Dienstag, 19. November 2019

Im Fratzenbuch

Vier Menschen stehen an der Bushaltestelle. Nach einer Weile zieht ein Mann mittleren Alters einen Stapel Fotos aus der Jacke, hält eines von ihnen hoch und ruft: "Ich hatte heute Mittag leckere Spaghetti!" Eine ältere Frau und ein Teenager mit Ziegenbart halten spontan ihre Daumen hoch, eine Mittzwanzigerin reagiert allerdings unwirsch: "Das Bild ist unscharf. Außerdem bin ich Veganerin." Der Ziegenbart hält sofort dagegen: "Blöde Schlampe! Ihr linksgrünversifften Greta-Jünger seit systemkonforme Lemminge!" Die Angesprochene korrigiert ihn: "Es heißt 'seid'."

Die Oma zieht ein erstauntes Gesicht, der Mann in den besten Jahren ein weiteres Foto aus der Tasche, das glücklicherweise ebenfalls unscharf ist. "Ich hatte eine Darmspiegelung", verkündet er lautstark. Die junge Frau und der Ziegenbart beleidigen wechselseitig ihre Eltern, die ältere Dame hebt abwechselnd ihren Daumen und kramt in ihrer Handtasche. Nachdem der mittelalte Mann der jungen Frau in der Beurteilung der Verwandtschaftsverhältnisse zwischen dem Ziegenbart und einer tatsächlichen Ziege zugestimmt hat, will dieser zunächst aggressiv widersprechen, wird aber dadurch abgelenkt, dass die ältere Frau nun ebenfalls ein Bild schwenkt. Es zeigt zwei Katzenbabys in Trikots von Bayern München. Ziegenbart und Mittelalter recken die Daumen, die jüngere Frau jauchzt verzückt, wendet allerdings ein, dass die Bayern ein "beschissener Verein gelangweilter Millionäre" seien. Der Herr im besten Alter hält sich aus der folgenden Diskussion zwischen den beiden Frauen und dem jungen Mann heraus, lässt die anderen aber wissen, sich nicht für Sport zu interessieren.

Während er unschlüssig auf seine beiden verbliebenen Fotos starrt - eine Röntgenaufnahme seines Innenohrs und ein lustig bearbeitetes Bild von Adolf Hitler und einem Primaten -, sagt der Bärtige, was er denkt: "Dank Merkels Goldstücken darf man ja nicht mehr sagen, was man denkt! Armes Deutschland!" Die Greisin hebt zunächst den Daumen, entscheidet sich dann aber dafür, diese Äußerung mit einem kryptischen Lachen zu quittieren. Die jüngere Frau malt einen kleinen Kothaufen mit Augen an die Bushaltestelle. Der ältere Mann verstaut seine Fotos wieder in der Jackentasche und geht davon aus, die Erinnerung daran sei im gleichen Moment verschwunden.

Der junge Mann lässt die Oma wissen: "Ich hatte auch mal ein Kätzchen. Aber Hunde sind besser. Kauf dir einen Hund." Der Bus kommt, alle steigen ein. Es ist die Linie Zuckerberg 19. Die Werbetafeln an der Außenseite zeigen Pasta, Katzenfutter, Alice Weidel und Hansi Flick.

Sonntag, 29. September 2019

Nicht im Fernsehen

"Zunächst mal herzlich willkommen, Markus. Die wichtigste Frage, die wohl uns allen auf der Seele brennt: Du hast ja den anstrengendsten Job der Welt - wie schaffst du es, damit klarzukommen? Jeder andere würde ständig seine Freunde auf Facebook damit nerven, wie schlecht es ihm geht... Aber du erträgst das tapfer und klaglos. Was ist dein Geheimnis?"

"Nun, berühmter Talkmaster Conan O'Brien, danke für die Einladung und die interessante Frage. Wie ich es schaffe, so beeindruckend locker mit einer Arbeit umzugehen, die jeden anderen sicher fertigmachen würde? Naja, ich denke, ich verschaffe mir einfach Ablenkung im Privatleben. Eine gehörige Portion Eskapismus hilft schon sehr dabei, mit einem unfassbar fordernden Job wie meinem umzugehen."

"Da muss ich mal einhaken, lieber Markus: Was genau tust du denn, um Abstand von deiner zwar wichtigen und anspruchsvollen, aber eben auch unglaublich stressigen Arbeit zu gewinnen?"

"Naja, berühmte Komikerin und Co-Moderatorin Ellen DeGeneres, was soll ich sagen? Meine Tipps sind: schlafen, wann immer es geht, Serien gnadenlos wegbingen - am besten Comedy, Mystery und Fantasy, also alles mit -y am Ende -, Rock der 70er und 90er hören, Schlagzeug spielen, Friesenkrimis lesen, regelmäßig den Sonntagabend-Krimi gucken, noch regelmäßiger Gewichte stemmen, Nerd-Kram, Tonträger und Filme sammeln, den Nachbarn aus dem Weg gehen, ab und zu ins Kino... Aber vor allem - und jetzt hört mir bitte genau zu, Ellen und Conan..."

"Machen wir! Sag endlich!"

"Komm schon - spann' uns nicht auf die Folter!"

"... vor allem: Verbringt soviel Zeit wie möglich mit den wichtigen Menschen in eurem Leben. Und achtet darauf, dass es gute Menschen sind. Denn dann und nur dann kommt ihr klar im Leben. Selbst mit einem aufreibenden Job wie meinem."

Dienstag, 24. September 2019

Auf der Straße

Nein, sie gingen nicht zurück. Sie gingen auf die Straße. Sie waren aufgestanden, um etwas zu ändern. Das hatten sie sich vorgenommen, das würden sie auch tun. Anfangs waren es nur wenige, aber dann wurden es immer mehr. Ihre Zahl wuchs, bis man sie nicht mehr übersehen konnte. Und nicht mehr überhören. An ihrer Spitze lief ein Mensch, der zu einem Symbol geworden war. Der aussprach, was sie alle bewegte und weswegen sie nebeneinander liefen. Er sprach von Ungerechtigkeit und davon, dass es so nicht weitergehen könne. Vor allem sprach von der Zukunft, die hier und heute in den Händen der Menschen lag. Er sprach von seinem Traum.

Ihre Gegner versuchten, sie lächerlich zu machen. Ihresgleichen sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Es sei nicht ihre Aufgabe, sich solche Gedanken zu machen. Sie seien nicht gebildet genug, um überhaupt mitreden zu können. Und die Zukunft sei nicht ihre. Häme, aber auch Hass und Aggressionen schlugen ihnen entgegen, als sie durch die Straßen gingen. Männer, Frauen, Kinder - Seite an Seite, eine unbeirrbare Masse. Nicht aufzuhalten von den Lügen und der Gewalt ihrer Feinde.

Heute wissen wir, dass sie Recht hatten. Heute sind viele ihrer Ziele keine unerfüllten Träume mehr, sondern längst erreicht. Ihre Gegner haben sich geirrt, denn die Menschen, die damals auf die Straße gingen, haben die Welt verändert. Der Preis: Der Mensch an der Spitze dieser Bewegung wurde ermordet. Doch seine Worte sind Legende, seinen Namen kennt heute jeder: Martin Luther King.

Gut, dass es damals noch kein Facebook gab.

Dienstag, 20. August 2019

Auf der Autobahn

Obwohl ich mich darum bemühe, möglichst ohne Vorurteile zu leben und defensiv Auto zu fahren, habe ich auf den Straßen der Republik ein Feindbild: sehr alte Männer in sehr schnellen Autos.

Zum einen fahren die Schrumpel-Schumachers auch 70 Jahre nach ihrer Führer-Scheinprüfung, wie sie es an der Ostfront gelernt haben: flink wie Windbeutel, zäh wie ihre höhensonnengegerbte Haut und hart wie die Rolex am rheumatischen Handgelenk. Zum anderen lässt sie ihr aufgeplustertes Ego vergessen, dass sie ihre tiefergelegten Ersatz-Schniedel zu keinem Zeitpunkt im Griff haben. Wofür ich übrigens noch einigermaßen Verständnis aufbringe, schließlich haben sie das Töfftöff in der Fahrschule noch mit einer Kurbel angeworfen.

Mit der gleichen aggressiven Souveränität, mit der sie pastellfarbene Polohemden tragen oder sich Haare vom Schrumpfsack auf die fliehende Stirn tackern lassen, begegnen sie ihren Feinden - sprich: allen anderen Verkehrsteilnehmern. Klar, wenn man augenscheinlich mehr auf dem Schweizer Konto hat als der durchschnittliche Mit-Rentner, kann man schon mal ein wenig den Blick für die Realität verlieren; die Ray Ban vor dem milchigen Triefauge trägt ihren Teil dazu bei. Also glauben die Vorstandsvorsitzenden, Oberstufenlehrer oder Geheimräte im Unruhestand, auf der forschen Fahrt vom Squash-Treffen zum Segel-Wochenende gehöre ihnen - und nur ihnen - die Autobahn, die ihnen zudem nicht selten politische Argumentationshilfe ist.

Mein Tipp: eventuell weniger blaue Pillen mit dem Edel-Cognac aus der Mahagoni-Schreibtischschublade runterspülen und stattdessen doch mal ab und zu den Blinker oder die Bremse benutzen. Und ganz ehrlich: Mit Mitte 80 muss es kein Porsche mehr sein.

Montag, 19. August 2019

Im 13. Stock

Als er auf das Fenstersims trat, atmete er tief und ruhig ein. Zum ersten Mal seit Monaten. Sein Blick schweifte über die Dächer der Häuser, ehe er nach unten sah. Zwölf Stockwerke tiefer befand sich eine dreckige Gasse. Zu schmal für das Sprungtuch der Feuerwehr. Und menschenleer. "Wer sind Sie?!" Die Stimme von rechts erschreckte ihn so sehr, dass er fast den Halt verloren hätte. Sie war laut, aber zittrig und gehörte einem kleinen Mann im grauen Anzug, der ihn entsetzt anstarrte. "Wenn Sie mir das ausreden wollen, vergessen Sie's", fügte der kleine graue Mann hinzu, nun eher zornig als zittrig. "Mein Entschluss steht fest!"

Wieder atmete er ein, inzwischen genervt. "Mir ist scheißegal, was du machst", sagte er bissig. Und fügte in Gedanken hinzu: War ja klar, dass irgendein Bekloppter die gleiche Idee hat - schließlich klappt ja nie irgendwas. "Meine Firma ist pleite, ich musste Leute entlassen", lamentierte der kleine graue Mann weiter. "Ich bin am Ende, ich..." "Alter", unterbrach er ihn, "bring's hinter dich. Und hör auf, mir deine Geschichte aufzudrängen." Ich erzähle dir meine ja auch nicht, dachte er. Aber kleiner Spoiler: Ich besitze keine eigene Firma. "Sie haben Recht", sagte der kleine graue Mann und seufzte. "Spielt ja auch eigentlich keine Rolle." "Eben. Und jetzt mach hin - dass wir hier nebeneinander stehen, ist würdelos genug." Mittlerweile waren zwei sichtlich angetrunkene Obdachlose auf sie aufmerksam geworden und deuteten aufgeregt nach oben. Der kleine graue Mann rückte seine Krawatte zurecht. "Hetzen Sie mich nicht." Er sah ihn vorwurfsvoll an. "Außerdem war ich zuerst hier."

Langsam wird das hier absurd, dachte er. "Oh, sorry - mir war nicht klar, dass man den idyllischsten Platz zwischen Spinnweben und Taubendreck reservieren muss", antwortete er ironisch. "Nun spring schon!" Seine laute Stimme ließ die kleine Menschengruppe unten zusammenzucken. Die beiden Besoffenen hatten mittlerweile Gesellschaft von zwei jungen Skatern, dem Inhaber der Pfandleihe am Ende der Gasse und einem halben Dutzend Passanten. Drei von ihnen telefonierten. Einer der Skater filmte nach oben. Na, großartig. "Wenn du's jetzt nicht hinter dich bringst, taucht hinter uns gleich ein Cop auf und erzählt uns, wir seien ihm wichtig." Eine Taube kackte ihm auf den Fuß. "Vielleicht", sagte der kleine graue Mann nachdenklich, "vielleicht stimmt das ja sogar. Vielleicht sind wir jemandem wichtig. Es könnte doch ein Zeichen sein, dass wir uns hier treffen. Ein Wink des Schicksals."

Heilige Scheiße. "Dem Schicksal, mein Freund, sind wir absolut gleichgültig." Er betonte jedes Wort, und der kleine graue Mann wich einen Schritt zurück, weiter nach rechts auf dem Fenstersims. "Nichts in meinem Leben läuft gut. Gesundheit, Job, Geld, Liebe - überall nur Pech. Und als ich es nicht mehr aushalte, steht Mr. Unscheinbar neben mir und kriegt kalte Füße. Das ist alles ein Fest!" Seine Stimme war nun sehr laut, und mit einer Hand musste er sich am Fensterrahmen festhalten, um nicht vor der neugierig nach oben starrenden Meute auf das Kopfsteinpflaster zu knallen. Obwohl das ja eigentlich sein Ziel war, schien ihm der Zeitpunkt ungeeignet. Erst klären wir, dass es so etwas wie Fügung nicht gibt.

Er holte wieder Luft, nicht tief und ruhig, sondern um weiter zu brüllen. Der kleine graue Mann unterbrach ihn mit fester Stimme: "Glauben Sie, was Sie wollen. Ich weiß, dass Sie mich vor einem schrecklichen Fehler bewahrt haben." Er lächelte. "Und dafür danke ich Ihnen." Mit einer ungelenken Bewegung kam er etwas weiter auf ihn zu, hangelte sich jedoch in das Fenster in seiner Nähe. Bevor er es schloss, steckte er noch einmal den Kopf heraus: "Tun Sie es nicht." Er lächelte wieder. "Sie sind ein guter Mensch."

Vielleicht ist genau das das Problem, dachte er, als er den kleinen grauen Mann in der Hochhauswand verschwinden sah. Unten hatte sich ein Feuerwehrfahrzeug in die enge Gasse geschoben, und die Einsatzkräfte machten die Drehleiter bereit. "Großartig", presste er zwischen den Zähnen hervor. "Sogar dazu bin ich zu blöd." Wenn er jetzt sprang, würde er auf der halb ausgefahrenen Leiter landen. Bei seinem sprichwörtlichen Glück würde er sich dabei alle Knochen brechen, aber überleben. Und dann? Langsam kroch wieder in sein Bewusstsein, weshalb er den Entschluss gefasst hatte, aus dem 13. Stock zu springen. Andererseits... Was, wenn der kleine graue Mann sich nicht geirrt hatte? Vielleicht war ihre Begegnung tatsächlich kein Zufall. Vielleicht war es besser, sich seinen Problemen zu stellen statt mit einem Sprung vor ihnen zu fliehen.

Als er zu dem Feuerwehrmann auf die Leiter kletterte, sagte er resigniert: "Sowas erlebt ihr bestimmt auch nicht alle Tage - ein Irrer redet dem anderen aus, sich vom Hochhaus zu stürzen." Sein mürrischer Retter sah ihn fragend an. "Was meinen Sie?" "Na, den anderen Kerl neben mir auf dem Fenstersims." Der Feuerwehrmann guckte verständnislos. "Da war niemand. Sie standen da oben, haben mit sich selbst gequatscht. Und geschrien." Sie kletterten von der Leiter. "Aber... der kleine graue Mann..?" Der Feuerwehrmann schüttelte den Kopf und reichte ihm die obligatorische Decke. "Ehrlich, Mann - da waren nur Sie." Mit einem Grinsen fügte er hinzu: "War bestimmt Ihr Schutzengel." Ein kleiner Mann im grauen Anzug. Klar.

"Bestimmt", sagte er leise. "Das ist mal wieder typisch." Er sah die schmale Gasse entlang, vorbei am Feuerwehrauto und den Schaulustigen, auf die Stadt. Er musste lächeln, als er ruhig und tief einatmete. Zum vierten Mal an diesem verrückten Tag.

Mittwoch, 10. Juli 2019

In aller Kürze

Da hing er also, am Abgrund, kurz vor dem Sturz in die Tiefe. Verzweifelt zappelte er, hielt er sich mit einer Hand fest und flehte mich an: "Zieh mich hoch! Bitte!" Vorsichtig trat ich einen Schritt näher an die Schlucht und blickte in die endlose Dunkelheit. Der Wind kühlte mein Gesicht, als ich die Augen schloss und lächelte. Dann bückte ich mich zu ihm herunter und flüsterte: "Guten Flug."

...

Die Beleuchtung der Mikrowelle brachte etwas Helligkeit in die dunkle Küche. In ihr Leben. Sie atmete tief und ruhig, als sie zusah, wie das Essen sich erwärmte. Das Brüllen aus dem Wohnzimmer ignorierte sie. Zum ersten Mal seit 30 Jahren. Als das Licht erlosch, nahm sie die Mahlzeit heraus, zog ein grünes Fläschchen aus der Kittelschürze und würzte nach. Sie hob den Teller an und schnupperte. Tatsächlich: völlig geruchlos. Und schmecken würde er sicher ebenfalls nichts. Als sie dem Brüllen entgegenging, freute sie sich auf die baldige Stille.

...

Er wollte schreien, aber das ging nicht. Der Strick um seinen Hals schnürte ihm die Luft ab. Dabei hätte schreien sicher gut getan. Die Angst rauslassen. Und den Schmerz, denn das laute Knacken seines Genicks ging einher mit heftigen Stichen, die bestimmt dafür gesorgt hätten, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Allerdings verhinderte die Kapuze über seinem Kopf ohnehin, dass er etwas sah. Aber hören konnte er. Die Stimme des Henkers dröhnte in seinem Kopf. "Möge Gott deiner verdammten Seele gnädig sein", sagte sie. "In der Hölle sollst du schmoren für deine Untaten." Hätte er doch nur schreien können. "Ich bin unschuldig", hätte er gerufen. "Ihr macht einen schrecklichen Fehler", hätte er gebrüllt. Nichts wollte er in diesem Moment so sehr wie schreien. Doch, etwas schon: Er wollte atmen. Aber das ging nicht.

...

Der Keller. Schon immer hatte sie Angst gehabt, dort hinunter zu gehen. Die Spinnweben, der Dreck, die Kälte. Die Dunkelheit. Aber nun war sie kein Kind mehr, und es konnte doch wirklich nicht wahr sein, dass sie seit dem Tod ihrer Eltern nicht im Keller gewesen war. Seit fast zwölf Jahren. Die einzige Glühbirne am unteren Ende der schiefen Holztreppe flackerte. Aber immerhin: Ganz dunkel war es nicht. Mit jedem zögernden Schritt sah sie mehr vom zugestellten Kellerraum. Jedes Flackern brachte diffuses Licht in eine andere düstere Ecke. Schließlich war sie unten angekommen. Es roch moderig, nach Verfall. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie sich vorsichtig um. Die alte Truhe. Das kaputte Regal. Das verrostete Fahrrad. Dann plötzlich ging das Licht aus. Die Dunkelheit war zurück. Sie hörte ein seltsames Kichern. Und spürte eine kalte Hand an ihrer Schulter.

Mittwoch, 20. März 2019

In Zukunft

Als in Ehren ergrauter Veteran habe ich schon viel gesehen und noch mehr gehört. Irgendwann denkt man dann, die Musikgeschichte steuere auf ihr Ende zu. Alles schon mal dagewesen. Und wo ist überhaupt der Nachwuchs?

Da ist es gut, dass es das Internet gibt. So erfahren nämlich auch in Ehren ergraute Veteranen, wenn sich was tut in entlegenen Ecken der Welt. Wenn beispielsweise eine achtjährige Schlagzeugerin in Japan und ein neunjähriger Gitarrist in Australien mal eben rocken wie nix. Und dabei Spaß haben.

Genug gelesen, jetzt wird geguckt, gehört und gestaunt. Gänsehaut galore. Hier ist Yoyoka Soma:



Und hier ist Taj Farrant:

Dienstag, 26. Februar 2019

Herzensangelegenheiten

"Turn my seasons turn
Lived in much younger times
Left no life no more
For me to shine."
Mark Hollis: "Inside Looking Out" (1998)

Tausendfüßler, Eulen und ein Fuchs - was die Nacht verbirgt, will nicht gesehen werden. Und wer im Dunkeln eine Sonnenbrille trägt, will nicht sehen. Sunglasses at night. Ich liebte Musik, auch mit zwölf schon, und der einzige Weg, sie nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, war "Formel Eins", jene heute zum Kult verklärte Musikvideosendung im Fernsehen. Einmal saß darin ein dünner, blasser Mann am Klavier, mitten im Wald, Haarsträhnen fielen im Rhythmus von Schlagzeug und Tasten über die schwarzen Gläser, die seine Augen verbargen. Und er sang verzweifelt darüber, dass das Leben sei, was man daraus mache.

Das klang so ganz anders als jene Popmusik, die ich seinerzeit in- und auswendig kannte. Das war trauriger als Depeche Mode, wütender noch als Killing Joke und viel mehr Kunst als Duran Duran. Da kämpfte jemand gegen die schlechten Dinge, die im Leben nun mal passieren. Gegen die Art, wie man ein Klavier normalerweise spielt. Und offenbar auch gegen sich selbst. Ich starrte auf Mark Hollis, weil der ein Licht angezündet hatte. Und ahnte schon damals, dass er es hasste, angestarrt zu werden.


Talk Talk war immer die Band für die etwas zu Cleveren, die nichts anderes hatten, als sich etwas darauf einzubilden. Klar - das waren Hits, die liefen im Radio und passten klanglich durchaus in ihr Jahrzehnt, das heute noch mehr verklärt wird als erwähnte Fernsehshow. Doch während Marian Gold alberne Lederhandschuhe trug und darüber sang, hoffentlich für immer jung zu sein, ging es in Hollis' Liedern um den Verfall. Während Cyndi Lauper verkündete, dass Mädchen einfach Spaß haben wollen, stellte er trotzig fest, dass das Leben sein Leben war und man das nicht vergessen sollte. Und während Corey Hart behauptete, nachts eine Sonnenbrille zu tragen, um das Licht sehen zu können, löschte Mark Hollis die Kerze. Sie hätte nur den Fuchs vertrieben, die Eulen und die Tausendfüßler.

"Spiele keine Note, bevor du nicht einen guten Grund dafür hast." Kluge Sätze wie diese sagte er in den Interviews, die für einen introvertierten Geist wie ihn eine Qual gewesen sein müssen. Es ist der Rhythmus seiner Songs, den ich bis heute verehre, die perfekte Tonspur dafür, noch ein bisschen weiterzumachen. Und es sind die Töne, die nicht gespielt werden. Das Dazwischen. Der Atem und die Atmosphäre. Das Leben, das der dünne, blasse Mann mit der verzweifelten, zweifelnden Stimme reinpumpte. Das war zunächst Pop, aber es war eben auch Kunst. Man durfte sich was drauf einbilden, nicht nur die Hits zu lieben, sondern die Alben.

Und irgendwann war es kein Pop mehr. Die Welt der glänzenden Oberflächen hatte Mark Hollis verloren, ihm selbst war sie von Anfang an egal gewesen. Jazz kam zu seinem Recht, auch Klassik, Avantgardistisches, immer öfter die Stille. Mit seinem einzigen Solowerk ging er nie auf Tour. Das wäre unmöglich gewesen, erklärte er damals in einem der nun sehr seltenen Interviews. Nicht auszudenken, hätte jemand vor der Bühne gehustet.

Dann verschwand er endgültig im Dunkel. Fans hielten sich tapfer auf dem Laufenden darüber, wenn er mal den einen oder anderen Ton oder das eine oder andere Schweigen zur Arbeit von Kollegen beisteuerte. Und trösteten sich damit, dass er nun wohl die Ruhe gefunden hatte, nach der er sich so sehnte. Nun ist Mark Hollis tot. Passenderweise war es zunächst nur ein unbestätigtes Gerücht, achtsam dahingetupft wie ein Tastendruck am Klavier. Dann wurde es ein lauterer Akkord, denn die Verlierer von früher, die Anhänger seit damals sind mehr als sie dachten. Und letztlich war es Gewissheit, fand die Musik ein Ende.

Am Schluss des Videos zu "Life's What You Make It" geht die Sonne auf, verjagen ihre sanften Strahlen den Nebel und den Tau und die Tiere der Nacht. Everything's all right. Ich erinnere mich sogar noch daran, was ich damals dachte, als ich ihn zum ersten Mal sah und hörte. "Der fühlt sich nicht wohl", dachte ich. "Der fühlt sich wie ich."