver körperlicher Gewalt beziehungsweise einer noch schlechteren Note im Schulfach Musik.
Wer mich zum Gesang nötigte, bereute seine Entscheidung meist nach wenigen Sekunden. Mit meiner Stimme lassen sich aller Textsicherheit zum Trotz ganze Konzerthallen leeren. Das weiß ich, ohne es jemals ausprobiert zu haben. Mein Autoradio und meine Dusche könnten ein Lied davon singen, wenn sie singen könnten. Aber natürlich können sie nicht einmal sprechen. Genau wie ich.
Allerdings gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass meine Stimme bald wieder da ist. Obwohl ich sie seit meinem 18. Lebensjahr mehrmals jemandem gegeben habe, ist sie nämlich immer zurückgekehrt. Übrigens ohne Konsequenzen für mein Leben, welcher Art auch immer.
Wenn ich meine Stimme wiederhabe, werde ich mir überlegen, ob ich sie in Zukunft weniger schone. Ich könnte endlich mit dem Aktivrauchen anfangen oder mit dem Konsum von Spirituosen oder damit, mir morgens Rasierklingen unter die Cornflakes zu mischen. Dann steht einer Gesangskarriere nichts mehr im Wege, was in Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs als zweites Standbein durchaus sinnvoll sein kann. (Meine Unwörter des Jahres: "Abschwung" und "Standbein".)
Einzige Bedingung: Meine Stimme kommt nicht allein, sondern bringt ein wenig Genie mit. Das braucht es nämlich auch, wie das Beispiel Tom Waits beweist. Dies ist jedoch eher unwahrscheinlich, daher bleibt's wohl beim Sprechen.
Aber schweigen - das sei hiermit zumindest schriftlich verkündet - werde ich so schnell nicht.
Donnerstag, 8. Januar 2009
Herzensangelegenheiten
Ich wollte immer Klavierspielen können. Die
Gründe für diesen unerfüllten Wunsch sind vermutlich vielfältig. Meine
erste Erinnerung an den "Mann am Klavier" hat mit dem kleinen, alten
Mann zu tun, der das gleichnamige Lied zu seiner Hymne machte. Wenn Paulchen Kuhn spirituosengestärkt und (damals schon) zerknautscht
fragte, wer ihm denn wohl noch ein Bier gebe, dann wurde aus dem Akteur
im Hintergrund, dessen eigentliche Aufgabe es war, dem (damals schon)
noch spirituosengestärkteren Spree-Sinatra Juhnke den Rücken
freizuhalten, der Star.
Pianisten sind lässig, aber von zurückhaltender Eleganz. Kein Wunder: Noch entspannter lässt sich Musik nicht spielen. Selbst sitzende Gitarristen wie Tony Joe White können da nicht mithalten. Wer locker auf dem Hocker sitzt, die flinken Finger über die Tasten gleiten lässt, hat es nicht nötig, um Aufmerksamkeit zu buhlen. Das Beste am Klavierspielen aber ist der Umstand, dass man wie nirgendwo sonst seine persönlichen Vorlieben mit Hilfe von Zitaten einfließen lassen kann. Krimiautor James Patterson lässt seinen Ermittler Dr. Alex Cross für dessen Kinder ein Medley spielen, in dem unter anderem Public Enemy auftauchen. Und war es nicht Noel Gallagher, der vor einiger Zeit grunzte, zu den uncoolsten Mitgliedern einer Band gehöre neben dem Drummer und dem Sänger eben auch der Mann an den Tasten? Mehr Lob geht eindeutig nicht.
Wenn Olli, ein in kultureller und soziologischer Hinsicht weit entfernter Mitschüler, seinerzeit am zerschrammten Klavier im Musikraum saß, kam er zwar über den Flohwalzer selten hinaus. Aber es gelang ihm, mit einem schwer erträglichen Mix aus Richard-Clayderman- und Udo-Jürgens-Klassikern selbst hartgesottene Mädels dazu zu bewegen, ihn fasziniert (besser: hypnotisiert) anzustarren. Uns Nachwuchsrockern blieb nur der Neid.
Aha, noch ein Grund für meinen bislang geheimen Wunsch. Warum er unerfüllt blieb? Zum einen ist ein Klavier so ziemlich das unpraktischste Instrument überhaupt. Außer Elton John und Konsorten schafft es wohl kein Pianist, sein Handwerksgerät stets mit sich zu führen. Zum anderen: Elton John, genau. In der bunten Welt der Populärmusik entdeckt man als Unerfahrener zunächst mal gelangweilte Crooner wie ihn oder Billy Joel. Dann stellt man möglicherweise fest, dass es Kollegen gibt, die zumindest mit einem charakteristischen Spiel punkten können (Stevie Wonder, Bruce Hornsby). Der nächste Schritt führt hoffentlich zurück zu den Urvätern (Ray Charles, Fats Domino, Jerry Lee Lewis, Little Richard). Wer sich mit den Texten beschäftigt (bei Klaviermusik im Rock nicht unwichtig), stößt vielleicht über Marc Cohn oder Joshua Kadison auf Genies wie Joe Jackson oder den unerreichten Randy Newman. Noch ein Schlenker zum Jazz (Brubeck, Hancock, Jarrett) und in Richtung engagierter Liedermacherinnen (Carole King, Tori Amos), und schon sind wir beim einzig relevanten "alternativen" Pianisten. Ben Folds heißt er, und wer ihn noch nicht oder nur als Geheimtipp kennt, hört jetzt bitte sofort auf, dieses Blog zu lesen, und rennt in den nächsten Plattenladen.
Allerdings - das muss zwingend ergänzt
werden - gibt es nichts, was weniger smart wäre, als seine Kindheit mit
Klavierunterricht zu verbringen. Das wollte ich wirklich nie.
Pianisten sind lässig, aber von zurückhaltender Eleganz. Kein Wunder: Noch entspannter lässt sich Musik nicht spielen. Selbst sitzende Gitarristen wie Tony Joe White können da nicht mithalten. Wer locker auf dem Hocker sitzt, die flinken Finger über die Tasten gleiten lässt, hat es nicht nötig, um Aufmerksamkeit zu buhlen. Das Beste am Klavierspielen aber ist der Umstand, dass man wie nirgendwo sonst seine persönlichen Vorlieben mit Hilfe von Zitaten einfließen lassen kann. Krimiautor James Patterson lässt seinen Ermittler Dr. Alex Cross für dessen Kinder ein Medley spielen, in dem unter anderem Public Enemy auftauchen. Und war es nicht Noel Gallagher, der vor einiger Zeit grunzte, zu den uncoolsten Mitgliedern einer Band gehöre neben dem Drummer und dem Sänger eben auch der Mann an den Tasten? Mehr Lob geht eindeutig nicht.
Wenn Olli, ein in kultureller und soziologischer Hinsicht weit entfernter Mitschüler, seinerzeit am zerschrammten Klavier im Musikraum saß, kam er zwar über den Flohwalzer selten hinaus. Aber es gelang ihm, mit einem schwer erträglichen Mix aus Richard-Clayderman- und Udo-Jürgens-Klassikern selbst hartgesottene Mädels dazu zu bewegen, ihn fasziniert (besser: hypnotisiert) anzustarren. Uns Nachwuchsrockern blieb nur der Neid.
Aha, noch ein Grund für meinen bislang geheimen Wunsch. Warum er unerfüllt blieb? Zum einen ist ein Klavier so ziemlich das unpraktischste Instrument überhaupt. Außer Elton John und Konsorten schafft es wohl kein Pianist, sein Handwerksgerät stets mit sich zu führen. Zum anderen: Elton John, genau. In der bunten Welt der Populärmusik entdeckt man als Unerfahrener zunächst mal gelangweilte Crooner wie ihn oder Billy Joel. Dann stellt man möglicherweise fest, dass es Kollegen gibt, die zumindest mit einem charakteristischen Spiel punkten können (Stevie Wonder, Bruce Hornsby). Der nächste Schritt führt hoffentlich zurück zu den Urvätern (Ray Charles, Fats Domino, Jerry Lee Lewis, Little Richard). Wer sich mit den Texten beschäftigt (bei Klaviermusik im Rock nicht unwichtig), stößt vielleicht über Marc Cohn oder Joshua Kadison auf Genies wie Joe Jackson oder den unerreichten Randy Newman. Noch ein Schlenker zum Jazz (Brubeck, Hancock, Jarrett) und in Richtung engagierter Liedermacherinnen (Carole King, Tori Amos), und schon sind wir beim einzig relevanten "alternativen" Pianisten. Ben Folds heißt er, und wer ihn noch nicht oder nur als Geheimtipp kennt, hört jetzt bitte sofort auf, dieses Blog zu lesen, und rennt in den nächsten Plattenladen.
Donnerstag, 16. Oktober 2008
Herzensangelegenheiten
Crash Test Dummies. So wollten wir uns nennen. Der Name war
gut, denn er ließ keine Rückschlüsse auf unser musikalisches Konzept zu.
Wir hatten nämlich keins. Dann kam Christoph eines Tages in den Proberaum
und berichtete von einer CD, die er auf dem Wühltisch vor dem
Musikladen entdeckt hatte und offensichtlich von einer Band namens Crash Test Dummies aufgenommen worden war. (Die wiederum war damals noch weit
von ihrem einzigen Hit entfernt.)
Also dachten wir uns einen neuen Namen aus und begangen jenen Fehler, der nicht nur der erste große in unserer Karriere sein sollte, sondern außerdem dafür sorgte, dass diese nur sehr kurz währte. Nie hatte eine junge, motivierte Band auf dem Weg nach oben ein weniger glückliches Händchen bei der Wahl ihres Namens bewiesen. Wir nannten uns "Bad Ettler".
Rainer "Easy" Ettler war damals der Herausgeber des Zillo, jenes Blättchens also, das mehrere Jahre lang so ziemlich die einzige Musikzeitschrift war, in der die Bands stattfanden, die wir flaumbärtigen Nachwuchs-Indierocker gerade für uns entdeckt hatten. Wir fanden Herrn Ettler ziemlich dämlich, machten uns über sein Porträtbild lustig, mit dem er stets sein Editorial schmückte. Daher versahen wir Easys verlebte Visage mit jenem Verbotsschild, das wir von Bad Religion kannten und liebten. Das bitterböse "Bad" nahmen wir gleich mit.
Um es kurz zu machen: Dieser selten bekloppte Name brachte uns in der Folge reichlich Spott und Unverständnis ein. Die harmloseren unter unseren ungezählten Kritikern waren jene, die vermuteten, Bad Ettler sei ein Luftkurort in der Eiffel. Und dabei hatte noch niemand je einen Ton von uns gehört. Die Glücklichen. Neulich habe ich unser erstes und einziges Demo aus der Schublade gekramt, das Cassettendeck meiner Stereo-Anlage von Spinnweben befreit und mir jene grauenerregende halbe Stunde angehört, mit der wir seinerzeit angetreten waren, die Musikwelt zu revolutionieren. Und die übrige Welt dazu.
Matti besaß ein Mikrofon, also war er unser Sänger. Klingt eigentlich ziemlich nach Punkrock. Leider sah unser Frontmann seine Berufung eher darin, mit seiner Mundharmonika auf den Spuren von John Mayall zu wandeln. Dies brachte ihm die Missgunst unserer beiden Gitarristen ein: Christoph und Dirk hörten gerne New Model Army und Slime. Bedauerlicherweise klang diese Vorliebe vergleichsweise selten in den häufig unverzerrten Gitarrenläufen durch, die sie mit grimmiger Miene aus ihren Instrumenten zupften. Alex wollte schon immer Bass spielen, also tat er das auch. Technisch war er erstaunlich gut, vor allem gemessen an dem Umstand, dass er sich den Viersaiter erst wenige Wochen vor unserer ersten Probe gekauft hatte. Das Schlechteste an ihm waren seine schwer erträglichen Protest-Texte. Das Beste an ihm war sein geradezu gigantischer Verstärker, der laut Aufschrift von einer einzigen Person problemlos transportiert werden konnte. Das Gerät war groß wie ein Einbauschrank und schwer wie eine Kühltruhe.
Zu dritt schleppten wir es einmal wöchentlich auf den Dachboden von Mattis Eltern. Dort stand auch meine Schießbude, ein mehrfach geflicktes No-Name-Kit mit gesplittertem Crash-Becken und quietschender Fußmaschine. Der Rest ist Geschichte. Schlimme Coverversionen. Zoff im Proberaum. Ein einziges Konzert (an Silvester, natürlich ebenfalls auf dem Dachboden). Der große Krach. Dann haben wir Abi gemacht und uns aus den Augen verloren. Nur mit Matti bin ich immer noch befreundet, aber er hat kein Mikro mehr, und mein Schlagzeug vergammelt auf dem Speicher.
Es lag am Bandnamen. Da bin ich ganz sicher.
Also dachten wir uns einen neuen Namen aus und begangen jenen Fehler, der nicht nur der erste große in unserer Karriere sein sollte, sondern außerdem dafür sorgte, dass diese nur sehr kurz währte. Nie hatte eine junge, motivierte Band auf dem Weg nach oben ein weniger glückliches Händchen bei der Wahl ihres Namens bewiesen. Wir nannten uns "Bad Ettler".
Rainer "Easy" Ettler war damals der Herausgeber des Zillo, jenes Blättchens also, das mehrere Jahre lang so ziemlich die einzige Musikzeitschrift war, in der die Bands stattfanden, die wir flaumbärtigen Nachwuchs-Indierocker gerade für uns entdeckt hatten. Wir fanden Herrn Ettler ziemlich dämlich, machten uns über sein Porträtbild lustig, mit dem er stets sein Editorial schmückte. Daher versahen wir Easys verlebte Visage mit jenem Verbotsschild, das wir von Bad Religion kannten und liebten. Das bitterböse "Bad" nahmen wir gleich mit.
Um es kurz zu machen: Dieser selten bekloppte Name brachte uns in der Folge reichlich Spott und Unverständnis ein. Die harmloseren unter unseren ungezählten Kritikern waren jene, die vermuteten, Bad Ettler sei ein Luftkurort in der Eiffel. Und dabei hatte noch niemand je einen Ton von uns gehört. Die Glücklichen. Neulich habe ich unser erstes und einziges Demo aus der Schublade gekramt, das Cassettendeck meiner Stereo-Anlage von Spinnweben befreit und mir jene grauenerregende halbe Stunde angehört, mit der wir seinerzeit angetreten waren, die Musikwelt zu revolutionieren. Und die übrige Welt dazu.
Matti besaß ein Mikrofon, also war er unser Sänger. Klingt eigentlich ziemlich nach Punkrock. Leider sah unser Frontmann seine Berufung eher darin, mit seiner Mundharmonika auf den Spuren von John Mayall zu wandeln. Dies brachte ihm die Missgunst unserer beiden Gitarristen ein: Christoph und Dirk hörten gerne New Model Army und Slime. Bedauerlicherweise klang diese Vorliebe vergleichsweise selten in den häufig unverzerrten Gitarrenläufen durch, die sie mit grimmiger Miene aus ihren Instrumenten zupften. Alex wollte schon immer Bass spielen, also tat er das auch. Technisch war er erstaunlich gut, vor allem gemessen an dem Umstand, dass er sich den Viersaiter erst wenige Wochen vor unserer ersten Probe gekauft hatte. Das Schlechteste an ihm waren seine schwer erträglichen Protest-Texte. Das Beste an ihm war sein geradezu gigantischer Verstärker, der laut Aufschrift von einer einzigen Person problemlos transportiert werden konnte. Das Gerät war groß wie ein Einbauschrank und schwer wie eine Kühltruhe.
Zu dritt schleppten wir es einmal wöchentlich auf den Dachboden von Mattis Eltern. Dort stand auch meine Schießbude, ein mehrfach geflicktes No-Name-Kit mit gesplittertem Crash-Becken und quietschender Fußmaschine. Der Rest ist Geschichte. Schlimme Coverversionen. Zoff im Proberaum. Ein einziges Konzert (an Silvester, natürlich ebenfalls auf dem Dachboden). Der große Krach. Dann haben wir Abi gemacht und uns aus den Augen verloren. Nur mit Matti bin ich immer noch befreundet, aber er hat kein Mikro mehr, und mein Schlagzeug vergammelt auf dem Speicher.
Es lag am Bandnamen. Da bin ich ganz sicher.
Donnerstag, 3. Januar 2008
Herzensangelegenheiten
Das ist doch..? Nein, das ist nicht Pete Doherty,
sondern Schauspieler Sam Riley, der in Anton Corbijns Joy Division-Biografie "Control" deren Sänger Ian Curtis verkörpert.
Eigentlich ein geschickter Schachzug vom grimmigen Niederländer - passt
also zu seinem Faible für Schwarz und Weiß. Denn alles, was nach Doherty
aussieht, zieht die Blicke auf sich. Manchmal gar die von
musikinteressierten Menschen, immer jedoch die von jenen, die beim "Stern"-Lesen im Wartezimmer ihres Zahnarztes alles überblättern, was
mit Politik zu tun hat.
Der Immer-mal-wieder-Bettgenosse von Magermodel Kate Moss ist natürlich längst auch Nichteingeweihten ein Begriff. Erfahren sie allerdings, was dieser aschfahle, schweißglänzende Brite beruflich macht, reagieren sie häufig überrascht.
Tatsächlich: Irgendwo hinter der schief im Mundwinkel hängenden Fluppe und unter dem zerknautschten Hut scheinen sich die Resthirn-Rudimente von Proll-Peterle daran zu erinnern, was jener in seiner nicht allzu lange zurückliegenden Jugend in den CD-Wechsler drückte (sic!). Ein bisschen Clash, etwas Brit-Pop, das Ganze eher unbeholfen arrangiert - fertig ist die Musik, mit der zunächst die Libertines, später die Babyshambles ihre fanatischen Anhänger beglückten. So richtig spannend ist das leider nicht, dafür mit jenem Charme gesegnet, der auch Heimvideo-Fernsehsendungen zu eigen ist. Irgendwas ist immer, am schweren Unfall auf der Autobahn fahren wir ja ebenfalls mit weitaufgerissenen Augen vorbei. Objektiv betrachtet macht uns das zu moralisch fragwürdigen Zeugen des Verfalls. Denn immerhin sehen wir einem Mittzwanziger beim Sterben zu.
Dohertys weibliches Gegenstück heißt Amy Winehouse. Auch sie verfügt über optische Attribute von hohem Wiedererkennungswert (Marge-Simpson-Frisur, schlechte Tattoos), und wie der angebliche Gralshüter des britischen Rock ist ihr Talent allenfalls überschaubar. Nicht ohne Grund erwähnt jeder Kritiker, der die Stimme der sinistren Nachwuchsdiva lobt, direkt danach ihre Hautfarbe. Wenn sich ein weißes Mittelschicht-Hühnchen redlich müht, wie ihre schwarzen Vorbilder aus Papis Plattensammlung zu klingen, verschafft ihr das eine Art umgekehrten Exotenbonus. Oder um es mit Volker Pispers zu sagen: Wenn "besser als erwartet" ein Bewertungskriterium wird, melde ich mich bei der Tour de France an.
Alles in allem sollte den beiden verlebten Vertretern durchschnittlich interpretierter Rock- und Soul-Musik jedoch unser Mitleid sicher sein. Ian Curtis war Anfang 20, als er aus dem Leben schied.
Der Immer-mal-wieder-Bettgenosse von Magermodel Kate Moss ist natürlich längst auch Nichteingeweihten ein Begriff. Erfahren sie allerdings, was dieser aschfahle, schweißglänzende Brite beruflich macht, reagieren sie häufig überrascht.
Tatsächlich: Irgendwo hinter der schief im Mundwinkel hängenden Fluppe und unter dem zerknautschten Hut scheinen sich die Resthirn-Rudimente von Proll-Peterle daran zu erinnern, was jener in seiner nicht allzu lange zurückliegenden Jugend in den CD-Wechsler drückte (sic!). Ein bisschen Clash, etwas Brit-Pop, das Ganze eher unbeholfen arrangiert - fertig ist die Musik, mit der zunächst die Libertines, später die Babyshambles ihre fanatischen Anhänger beglückten. So richtig spannend ist das leider nicht, dafür mit jenem Charme gesegnet, der auch Heimvideo-Fernsehsendungen zu eigen ist. Irgendwas ist immer, am schweren Unfall auf der Autobahn fahren wir ja ebenfalls mit weitaufgerissenen Augen vorbei. Objektiv betrachtet macht uns das zu moralisch fragwürdigen Zeugen des Verfalls. Denn immerhin sehen wir einem Mittzwanziger beim Sterben zu.
Dohertys weibliches Gegenstück heißt Amy Winehouse. Auch sie verfügt über optische Attribute von hohem Wiedererkennungswert (Marge-Simpson-Frisur, schlechte Tattoos), und wie der angebliche Gralshüter des britischen Rock ist ihr Talent allenfalls überschaubar. Nicht ohne Grund erwähnt jeder Kritiker, der die Stimme der sinistren Nachwuchsdiva lobt, direkt danach ihre Hautfarbe. Wenn sich ein weißes Mittelschicht-Hühnchen redlich müht, wie ihre schwarzen Vorbilder aus Papis Plattensammlung zu klingen, verschafft ihr das eine Art umgekehrten Exotenbonus. Oder um es mit Volker Pispers zu sagen: Wenn "besser als erwartet" ein Bewertungskriterium wird, melde ich mich bei der Tour de France an.
Alles in allem sollte den beiden verlebten Vertretern durchschnittlich interpretierter Rock- und Soul-Musik jedoch unser Mitleid sicher sein. Ian Curtis war Anfang 20, als er aus dem Leben schied.
Donnerstag, 8. November 2007
Herzensangelegenheiten
Verdammt kalt da draußen. Also den Kragen hochgeschlagen, den
Kopf eingezogen, und weiter geht's. Aber Vorsicht: Wer den Kopf zu weit
einzieht, läuft Gefahr, nichts mehr zu hören.
Und das wäre doch schade, schließlich versorgen auch die Ohren das Organ dazwischen mit immer neuen Aufgaben. Wer hat zum Beispiel raus, weshalb "Hang Me Up To Dry" von den Cold War Kids das beste Gitarrenpopstück der vergangenen fünf Jahre ist? Liegt es an den Spät-80er-Shoegazer-Gitarren? Am lakonischen Rhythmus? Am für eine Ami-Band erstaunlich britisch näselnden Gesang? An den gewollt schiefen Klaviersprengseln? Oder ist es einfach diese verdammte Melodie, die sich bereits nach dem ersten Hören unauslöschlich im Schädel festsetzt? Vermutlich ist es von allem etwas.
Aber es gibt dieser Tage noch mehr zu hören - und zu unserer großen Überraschung gehören durchaus Neuerscheinungen dazu. Bruce Springsteen hat ein neues Album veröffentlicht. Aha, da hören die ersten auf zu lesen. Selbst schuld. Denn wer immer noch nicht weiß, dass "der Boss" (wie er von Fans und Feuilletonisten genannt wird) erstens über einen schmutzig-rebellischen Klassenkämpferhintergrund verfügt und zweitens mehr zu bieten hat, als seine Radiohits erahnen lassen, hat schlicht nichts verstanden. Gebt dem Mann eine Chance! Oder um es mit Nick Hornby zu sagen: Es ist nicht diese Art Springsteen.
Außerdem muss ja jemand den Job erledigen, da ist ein hemdsärmeliger Multimillionär aus den Staaten so gut wie jeder andere. Ganz heiser ist er, der Bruce, vom vielen Anschreien gegen all die Ungerechtigkeiten in dieser, unserer Welt. Und auch das tut von Zeit zu Zeit sehr Not: Leider wird die globale Gesamtsituation nämlich nicht besser, sondern schlechter. Das macht nicht nur unzufrieden, das lässt frösteln.
Verdammt kalt da draußen. Und es wird noch kälter.
Und das wäre doch schade, schließlich versorgen auch die Ohren das Organ dazwischen mit immer neuen Aufgaben. Wer hat zum Beispiel raus, weshalb "Hang Me Up To Dry" von den Cold War Kids das beste Gitarrenpopstück der vergangenen fünf Jahre ist? Liegt es an den Spät-80er-Shoegazer-Gitarren? Am lakonischen Rhythmus? Am für eine Ami-Band erstaunlich britisch näselnden Gesang? An den gewollt schiefen Klaviersprengseln? Oder ist es einfach diese verdammte Melodie, die sich bereits nach dem ersten Hören unauslöschlich im Schädel festsetzt? Vermutlich ist es von allem etwas.
Aber es gibt dieser Tage noch mehr zu hören - und zu unserer großen Überraschung gehören durchaus Neuerscheinungen dazu. Bruce Springsteen hat ein neues Album veröffentlicht. Aha, da hören die ersten auf zu lesen. Selbst schuld. Denn wer immer noch nicht weiß, dass "der Boss" (wie er von Fans und Feuilletonisten genannt wird) erstens über einen schmutzig-rebellischen Klassenkämpferhintergrund verfügt und zweitens mehr zu bieten hat, als seine Radiohits erahnen lassen, hat schlicht nichts verstanden. Gebt dem Mann eine Chance! Oder um es mit Nick Hornby zu sagen: Es ist nicht diese Art Springsteen.
Außerdem muss ja jemand den Job erledigen, da ist ein hemdsärmeliger Multimillionär aus den Staaten so gut wie jeder andere. Ganz heiser ist er, der Bruce, vom vielen Anschreien gegen all die Ungerechtigkeiten in dieser, unserer Welt. Und auch das tut von Zeit zu Zeit sehr Not: Leider wird die globale Gesamtsituation nämlich nicht besser, sondern schlechter. Das macht nicht nur unzufrieden, das lässt frösteln.
Verdammt kalt da draußen. Und es wird noch kälter.
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