Freitag, 31. Januar 2025
Wort zum Wochenende
Dienstag, 14. Januar 2025
Beim Bäcker
Mit gebotener Geschwindigkeit nähere ich mich der kleinen Theke, die dem Verkauf von Backwaren dient. Noch drei Meter, dann kann ich ganz entspannt begutachten, was die wackere Bäckereifachverkäuferin am frühen Morgen in die Auslage gewuchtet hat. "Was darf's denn sein", brüllt sie (die Bäckereifachverkäuferin, nicht die Auslage) mir plötzlich zu, mehr eine Aufforderung als eine Frage.
Verdammt, denke ich, sie war schon wieder schneller als ich. Um Zeit zu schinden, rufe ich meine vorbereitete Standardantwort zurück: "Drei Brötchen, bitte." Raffiniert, denn nun muss sie eine Nachfrage stellen, was mir die Gelegenheit gibt, die restliche Strecke zurückzulegen und einen ersten Blick auf das Angebot zu werfen. "Kaiser oder normale?" Das ging flott, aber ich lasse mich nicht erschüttern - mein betont lässiges "normale" verschafft mir weitere wertvolle Sekunden. "Darf's noch was sein?"
Verflucht, sie ist gut. Jetzt nur die Ruhe bewahren und nicht zu zögerlich antworten. Erfreut stelle ich fest, dass auch meine Stammbäckerei ihre Produkte inzwischen mit originellen Bezeichnungen versieht. Souverän sage ich: "Einen Notgeilen Kolumbianer, zwei Sahne-Schweden und den letzten Urigen Urkornbrocken mit vollem Urkorn, vielen Dank." Damit hat sie nicht gerechnet: Eiskalt habe ich die traditionelle Phrase angehängt, mit der der letzte Akt eingeläutet wird. Doch die Frau ist Profi: "Und noch was?"
Verflixt, das hätte ich ahnen müssen. Kurz vor Feierabend sollen die Ladenhüter raus, da geben Bäckereifachverkäuferinnen natürlich alles. Es hilft nichts, ich muss etwas ergänzen, am besten einen Klassiker. Leicht verärgert feuere ich eine Gegenfrage ab: "Hält sich der Streuselkuchen bis morgen?" Nun kann meine Gegenspielerin nicht anders und muss ein wenig ausholen. Ich höre gar nicht richtig zu, bisschen einwickeln, Kühlschrank, atmen lassen. Schon klar. Ein triumphierendes Grinsen drängt sich in meine müden Gesichtszüge.
Als ich die Papiertüten zum Auto schleppe, kommt mir kurz der Gedanke, dass die größten Siege nicht ohne Verluste errungen werden. 34,55 Euro sind viel Geld. Und eigentlich wollte ich ja ein Mohnbrötchen.
Montag, 13. Januar 2025
Bastard
Erinnert sich einer von euch ebenfalls betagten Menschen da draußen an den Fernsehdreiteiler "Bastard" aus dem Jahr 1989? "Paul David, Computerexperte und Hacker, gerät in ein internationales Datennetz und wird mit Kriminellen konfrontiert, die hinter den Kulissen einer weltweiten Organisation operieren." So die offizielle Zusammenfassung der Handlung. Ein internationales Datennetz, in das man geraten kann? Was für eine irre Idee. Und warum operieren die hinter den Kulissen statt einfach in ihrer Organisation?
Die Hauptrolle spielte Peter Sattmann, außerdem waren Gudrun Landgrebe, Ernst Jacobi, Heinz Reincke, Christian Berkel, Diether Krebs und Alexander Radszun dabei. Am besten aber erinnere ich mich an Hermann Lause als Computerermittler. Der konnte Sachen, die ich mit meinem Commodore seinerzeit nicht hingekriegt habe.
Das Ganze war eine WDR-Produktion und lief meines Wissens genau ein einziges Mal. Ich besitze das Buch zur Serie (geschrieben von Wolfgang Hohlbein) und den Titelsong "Hearts of Stone" (gespielt von der Hardrock-Band Domain) auf CD und Single. War also quasi wirklich ein Fan.
Oder trügt die Erinnerung? War das doch eher betulich als spannend? Und bin ich der Einzige, der die Serie nicht vergessen hat?
Montag, 6. Januar 2025
Künstliche Intelligenz
"Leider sind derzeit alle Mitarbeiter im Gespräch. Möchten Sie einen Rückruf..."
"Nein."
"Ich habe Sie nicht verstanden. Leider sind derzeit alle Mitarbeiter im Gespräch. Möchten Sie einen Rückruf einrichten? Dann antworten Sie..."
"Nein!"
Ich habe Sie nicht verstanden. Leider..."
"Verflucht! Nein, nein, nein!"
"Ich habe Sie nicht verstanden. Leider sind derzeit alle Mitarbeiter im Gespräch. Möchten Sie einen Rückruf einrichten? Dann antworten Sie bitte mit Ja oder Nein."
"Nein, du blöde Nuss."
"Ich habe Sie nicht verstanden..."
"Das ist mir klar. Nein."
"Ich habe Sie nicht verstanden. Leider sind derzeit alle Mitarbeiter im Gespräch. Möchten Sie einen Rückruf einrichten? Dann antworten Sie bitte mit Ja oder Nein."
"Nein."
"Ich habe Sie nicht verstanden..."
"Willst du mich verarschen?! Nein! Nein!"
"Ich habe Sie nicht verstanden. Leider sind derzeit alle Mitarbeiter im..."
"Du dämliches... Nein, will ich nicht!"
"Ich habe Sie nicht verstanden. Leider sind derzeit alle Mitarbeiter im Gespräch. Möchten Sie einen Rückruf einrichten? Dann antworten Sie bitte mit Ja oder Nein."
"Nein." [Schluchzen]
"Danke. Ich stelle Sie wieder in die Warteschleife durch. Die voraussichtliche Wartezeit beträgt... drei Minuten. Leider sind derzeit alle Mitarbeiter im Gespräch. Möchten Sie einen Rückruf einrichten? Dann antworten Sie bitte mit Ja oder Nein."
Mein Geldinstitut hat seine KI der durchschnittlichen Intelligenz seiner Mitarbeiter angepasst.
Dienstag, 24. Dezember 2024
An Heiligabend
"Ach ja - es ist Weihnachten", dachte ich, als ich durch die verschneiten und überaus kitschig dekorierten Straßen ging. Ich hatte mit diesem Fest nie viel am Hut, für mich war das ein Tag wie jeder andere. Ich habe keine Familie, die meisten meiner Freunde schon. Also ignorierte ich in der Regel, dass überall leuchtende Tannenbäume standen und belagerte Holzhütten, in denen Glühwein angeboten wurde.
Für den alten Mann an der Ecke war es vermutlich auch ein Tag wie jeder andere. Seit knapp einer Woche saß er dort auf seiner Decke, zunächst im Staub des Bürgersteigs, seit heute im Schnee. Er tat mir leid, aber ich hab's selbst nicht so dicke, also tat ich, was die meisten machten. Ich ging an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten.
Als ich den Kragen meiner Jacke hochzog, um wenigstens ein bisschen die Kälte abzuhalten, musste ich plötzlich daran denken, dass ein alter Mann, der im Freien übernachtet, sicher noch mehr fror als ich. Es war schon spät, die Läden machten gerade zu, auch Verkäufer haben Familien und Weihnachtsbäume. Keine Chance also, dem frierenden Kerl einen Kaffee und ein belegtes Brötchen zu kaufen. Ich ging zurück zu der Decke, auf der ich den Alten in der Dämmerung und dem Schnee kaum ausmachen konnte.
"Hier, Kumpel", sagte ich, nachdem ich ein paar Münzen aus der Hosentasche gekramt und ihm in die Hand gelegt hatte. "Ist nicht viel, aber mehr hab ich gerade nicht." Er sah zu mir hoch, seine Falten über dem weißen Vollbart verrieten, dass er trotz seines traurigen Daseins nicht selten lächelte. Auch jetzt zeigte er ein verschmitztes Grinsen, das nach Dankbarkeit aussah, nach Ehrlichkeit und seltsamerweise nach Güte. "Ich weiß", sagte er, "das macht dein Geschenk so wertvoll."
Woher wollte er wissen, dass mein Jahr nicht gerade das beste gewesen war? Naja, so ein alter Kauz hat sich bestimmt mit Glühwein aufgewärmt und ist ein bisschen senil. Ich nickte ihm zu, drehte mich um und stapfte auf dem inzwischen menschenleeren Fußweg durch den dreckigen Schnee. Plötzlich hörte ich etwas, eine Art Klingeln. Wie Glocken oder so. Als ich zurück zu dem alten Mann sah, war da nur noch seine schmutzige Decke.
Dann bemerkte ich, dass das Klingeln von oben zu kommen schien. Ich blickte hoch zum Himmel und was ich dort sah, würdet ihr mir ja doch nicht glauben. "Ach ja", dachte ich. "Es ist Weihnachten."
Samstag, 21. Dezember 2024
Wort zum Sonntag
In der besinnlichen Vorweihnachtszeit - konkreter: diese Woche - habe ich mal wieder etwas dazugelernt. Jeder Mensch hat ja ein gewisses Wertesystem, eigene Grenzen, eventuell auch (wörtlich) Vorurteile, unterschiedliche Erfahrungen und so weiter.
Und obwohl ich schon viele Winter erlebt habe, gibt es ganz offensichtlich noch immer Dinge, die ich in mein System nicht einordnen kann. Für die meine Lebenserfahrung nicht ausreicht, um sie zu begreifen.
Ich habe vor einigen Tagen von einem der unfassbarsten Verbrechen erfahren, von denen ich je gehört habe. Mein Wortschatz reicht nicht aus, um einerseits eine Frau zu ehren, die praktisch ihr komplettes Leben offenbart, um anderen Frauen Mut zu machen. Und andererseits meine Verachtung für Lebewesen auszudrücken, die jenseits von allem sind, wofür ich Abneigung empfinden kann. Die in mir Scham auslösen, derselben Spezies und demselben Geschlecht anzugehören.
Gestern Abend dann geschieht etwas, an das wir uns leider fast gewöhnt haben. Zunächst überrascht, dass der mutmaßliche Täter Arzt ist, sogar Psychiater. Heute dann erfahren wir, dass er nicht wie erwartet Islamist ist, sondern offenbar ein Rechtsextremist mit einem Faible für die größte faschistoide Partei der Republik. Offenbar ist das Leben doch komplexer als die strikte Schwarz-weiß-Aufteilung in sozialen Netzwerken. Offenbar haben wir vergessen, dass es Arschlöcher in allen Farben gibt.
Und dann noch ein Gedanke: Refugees welcome - ganz klar und erstmal ohne Einschränkung. Hunger ist so tödlich wie Krieg, niemand will sterben. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass wir als Gesellschaft und als politische Einheit es nicht hinkriegen, ein Zusammenleben aller Menschen zu gestalten. Und mit "wir" meine ich die Menschheit. Oder anders: Weder will ich in einem rassistischen, von Nazis regierten Land leben noch will ich mich unwohl fühlen, wenn ich abends durch die Straßen gehe. Schutzzäune um Veranstaltungen lösen genau so Beklemmung aus wie Springerstiefel- oder Leerdenker-Demos.
Ich hab's ja nicht so mit Weihnachten. Aber nächste Woche mal drei Tage darüber nachzudenken, was das große Wort Frieden wirklich bedeutet, ist vielleicht eine ganz gute Idee. (Sorry für mein Wort zum Sonntag.)
Freitag, 29. November 2024
Familienstreitigkeiten
Hattet ihr schon mal Familienstreitigkeiten am Kaffeetisch über Nichtigkeiten? Also nicht über Politk oder das Klima oder Corona. Auch nicht über das Erbe von Oma Hildegard. Sondern über Kinkerlitzchen?
In meiner Verwandtschaft gab es einige Themen, mit deren Erwähnung man bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen konnte. Meine Mutter und ihre Schwestern gehörten einer Generation an, die auf Schulbildung für Frauen keinen großen Wert legte. Sie hatten alle die "Volksschule" in ihrem ländlichen Stadtteil besucht, wo ein stramm doitscher Lehrer vier Klassen gleichzeitig unterrichtete. Manches von dem, was er den Kindern beibrachte, war schlicht Blödsinn.
So glaubten meine Tanten, die historische Zeitlinie beginne im Jahr 1, mit der Geburt Christi. Ich habe tausendmal versucht, ihnen klarzumachen, dass selbige im Jahr 0 verortet wird und man von vor und nach Christi Geburt spricht. In ihrer Welt existierte vor Marias mysterlöser Niederkunft nichts. Sie wussten nichts über die Urzeit oder die Antike. Selbst mein Einwand, dass weite Teile der Bibel ja davor spielen, die drei Könige offenbar schon da waren und irgendjemand die verschissene Krippe gebaut haben muss, sorgten allenfalls für Verwirrung statt Verständnis.
Die diskutable Bildung der betagten Damen war für sie unantastbar und stellte eine Geschichte dar, die ein Jahr nach Jesus' Geburt mit seiner Geburt begann und in der es vorher entgegen aller Logik einfach nichts gab. Adam, Eva, Saurier, Mammuts, das Alte Rom und das ebensolche Griechenland wurden zwar irgendwie als gegeben hingenommen, aber nicht in das für tausend Jahre zementierte Halbwissen integriert, das der linientreue Fingerklopfer ihnen einst eingetrichtet hatte. Man ahnt, wie Diktaturen funktionieren.
Jedenfalls: Wenn mir beim Geburtstagskränzchen langweilig wurde, brachte ich das Gespräch gerne mal auf den Geschichtsunterricht anno Tobak, lehnte mich zurück und genoss das Chaos.
Donnerstag, 14. November 2024
Ruhiges Landleben
Dass mein Nachbar nebenan in seinem Alter noch sehr fit ist, freut mich für ihn und seine Familie. Schon beeindruckend, mit welcher Wucht der Mittsiebziger sein Beil auf das Brennholz krachen lässt, damit er und seine Ehegattin es gemütlich warm haben im Eigenheim. Fast genau so freue ich mich für den Nachwuchs der Familie, die gegenüber wohnt. Der Teenager feiert gern, lädt sich Freunde ein und hat eine gute Zeit mit viel Gelächter und lauter Musik. Prima, er soll sein Leben genießen, man ist ja nur einmal jung.
Das mit der Freude gilt auch in der Lebensphase der betagten Witwe, die einige Meter die Straße runter wohnt. Dass ihre Verwandten sie oft besuchen, wärmt einem richtig das Herz. Da ist immer was los, jede Menge spielender Knirpse, bellende Hunde, man tobt sich aus. Wenn nicht gerade Kinder und Enkel zu Besuch sind, sorgen fleißige Handwerker dafür, dass das Haus der guten Frau in Schuss bleibt. Es wird gehämmert und gebohrt, im Namen von Werterhalt und Wirtschaft.
Da schließe ich mich selbstverständlich gerne an. Die Ruhe auf dem Land ist ein Mythos, der endlich ein Ende haben muss. Für mich ist ab und an etwas Stubenmusik die perfekte Zerstreuung. Ich spiele übrigens Schlagzeug.