Sonntag, 24. März 2024

Auf dem Mond

Er atmete tief ein und wieder aus. Die Innenseite seines Visiers beschlug. Für einen Moment schloss er die Augen und konzentrierte sich. Den ersten Spruch hatte er fehlerfrei aufgesagt. Die Technik funktionierte reibungslos. Alles in Ordnung. Nun stand der aufregende Teil seiner Mission an.

Er trat ins Freie und bewegte sich unendlich langsam voran. Aus dem Augenwinkel sah er den tiefschwarzen Himmel. Auch er war unendlich. Und zwar wörtlich.

Als sein Stiefel den Boden berührte, beschleunigte sich sein Puls. Er hatte sich lange auf diesen Tag vorbereitet. Was sollte er nochmal sagen? Dann fielen ihm die Worte wieder ein. Über Funk hörte er seine eigene Stimme: "That’s one small step for man… one… giant leap for mankind."

Verdammt. Versprochen. Und Millionen Menschen dort unten hatten es gehört.

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Ein Held

"Helden werden nicht geboren. Man entscheidet sich, ein Held zu sein." Für Sätze wie diese liebte Alex seine Comics. Sie gaben ihm Kraft. Lenkten ihn ab von der Realität.

Die war kalt und grau, als er durch das verschneite Bitterfeld stapfte. Er knüllte das zerfledderte Heft in die Tasche seines Parkas und zog die Kapuze über. Leichte Flocken wehten in der Dunkelheit vorbei. Dahinter stand eine Gestalt, noch größer und breiter als er selbst. "Hoho, Kamerad", grüßte Otze. Alex nickte zurück. Gemeinsam marschierten sie durch die Stadt, hinterließen tiefe Abdrücke im schmutzigen Weiß. Auf zum Flüchtlingsheim.

Juri wusste nichts von den beiden wuchtigen Kerlen, die sich ihm näherten. Er wusste nichts von Hass und Wut, aber Angst und Sorgen kannte er. Seine Mutter, die beiden Schwestern und er waren vor dem Krieg geflohen. Der erste Nikolaustag in der Fremde. Kälte innen und außen. Eigentlich sollte er längst wieder im Haus sein. Es war schon dunkel. Plötzlich fielen zwei riesige Schatten ins Licht der Straßenlaterne.

„Verpiss dich“, grunzte Otze. Sein Blick war voller Verachtung, in der Faust hatte er den Baseballschläger. Geschüttelt vor Zorn starrte er den kleinen Jungen an. Dann griff er die Holzkeule fester und hob den Arm.

Als er seine ersten Comics gelesen hatte, war er ein kleiner Junge. Daran dachte Alex, als er Juri sah. Auch er hatte gern im Schnee gespielt. Auch er war oft allein. Er hörte Otze grunzen. Den Arm heben. Dann krachte es, ein schmerzerfüllter Schrei, ein Sturz.

Als Juri davonlief und Otze blutend am Boden lag, fiel der Comic aus Alex' Jackentasche. Der Schnee durchnässte das Papier, der Wind blätterte die Seiten auf. „Helden werden nicht geboren“, stand da. Alex atmete die kalte Winterluft ein und rieb seine schmerzende Faust. "Man entscheidet sich, ein Held zu sein."

Sonntag, 3. Dezember 2023

Im Moment

"Ich habe nicht viel Zeit. Haben wir nie."

"Das ist schade. Es war schön mit dir."

"Und darum wirst du mich auch nie vergessen."

"Aber wie ist dein Name?"

"Ich habe keinen Namen."

"Und was bist du?"

"Nur ein Augenblick."

Freitag, 22. September 2023

Endzeit

Die Apokalypse dauerte nun schon fünf Tage. Das war einerseits eine lange Zeit, wenn man wie Jake und Billy ums Überleben kämpfte. Andererseits war es erstaunlich, dass die Welt sich in diesen wenigen Tagen in eine Ödnis aus Trümmern und Müll verwandelt hatte.

Inzwischen kannten sie die Regeln: Die Infektion wurde durch Bisse übertragen. Infizierte verloren komplett die Kontrolle über sich, schlugen, traten und schnappten nach allem, was sie sahen. Auf diese Weise hatte das Virus sehr schnell den größten Teil der Weltbevölkerung erreicht. So zumindest wurde es bis vorgestern erklärt, seitdem gab es keine Nachrichten mehr.

Jake und Billy waren Freunde seit ihrer Kindheit. Beim Angeln waren sie von Infizierten überfallen worden und seitdem auf der Flucht. Zwei untrainierte Mittvierziger mit Angelausrüstung. Im Prinzip ein Snack für jeden Infizierten.

Kein Wunder, dass gerade gleich drei von ihnen auf sie zu rannten. Gierige Blicke voller Wut. Blutverschmierte Gesichter. „Aaaaargh“, schrieen sie, getrieben von Hunger und Zorn. "Pass auf", rief Jake. Billy duckte sich unbeholfen, was dazu führte, dass der erste Angreifer über einen Berg Schrott stolperte und sich selbst auf eine abgebrochene Metallstange spießte. "Wow", sagte Billy. "Das war knapp."

Die beiden anderen Infizierten packten Jake an der Jacke und zogen ihn zu Boden. Wieder dieses wütende "Aaaaargh". "Hilfe", brüllte er, während Billy ihm entgegen taumelte. Er hob ein Brett auf und schlug damit auf einen ihrer Gegner ein. Dieser - ein junger Mann, dem das halbe Gesicht fehlte - verlor das Gleichgewicht und rutschte nach hinten auf ein Autowrack zu. Krachend durchschlug sein Kopf die Windschutzscheibe.

Jake gelang es fast, sich loszureißen, als der verbliebene Infizierte ihm die Zähne in den Hals schlug. Blut spritzte, Jake schrie vor Überraschung und Schmerz. Billy warf das Brett auf den geifernden Angreifer und schnitt ihm dabei die Kehle auf. Dessen "Aaaargh" verwandelte sich in einen gurgelnden Laut, als er in die Knie ging.

"Oh nein", rief Billy und nahm Jake in den Arm. "Bleib bei mir, Kumpel." "Keine Sorge", murmelte Jake. "Selbst am Ende der Welt warst du immer mein bester Fraaaaargh!"

Montag, 18. September 2023

Zeit, Alter.

In den 70ern gab es Fernsehserien, die in den 50ern spielten und diese als komplett andere Welt zeigten. In den 80er Jahren gab es dasselbe mit den 60ern, in den 90ern mit den 70ern. Heißt: 20 Jahre machten seinerzeit einen deutlichen Unterschied - in Technik, Mode, Gesellschaft.

Wenn man sich heute Fotos oder Videos aus den 70ern bis 90ern anschaut, weiß man genau, aus welchem Jahrzehnt sie stammen. Jede Ära hatte ihre ganz speziellen Merkmale. Schlaghosen und Schulterpolster, karierte Hemden und karierte Tapeten - ihr wisst schon.

Wer an die 50er, 60er, 70er, 80er und 90er denkt, hat sofort ein Klischeebild im Kopf. Anzüge, Hippies, Punks, Stirnbänder, Techno. Bestimmte Dinge stehen für bestimmte Jahrzehnte.

Jetzt kommt's: Mit Beginn dieses Jahrtausends hat sich das geändert. Man erkennt in der Rückschau faktisch keinen Unterschied zwischen Aufnahmen aus dem Jahr 2002 und dem Jahr 2022. Sogar die Musik hat sich kaum verändert. Allenfalls technisch hat sich was getan, in erster Linie das Internet.

Woran liegt das? Wer erklärt es mir?

Donnerstag, 31. August 2023

Im Biergarten

Die Kriegerin blieb stehen. Alle ihre Sinne konzentrierten sich darauf, ein Ziel zu finden. Sie musste überleben. Und sie musste ihr Volk am Leben halten, dazu war sie geboren und ausgebildet worden. Starr saß sie auf ihrem Beobachtungsposten und suchte aufmerksam nach dem begehrten Ziel: Nahrung. Etwas zu essen, das das Überleben sicherte.

Sie spürte, dass es kühler geworden war. Kälte bedeutete Tod. Sie hatte nicht mehr viel Zeit. Plötzlich nahm sie etwas wahr, einen Geruch, der rasch vom leichten Wind davongetragen wurde. Aber die Kriegerin war erfahren in der Suche und im Kampf. Sie erhob sich und folgte der Spur.

Sie wusste, dass der Ruf ihres Volkes ihr vorauseilte. Kein Grund mehr für Vorsicht. Im Gegenteil: Laut erklang ihr Kampfruf in der kühlen Luft. Fast ein Aufschrei, allen Feinden wohlbekannt. Und allen Opfern.

Wie erwartet wurde die Nahrung bewacht. Ihr Gegner war deutlich größer als sie, aber das schreckte die Kriegerin nicht ab. Der Riese war unbeholfen und erstaunlich ängstlich. Seine Bewegungen waren ungelenk und langsam, nicht vergleichbar mit den eleganten, fließenden Bewegungen, in denen sie ihn attackierte. Sie hatte viele Kämpfe gewonnen. Und sie kannte keine Furcht.

Mehrmals gelang es ihr, den Feind mit gezielten Angriffen einzuschüchtern. Sie musste nicht einmal die Waffe ziehen. Ihr Kampfschrei und ihr bloßer Anblick genügten, um den Riesen einzuschüchtern. Schließlich erreichte sie die Nahrung, sie biss ein großes Stück heraus, um ihrem Volk zu beweisen, dass dort noch mehr zu finden war. Ihr ungeschickter Gegner hatte keine Chance, aber umso mehr Angst. Er brüllte hilflos und verzweifelt.

"Verdammte Wespen! Hau ab, du Mistvieh! Verschwinde!"

Montag, 28. August 2023

Ohne Haare

Meine Brüder haben ja die gleiche Frisur wie ich. In zwei Fällen tragen Affen die Schuld daran. Im Alter von drei Jahren hat mir ein Äffchen, dem ich im Zoo zu nahe kam, zwei Büschel Haare ausgerissen. Davon gibt es sogar Filmaufnahmen, die heute viral gehen würden.

Und mein Bruder ist als Teenager mal mit dieser Bimmelbahn im Serengeti-Park gefahren. Die ist von einem tunnelartigen Gitter umgeben, man sitzt als Passagier quasi im Käfig. Und ein Affe hat von oben durch die Maschen seinen... King Kong baumeln lassen. Mein Bruder hatte keine Chance und bewegte sich mit der Zugfahrt direkt darauf zu. Der Affenschnippi wurde ihm quälend langsam einmal komplett von Stirn bis Hinterkopf über den Schädel gezogen.

Kein Wunder also, dass sich unser Haupthaar später verabschiedete.

Ich dachte, das solltet ihr wissen.

Donnerstag, 24. August 2023

Unterm Bett

Ihr habt Angst vor uns. Das verstehen wir. Für eure Augen sind wir hässlich. Deswegen verstecken wir uns in der Dunkelheit. Und sind doch ganz nah bei euch.

Irgendwann glaubt ihr, dass es uns gar nicht gibt. Das ist in Ordnung. Wir bleiben trotzdem da. Und passen auf euch auf. Nacht für Nacht.

Wir sind die Monster unter eurem Bett, im Schrank, hinter der Tür. In euren Köpfen. Wir gehen nicht weg. Und ihr habt keinen Grund, Angst vor uns zu haben.