Donnerstag, 1. Januar 2015

Mein Dogma (III)

"Der Markus sagt immer, was er denkt. Das schätze ich so an ihm." Mit diesen Worten versuchte meine Tante vor ein paar Jahren, einen massiven Eklat während einer Familienfeier zu relativieren. Der erste Satz war die Wahrheit, der zweite nicht.

Tatsächlich bin ich immer ehrlich. Oder um ehrlich zu sein: Ich versuche es, so gut ich kann. Manchmal fragt man mich, weshalb ich das tue. (Ich selbst frage mich das nie, aber dazu kommen wir noch.) Häufig antworte ich dann wahrheitsgemäß, dass ich nicht mal verstehe, weshalb man diese Frage überhaupt stellt. Denn eigentlich sollte Standard sein, was mir zwar nicht einfach erscheint, aber inzwischen selbstverständlich: Unehrlichkeit ist mir seit jeher zuwider, mit Lügen kann ich nicht umgehen. Ob das eine Frage der Erziehung ist (mein Vater war oft ehrlich bis zur Schmerzgrenze - auch dazu kommen wir noch) oder ob das Leben mich geprägt hat, ist gleichgültig. Ich habe Gründe, am liebsten die Wahrheit zu sagen, und es sind gute Gründe.

Worte können noch mehr verletzen als Schläge. Und das ganz besonders, wenn man nicht mit ihnen rechnet. Wenn man glaubt, einen anderen Menschen zu kennen (oder zumindest seine Eigenschaften), er dann aber aus heiterem Himmel eröffnet, nicht ehrlich gewesen zu sein, bricht einem das nicht die Nase, aber ziemlich sicher das, was medizinisch Ungebildete als "Herz" bezeichnen. Das hat niemand verdient. Stattdessen verdient jeder ein Mindestmaß an Respekt, auch in Auseinandersetzungen. Und das bedeutet: Jeder Mensch verdient die Wahrheit.

Auch die Wahrheit kann verdammt schmerzhaft sein, sie kann ebenfalls das "Herz" brechen. Aber nichts ist so unumstößlich wie die Realität. Sie ist ein Hindernis, auf das wir alle früher oder später stoßen. Mit dem wir alle leben müssen. Das ist die eben Wahrheit. Akzeptiert sie und lernt, damit umzugehen. Alles andere wäre verlogen.

Das heißt nicht, dass Hoffnung eine Lüge ist. Die Realität kann sich verändern, sie tut das in jeder Minute unseres Lebens. Aber man kann nur dazu beitragen, wenn man sie kennt. Wenn man die Wahrheit kennt und nicht einer Lüge glaubt.

Auf Lügen zu verzichten und ehrlich zu sein, ist nicht einfach. Tatsächlich ist es sogar verdammt schwer. Ehrlichkeit beginnt bei kleinen, alltäglichen, oft achtlosen Fragen wie etwa: "Na, wie geht's?" Die meisten antworten ebenso achtlos: "Ganz gut." Aber das stimmt nicht immer. Häufig genug geht es ihnen schlecht, manchmal sogar beschissen. Wer mir diese Frage stellt, bekommt in der Regel eine ehrliche Antwort, und die hängt eben von der Tagesform ab. Generell habe ich kein Problem damit, recht klar und deutlich zu sagen, was ich von jemandem oder von einer Sache halte, und das betrifft eben auch mein persönliches Lebensgefühl. Das Ergebnis ist etwas, mit dem ehrliche Menschen leben müssen: Wer nicht einstimmt in den heuchlerischen Chor der Glücklichen gilt früher oder später als latent deprimiert. Das bietet reichlich Gelegenheit für Spott und Kritik aller Art. Ihr wollt nicht lügen? Dann findet euch damit ab, dass das nicht jeder gut findet. Auch das ist die Wahrheit. Und betrifft im Übrigen größere Fragen noch mehr als die beispielhaft geschilderte kleine.

Mein Vater hatte nicht zu Unrecht den Ruf, ein ziemlicher Choleriker zu sein: Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, ist er aufgestanden und hat das gesagt, häufig sehr laut. (In jungen Jahren hat er weniger geredet und mehr gehandelt, aber das ist im Fall einer physischen Konfrontation nun wirklich nicht immer die beste Lösung.) Ich habe ganz sicher viele Charaktereigenschaften von ihm geerbt, und Ehrlichkeit gehört - neben einigen weniger positiven - dazu. Das bringt mir den Ruf ein, nicht gerade der geborene Diplomat zu sein. Wer es gut meint, benutzt auch gern mal das Wort "verschroben". Auch damit muss klar kommen, wer sich für den Weg der Wahrheit entscheidet. Menschen werden euch vorwerfen, sie vor den Kopf zu stoßen, obwohl ihr doch genau das vermeiden wollt. Weil sie in unserer Gesellschaft die Wahrheit schon fast nicht mehr gewohnt sind.

Wer ehrlich sein will, sollte das in erster Linie zu sich selbst sein. Das ist der schmerzhafteste Teil dieser Philosophie. Kein Mensch wird euer ganzes Leben bei euch sein - nur ihr selbst. Ihr wart allein, als der Doktor euch auf den Hintern gehauen hat, ihr werdet allein sein, wenn ein anderer Doktor das Beatmungsgerät ausschaltet. Und zwischendurch, wenn ihr durch den Regen lauft, euch das Kissen auf die Ohren drückt oder ihr auf dem Klo sitzt, seid ihr ebenfalls allein. Auch das ist die Realität, auch das ist die Wahrheit. Also fangt besser so früh wie möglich damit an, mit euch klar zu kommen. Seid ehrlich - nicht nur zueinander, sondern vor allem zu euch selbst. Das ist wirklich nicht immer ganz leicht, häufig sogar schwieriger als gegenüber euren Mitmenschen, aber es lohnt sich. Die Wahrheit ist nämlich nicht irgendwo da draußen, sie ist erstmal in uns selbst.

Seit etwas mehr als zwölf Jahren bin ich nicht nur ehrlich, sondern bin das ganz bewusst. In dieser Zeit habe ich Freunde verloren, die offenbar keine waren, habe Streitigkeiten provoziert, die ich hätte vermeiden können, und hatte mehr als einmal ziemlichen Ärger. Aber ich habe auch Freunde behalten, von denen ich weiß, dass sie bleiben werden. Und ich habe gelernt, dem Kerl, den ich morgens im Spiegel sehe, zu vertrauen. Ich bin noch immer kein Riesenfan von ihm, aber er ist eine ehrliche Haut, und das mag ich an ihm wie an anderen Menschen.

Deswegen drücke ich auch ein Auge zu, wenn er mal wieder nicht ganz so ehrlich ist wie geplant. Wenn er eine hundertmal erzählte Geschichte beim 101. Mal ein wenig ausschmückt, um ein paar Lacher zu ernten. Wenn selbst ein Quatschkopf wie er ab und an schweigt, wenn er reden sollte, weil er eben doch manchmal Angst vor der Wahrheit hat. Oder wenn er ein-, vielleicht zweimal im Jahr eine Konfrontation scheut, obwohl er weiß, dass er das später bereuen wird.

Immerhin versucht er wenigstens, die Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen. Ganz ehrlich. Und das schätze ich an ihm. Solltet ihr auch mal versuchen.

Sonntag, 21. Dezember 2014

Auf den letzten Drücker - schräg unterm Weihnachtsbaum

Langsam wird's Zeit, die letzten Geschenke für die Lieben zu besorgen. Wer schnell bestellt oder sich tapfer durch den Einkaufswahnsinn schlägt, hat noch eine Chance, was zu ergattern. Und wer seinen Beschenkten wirklich etwas Gutes tun will, packt ihnen was zum Gucken unter den Baum. Am besten etwas, das noch nicht jeder gesehen hat und das ein wenig schräg ist. Denn schräg ist gut - der Schlitten vom Weihnachtsmann steigt ja auch nicht gerade in die Lüfte. Hier sind sie also, die 20 schrägsten Film-Geschenktipps (nicht nur zum angeblichen Fest der Liebe):

Blutgletscher (Österreich, 2013): In den Alpen tut sich was - eine Forschergruppe bekommt es mit den monströsen Auswirkungen der Klimakatastrophe zu tun. Erfreulich handgemachter Tier-Horror mit klassischem Verlauf, aber Fabelwesen, die man so noch nicht gesehen hat. In den Bergen hört dich niemand schreien…

Bubba Ho-Tep (USA, 2002): Elvis Presley (Bruce Campbell) ist nicht tot, sondern lebt im Altenheim, wo ihm allerdings niemand glaubt, dass er der King ist. Als sich eine Mumie durch die Gänge metzelt, ist er froh, den angeblichen John F. Kennedy (Ossie Davis) an seiner Seite zu haben. Klingt bizarr? Ist es auch. Und sehr unterhaltsam - wenn man Gruselgeschichten lustig mag.

Coffee And Cigarettes (USA, 2003): Wo Jim Jarmusch draufsteht, ist auch Jim Jarmusch drin. So richtig viel passiert eigentlich nicht in diesem Episodenfilm. Aber die Dialoge sitzen, ebenso die Kamera. Außerdem sind Steve Buscemi, Tom Waits, Iggy Pop und die White Stripes an Bord. Eine eher ruhige Kreuzfahrt für erfahrene Seeleute, mit einer ganz besonderen Atmosphäre.

Das ist das Ende (USA, 2013): Mehr Metaebene geht kaum, wenn sich eine Gruppe Komiker (darunter Seth Rogen, Jonah Hill und James Franco) mit nichts weniger als der Apokalypse konfrontiert sieht. Natürlich spielen die überforderten Dauerkiffer sich selbst, natürlich gibt es ein glückliches Ende. Aber eins, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Und nie wieder sehen wird.

Fraktus (Deutschland, 2012): Wir alle erinnern uns an Fraktus, jene legendäre Band, die in den 80ern Musikgeschichte geschrieben hat. Und falls nicht, könnte das daran liegen, dass es dieses Trio nie gegeben hat. Was schade ist, denn Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger zeigen uns in dieser Fake-Doku, dass wir einiges verpasst haben.

The Host (Südkorea, 2006): Was da aus dem Wasser steigt, ist so hässlich wie hungrig. Und eine überforderte Familie ist dem mutierten Ungetüm als Gegner nicht gerade ebenbürtig. Die Story ist wendungsreich und ungewöhnlich, die Spezialeffekte haben absolutes Hollywood-Niveau. Beides macht diese Mischung aus Mutantenhatz und Komödie sehr sehenswert.

Kick-Ass (USA, 2010): Warum hat sich eigentlich noch niemand wirklich als Superheld versucht? Teenager Dave Lizewski (Aaron Johnson) findet es schnell heraus: Weil es verdammt schmerzhaft ist. Ambitionierte Comicverfilmung, zu gleichen Teilen spannend und brutal wie lustig und dramatisch. Der etwas andere Superhelden-Film tritt tatsächlich in den Hintern.

Kontroll (Ungarn, 2003): In den dunklen Schächten des U-Bahn-Systems entspinnt sich eine surreale Geschichte, in der ein eigenbrötlerischer Kontrolleur, ein Mädchen in einem Bärenkostüm, ein notorischer Schwarzfahrer und ein geheimnisvoller Killer eine Rolle spielen. Inszeniert wurde das moderne Schauermärchen als experimentelles Mosaik mit Liebe zum Detail.

The Last Supper (USA, 1995): Wenn man einer Gruppe Studenten dabei zusieht, wie sie - zunächst eher versehentlich - diverse konservative Hausgäste um die Ecke bringt, sollte man ein Faible für schwarzen Humor haben. Mit Cameron Diaz, Annabeth Gish, Ron Perlman, Bill Paxton und anderen ist diese leckere Farce durchaus prominent besetzt. Auch das waren die 90er.

Living In Oblivion (USA, 1995): Regisseur Nick Reve (Steve Buscemi) will doch nur eins - diesen verdammten Film fertigdrehen. Leider kommen ihm dabei selbstverliebte Schauspieler, eine unfähige Crew, seine verwirrte Mutter und sein eigener Anspruch in die Quere. Ein Film im Film. Das fordert die Hirnzellen, in erster Linie aber die Lachmuskeln. Und ist dabei wunderbar absurd.

Monsters (USA, 2010): Die Liebe in den Zeiten der Alien-Invasion - ein Fotograf soll die Tochter seines Verlegers aus einer abgeriegelten Zone bringen, in der sich fremde Lebensformen eingenistet haben. Wer ein krachiges Spektakel erwartet, liegt komplett daneben. Das ist ein ruhiger Film voller Gefühl und unterschwelliger Spannung. Und mit wenigen Monstern.

My Name Is Bruce (USA, 2007): Bruce Campbell (Bruce Campbell) hat seine besten Tage hinter sich. Und selbst die reichten allenfalls aus, ihn zum Kultstar für cineastische Nerds zu machen. Als er aber tatsächlich gegen einen dämonischen Samurai antreten soll, wächst er über sich hinaus. Oder auch nicht. Launige Horrorkomödie voller popkultureller Anspielungen.

Pakt der Wölfe (Frankreich, 2001): 1767 kommen in der französischen Provinz Gévaudan immer wieder Menschen unter mysteriösen Umständen ums Leben. Forscher Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan) und Irokese Mani (Marc Dacascos) gehen der Sache nach. Regisseur Christophe Gans wirft Horror, Krimi, Martial Arts und Kostümdrama zusammen - und es passt.

Rare Exports (Finnland, 2010): Wer diesen film gesehen hat, sieht Weihnachten künftig mit anderen Augen. In Lappland werden Waldarbeiter mit dem wahren Weihnachtsmann konfrontiert. Und der hat schlechte Laune. Ob man ihn fangen und verkaufen kann? Die spinnen, die Finnen - die Langfassung des (fast) gleichnamigen Kurzfilms ist atmosphärisch und humorvoll.

Rogue - Im falschen Revier (Australien, 2007): Eine Flussfahrt down under nimmt für eine Touristengruppe eine unangenehme Wendung, als ein riesiges Krokodil etwas gegen seinen Appetit tun möchte. Neben Haien müssen Krokodile seit Jahrzehnten als Antagonisten in billigen Schockern herhalten. Dieser Film jedoch ist anders. Nämlich spannend und verdammt gut gemacht.

Severance (Großbritannien, 2006): Ein Betriebsausflug nimmt einen blutigen Verlauf. Da ist es gut, dass die Bürogemeinschaft ohnehin etwas für ihr Zusammengehörigkeitsgefühl tun wollte. Nur: Ohne Kopf ist das schwierig… Es geht handfest zur Sache in dieser typisch britischen Survival-Story. Und gleichzeitig ist die absurde Situationskomik saulustig. Stromberg für Splatterfans.

Thale (Norwegen, 2012): Als zwei Tatortreiniger (!) in den norwegischen Wäldern eine junge Frau entdecken, die offenbar eine skandinavische Sagengestalt ist, erfahren sie, dass manche Mythen wahr sind. Und als sich das Militär einmischt, lernen die Soldaten, dass Märchenwesen sehr sauer werden können. Knorrig, karg und kühl gefilmte Gruselmär - ideal für die Winterzeit.

Trollhunter (Norwegen, 2010): Es ist ein harter Job, aber einer muss ihn ja machen. Da ist der wortkarge Hans (Otto Jespersen) genau der richtige Mann. Hans beschützt uns vor den Trollen. Die gibt es nämlich wirklich, wie ein junges Kamerateam am eigenen Leib zu spüren bekommt. Souverän produzierter Found Footage-Film mit reichlich Atmosphäre statt Ekelszenen.

Vidocq (Frankreich, 2001): Gérard Depardieu spielt Eugène Francois Vidocq, einen ehemaligen Kriminellen, der als erster Privatdetektiv der Welt gilt. 1830 jagt der französische Sherlock Holmes in dieser fiktiven Geschichte einen geheimnisvollen Mörder, der sich "der Alchemist" nennt. Seine ungewöhnliche Optik hebt diesen Abenteuer-Krimi von der Masse ab.

Wächter der Nacht (Russland, 2004): Seit Urzeiten bekämpfen sich die Mächte des Lichts und der Dunkelheit. Doch wer ist gut, wer böse? Anton (Konstantin Chabenski) weiß es nicht. Er erledigt nur seinen Job, indem er im Moskau der Neuzeit Vampire jagt. Und wie er das tut, kann sich sehen lassen. Die Spezialeffekte sind beeindruckend, die Story voller Bezüge zum Umbruch im Osten.

Mein Kinojahr 2014

Es war ein gutes Jahr für Kinofreunde - darin sind sich Fachleute, Feuilletonisten und Fans ungewohnt einig. Wer nicht auf Autorenfilme steht, sondern noch immer der Traumfabrik huldigt, bekam ordentlich was auf die Augen. Und das - anders als in den vergangenen Jahren - weniger in quantitativer, dafür mehr in qualitativer Hinsicht.

Fünf Filme sind es, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Die es geschafft haben, mich für mindestens zwei Stunden aus der Realität zu ziehen. Denn das ist der Grund, warum ich das Kino liebe.

Man durfte ruhig ein wenig argwöhnisch sein, als bekannt wurde, der beliebteste Bürohengst der Republik solle seinen Schlusspunkt auf der Leinwand setzen. Denn diese ist kein Fernsehschirm, und eine Serie als Kinofilm umzusetzen, ist mehr als einmal in die Hose gegangen. Doch "Stromberg - der Film" macht alles richtig. Er nutzt das andere Medium, ohne die Stimmung zu verändern. Der "Papa" funktioniert auch in groß, zumal ungezählte Anspielungen auf alte Serienfolgen den Abschluss nicht nur zu einer runden Sache machen, sondern schlicht grandios. Weiterer Pluspunkt: Strombergs Finale ist bitterböse Satire. Da bleibt einem auch mal das Lachen im Hals stecken.

Nur manchmal lustig ist "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty". Und das trotz (oder wegen) seines Hauptdarstellers Ben Stiller. Man sollte vielleicht nicht soweit gehen, die Dramödie um einen stillen Verlagsangestellten, der allen Mut zusammen nimmt und die Welt entdeckt, als das "Philadelphia" des "Verrückt nach Mary"-Tollpatschs zu bezeichnen. Aber zumindest ist der Mann diesmal so wenig Ben Stiller wie sonst nur als Gast in "Wetten, dass..?". Allein das und die großartigen Aufnahmen machen den Film sehenswert. Hinzu kommt eine optimistische, Mut machende Stimmung, die noch lange nachhallt.

Eher was für zwischendurch, aber durchaus eine Überraschung war für mich Denzel Washingtons Neuverfilmung von "The Equalizer". Ähnlich wie "Wer ist Hanna?" passt er wohl am besten in die fast leere Schublade mit der Aufschrift "Arthouse-Action". Einerseits gibt es sehr ruhige, fast meditative Szenen, die wunderbar gefilmt sind, andererseits fährt zwischendurch immer wieder brutale Gewalt wie ein Blitz dazwischen. Mehr als einmal ertappt man sich dabei, dass man denkt: "Ouh - muss das sein?" Selbstjustiz-Thriller sind eben nicht jedermanns Sache. Doch letztlich ist es die alte Hollywood-Geschichte vom einsamen Rächer, der allein mit den bösen Buben aufräumt. Diesmal halt mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und guten Darstellern.

Unfassbar, was in Sachen Computeranimation inzwischen möglich ist. Die titelgebenden Primaten in "Planet der Affen: Revolution" sehen tatsächlich noch beeindruckender realistisch aus als im ersten Teil. Glücklicherweise behält die Fortsetzung des Prequels, das ein Reboot ist (!), das Erzähltempo des Vorgängers bei und setzt nicht nur auf Schauwerte. Die Geschichte vom Konflikt zwischen Menschen und Affen, die nach einer verheerenden Katastrophe um die Vorherrschaft auf der Erde kämpfen, ist voller clever eingesetzter Metaphern und packender Szenen - erstaunlicherweise vor allem in den nicht seltenen ruhigen Momenten. Klar: Es kracht bisweilen ordentlich. Aber wir haben hier nicht nur einen guten Science-Fiction-/Actionfilm, sondern einfach einen guten Film.

Ich hatte es gehofft und wurde nicht enttäuscht: "Guardians Of The Galaxy" ist verdammt gute Unterhaltung, selten mehr und niemals weniger. Kein Film hat es in diesem Jahr geschafft, mich so in seinen Bann zu ziehen, wie das durchaus gewagte Weltraum-Abenteuer aus dem Hause Marvel. Gewagt, weil nicht zwingend damit zu rechnen war, dass mittlerweile auch die Comic-Helden aus der dritten Reihe beachtlichen Erfolg auf der Leinwand haben. Haben sie aber. Und man schließt sie sofort ins Herz, diese schrägen, vom Leben gezeichneten Außenseiter, die eher auf Umwegen das Universum retten. Wäre ich 30 Jahre jünger, wäre das mein "Star Wars" - trotz eines Plus an augenzwinkernden Humors, den George Lucas ja nie konnte. Und der Soundtrack - eine krude Sammlung meist furchtbarer 70er- und 80er-Jahre-Pop-Nummern - ist derart grandios, dass er in jeden guten Haushalt gehört!

Sonntag, 14. Dezember 2014

Lieber ein Ende mit Schrecken…

Das war's dann. Das Ende der angeblich letzten großen Samstagabendshow. In den folgenden Tagen werden sich die Feuilletonisten schwitzend die Hirnwindungen trocken drücken, um auch wirklich ganz sicher sämtliche Wortspiele mit "Lanz", "Wetten" oder "Flieger" ins Netz und aufs Papier zu kriegen. Allein: Der Grund dafür ist die Mühe nicht wert.

Furchtbar war sie, die letzte "Wetten, dass..?"-Sendung - nicht vor der Sommerpause oder den Malle-Außendrehs, sondern glücklicherweise für immer. Und zwar im Wortsinn, denn voller Furcht wartete man darauf, dass sich Markus Lanz mit Wonne ins nächste Fettnäpfchen warf. Auch Fremdscham ist nämlich nur in kleinen Dosen zu ertragen. "Lanz" ist jedoch längst die Maßeinheit, in der eine Überdosis gemessen wird. Andererseits macht es natürlich Spaß, auf ein leichtes Ziel zu ballern. Haben wir auch getan, auf Twitter, wo Hashtags wie #lanzchristmas die Runde machten. Und zwar nicht wegen der "verdammten Klickzahlen" (Markus Lanz über das Internet), sondern weil dieser Mist eben nicht "sehr, sehr vielen Menschen Freude macht" (Markus Lanz über die Show, die er an die Wand gefahren hat). Der Mann hat es verdient, öffentlich angegriffen zu werden, voller Bosheit und Zynismus, weil er es wagt, seine Arroganz in eben diese Öffentlichkeit zu tragen.

Wie war er denn nun, der Abgesang auf eine angebliche Ära? Es folgt keine detaillierte Analyse, kein hämisches Sezieren all der schlimmen Dinge, mit denen diese letzte Sendung nicht eben geizte. Es sei vielmehr auf drei Punkte hingewiesen, an denen sich das Grauen, mit dem das Zweite uns fortan zu verschonen gedenkt, festmachen lässt:

1. Ben Stiller. Der Gute ist Komiker und hat das Pech, ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit den dritten Teil seiner familientauglichen Schenkelklopfer-Reihe "Nachts im Museum" ins Kino zu bringen. Gut für den Geldbeutel, schlecht für die Abendgestaltung. Denn um einen neuen Film zu bewerben, muss man in der alten Welt durchs Fegefeuer, und das befindet sich ziemlich exakt auf jener Couch, auf der in den vergangenen drei Jahrzehnten schon so mancher Hollywoodstar vor sich hin dämmerte. Man kann Stiller indes nicht vorwerfen, gute Miene zum bösen Spiel gemacht zu haben. Ob Tom Hanks oder Will Arnett ihn nun gewarnt haben oder nicht - seine Art, mit der irritierend gackernden Gruppe euphorisierter Unbekannter umzugehen, in deren Mitte er ausharren musste, bis das eingangs erwähnte Sicherheitswort "Flieger" fiel, war folgende: Er tat einfach nichts. Mit versteinertem Gesichtsausdruck und ohne den Versuch, das klassische amerikanisch-oberflächliche Grinsen zu imitieren, ließ er die Sendung an sich vorbeiziehen. Nur einmal lachte er, es wirkte sogar ehrlich und von Herzen. Das war, als er fliehen durfte. Es ist davon auszugehen, dass er zur Garderobe gerannt ist, ohne sich umzudrehen.

2. Die Musik. Die Fantastischen Vier haben immer gute Laune (zumindest drei Viertel von ihnen), und man nimmt es ihnen sogar ab. Es war ihnen ganz offensichtlich wurscht, dass sie gerade der allerletzten "Wetten, dass..?"-Ausgabe beiwohnten. Das macht sie noch sympathischer. Deswegen soll es an dieser Stelle auch um zwei andere musikalische Gäste gehen. Um noch einmal zu verdeutlichen, wie wenig ihnen das einstige Flaggschiff auf den letzten Metern noch am Herzen liegt, hatten die Verantwortlichen nämlich das Langweiligste und Konformste eingeladen, was aufzutreiben war: Engelchen und Teufelchen. Die Bundes-Helene hauchte irgendwas Festliches, das klang wie "Atemlos" nach einer großen Packung Valium, also noch grauenhafter. Und der Graf (c) gab ganz zum Schluss den Rauswerfer, mit der gewohnten Gothic/Schlager-Grütze, die sich natürlich anhörte wie sein Hit, sich aber irgendwie um Abschied drehte. Er hört nämlich ebenfalls auf. Halleluja.

3. Samuel Koch. Es fällt schwer, in Worte zu fassen, was in einem wühlte, als Lanz den querschnittsgelähmten Schauspieler... nein, eben nicht interviewte. Er führte ihn vor. Man war wirklich froh, dass er ihn nicht bat, doch mal rasch zu demonstrieren, was er noch alles kann, weil doch bald Weihnachten ist und das sehr, sehr vielen Menschen Freude machen würde und so. Oder um zu zeigen, dass es halb so wild ist, wenn man nach einer misslungenen Wette im Rollstuhl sitzt. Ist doch alles nur Spaß. Koch reagierte souverän, verwies darauf, dass Lanz sich zweimal nach seinem Gesundheitszustand erkundigt habe, und fragte zurück: "Und selbst?" Kurz: Wenn Til Schweiger neben einem sympathisch wirkt, macht man als Moderator etwas falsch und nicht sehr, sehr vielen Menschen Freude. Es fragt sich, weshalb die Produzenten einen Trampel wie Markus Lanz Slalom laufen lassen. Absicht? Bösartigkeit? Hat gar jemand hinter den Kulissen abgeklatscht, als er dem sehbehinderten Wettkandidaten eine Sichtschutzbrille aufdrängte? Da hatte Koch ja fast Glück. Dafür, dass er genau das ausstrahlt, hat er übrigens den stehenden Applaus durchaus verdient.

Nach einer zähen letzten Wette und dem so verzweifelten wie vergeblichen Bemühen, etwas pathetische Abschiedsstimmung aufkommen zu lassen, erwähnte Lanz vor dem Unheilig-Auftritt noch einmal jene "Ära", die nun Ende sei. Als ob so etwas immer ein Grund zur Trauer wäre. Der Eiszeit oder dem finsteren Mittelalter hat bestimmt auch niemand nachgeweint.

Dienstag, 9. September 2014

Herzensangelegenheiten

Manchmal erwischt es einen aus heiterem Himmel. Schlägt in den Hinterkopf ein und bleibt dort eine Weile. Man wird ihn nicht los, den Ohrwurm - oder besser: das Lieblingslied.

Andererseits: Obwohl es sich im Kopf abspielt (im Wortsinn), spielt der eigentlich keine Rolle. Es ist weniger der Verstand, sondern mehr das Herz, das sich mit dem Song beschäftigt. In der Birne drehen wir den Refrain hin und her, die Lippen singen leise den Text mit, aber die Melodie hat unsere Seele im Griff.

Woher der Blitz kommt, ist auch in unserem aufgeklärten Zeitalter übrigens noch völlig unerforscht. Zwar beschäftigen sich Musikwissenschaftler und Psychologen seit Jahrzehnten mit diesem Phänomen, aber Antworten auf diese ohnehin relativ irrelevante Frage haben sie nicht. Nehmen wir doch einfach hin, dass es plötzlich da ist, das Lied. Vielleicht entstammt es einer Erinnerung oder einem Traum, vielleicht lief es irgendwann irgendwo im Hintergrund, und wir haben es gar nicht beachtet. Wichtig ist nur: Es ist da, und es geht erstmal nicht wieder weg.

Glücklich sind jene, bei denen tatsächlich ein neues oder altes Lieblingslied durchs Unterbewusstsein spukt und kein aggressives Melodiemonster aus der Hölle. Dann nämlich frisst sich der Ohrwurm weiter bis in die Eingeweide, wo er bestenfalls Brechreiz auslöst. Bleiben wir also lieber bei der positiven Variante.

"She'll turn her music on you, you won't have to think twice", raunt gerade völlig richtig eine Stimme in mir, die das Feuilleton als "Reibeisenstimme" bezeichnen würde. Ich umgehe mal solche Phrasen aus meiner beruflichen Vergangenheit und umschreibe es lieber: Eine tolle Stimme ist das, von einer Frau, die offenbar gelebt und erlebt hat, sie klingt selbstbewusst, standhaft und sexy. Von Kim Carnes - so heißt die Sängerin - wusste ich bislang nur, dass sie in den 70ern und 80ern als attraktive Blondine galt und streng genommen ein One Hit Wonder ist. "Bette Davis Eyes" hat es auf manche Sammlung von "Rock-Klassikern" (noch ein Begriff aus dem Kulturseiten-Phrasengiftschrank) geschafft, weil das Lied Anfang der 80er ein weltweiter Hit war.

Mir fällt spontan keine Frau ein, deren Augen ich mit denen von Bette Davis vergleichen würde. Trotzdem summe ich die Melodie seit zwei Tagen vor mich hin, und wenn ich allein im Auto sitze, singe ich zumindest den Refrain mit. In Gesellschaft geht das nicht, denn meine Stimme klingt nicht selbstbewusst, standhaft und sexy, sondern scheiße. (Obwohl auch ich gelebt und erlebt habe.)

"She'll take a tumble on you, roll you like you were dice." Gern. Zumindest ein paar Tage lang. Bis es wieder blitzt.

Montag, 18. August 2014

Herzensangelegenheiten

"Wir müssen reden", sagt Sven Regener und hat offensichtlich bereits damit angefangen. "Finde ich nicht", sage ich und sehe nicht von meiner Zeitung auf. (Manchmal lese ich Zeitungen.) "Ich habe vor, meine Grenzen auszuloten", höre ich hinter dem bewusst lauten Rascheln der gedruckten Nachrichten, "denn Stillstand ist Rückschritt." Ich ärgere mich darüber, dass er einfach weiterspricht, noch mehr aber stört mich der gewohnt phrasenlastige Inhalt des Gesprochenen. Am meisten jedoch macht mich sauer, dass ich nun tatsächlich wissen will, was zur Hölle mein Mieter damit meint.

"Ziehst du aus?", frage ich daher, ohne jede Hoffnung auf eine positive Antwort. "Was? Nein. Keine Sorge." Sven Regener meint das ernst. Er meint fast alles ernst. "Aber ich will ein bisschen über den Tellerrand gucken. Auch musikalisch. Und mich interessiert, was du davon hältst." "...weil ich nicht fliehen kann", ergänze ich murmelnd. Und ärgere mich schon wieder. Lauter und etwas boshaft füge ich daher hinzu: "Aber deine Fans mögen, was du so machst. Sie wollen die immer gleichen Geschichten über Rotwein und Rosen und nassen Asphalt und den ganzen Quatsch." "Eben", hält er dagegen, gemessen an seiner hanseatischen Gelassenheit fast aufgeregt. "Deshalb mache ich ja jetzt etwas völlig anderes."

Ich erinnere mich daran, noch am Morgen nervige Trompetenklänge aus dem Heizungskeller gehört zu haben. So sehr anders kann das also kaum werden, was Sven Regener da ausbrütet. Ich lasse endgültig die Zeitung sinken und sehe, dass er eine Lederjacke trägt. Und eine Sonnenbrille. Offenbar genügt mein Blick, um ihn die unausgesprochene Frage wiederholen zu lassen: "Du fragst dich, was das soll..." "Nein", unterbreche ich ihn, "ich frage dich, was das soll." Er nimmt die Sonnenbrille ab und zwinkert Richtung Deckenbeleuchtung. "Ich hab einfach keinen Bock mehr darauf, für alle immer der intellektuelle Chansonnier und Schriftsteller zu sein. Ich will runter, zum Bodensatz der Populärmusik. Ich will rocken!" Ich überlege kurz, ob ich ihn darauf hinweise, dass es möglicherweise ein Gesetz dagegen gibt, die Worte "Chansonnier" und "Populärmusik" so kurz vor dem Verb "rocken" zu verwenden. Oder dass es dieses Gesetz zumindest geben sollte. Ich denke an Heino, an Jan Delay und daran, wie sich eine Stromgitarre in meinem Heizungskeller anhören könnte. Ich rechne im Kopf durch, welche Auswirkungen der Verlust der eher unregelmäßig gezahlten Miete eines Bremer Sängers und Autors auf meine monatliche Finanzplanung hätte. Dann fällt mir ein, dass ich gar keine Finanzplanung mache, schon gar nicht monatlich.

"Herzlichen Glückwunsch", sage ich. "Diesmal hast du es geschafft." Sven Regener wohnt jetzt nicht mehr in meinem Heizungskeller.

Neulich habe ich ihn in der Talkshow eines so genannten "dritten Programms" gesehen. Es ging um Ehrlichkeit. Er stellte sein neues Album "Element of Rock" vor, auf dem er und seine Band unter anderem "Rock you like a hurricane" und "We will rock you" spielen. Mit deutschen Texten. Ich schaltete den Fernseher aus und griff zur Zeitung. Alles richtig gemacht. Ganz ehrlich.


Teil eins der Sven-Regener-Trilogie gibt es hier. Teil zwei hier.
Und mehr zum Thema gibt's hier.

Samstag, 19. Juli 2014

Herzensangelegenheiten

Wenn ich an der Macht bin, kommen sie alle auf die Baumwollfelder, die feindseligen Frevler, die das Wort "Rock" missbrauchen. Versprochen. Es gibt nämlich genau zwei korrekte Definitionen dieses viel zu häufig und viel zu gern falsch verwendeten Begriffs.

Die eine beschreibt ein Kleidungsstück, das nicht nur von traditionsbewussten Schotten getragen wird. Die andere lässt sich am besten erläutern, indem man erklärt, was sie keinesfalls aussagt, unter keinen Umständen und noch nie. Der Begriff "Rock" steht für nichts, was Zeitgenossen wie Heinz Georg Kramm oder Jan Phillip Eißfeldt je gemacht haben.

"Denn es liegt wohl im Trend, dass jeder, der das Wort kennt, nicht mehr ganz genau weiß, was Rock eigentlich heißt", mahnten bereits die Sportfreunde Stiller. (Die dieses Jahr übrigens glücklicherweise erkannt haben, dass die Zahl 2014 in kein Reimschema passt.) Und da liegt der Hase im Pfeffer beziehungsweise in erwähntem Baumwollfeld. Wenn ein Volksmusikbarde wie Heino auf einmal in G'n'R-artigen T-Shirts rumläuft (die er vermutlich Leibchen nennt) und einen Totenkopfring trägt, wie er allenfalls Keith Richards oder Billy Gibbons zusteht, hat das mit Rock soviel zu tun wie das Album "Hammer & Michel". Monatelang hatte Jan Delay gehofft, sein Panik-Pate Udo habe ihm mehr mitgegeben als die Bestätigung, dass Hüte irgendwie doch gehen. Leider war dem nicht so. Zwar ließ der Beginner-Boss keine Gelegenheit aus, in irgendein Mikro die Namen klassischer Rockbands zu quäken. Letztlich klang der Grund seiner Bemühungen trotz Titeln wie "Scorpions-Ballade" oder gar "Wacken" aber bestenfalls, als habe seine übliche Funk-Kapelle den Bläsern mal 'nen freien Abend gegönnt. Oder wie der verzweifelte, aber halbherzige Versuch, das Konzept von Selig einfach zu wiederholen. (Und die waren bereits retro.) Heino, der übrigens teils die gleichen Lieder nachspielte, die kurz zuvor der ähnlich fürchterbare Gunter Gabriel aufgenommen hatte, tat indes, wie ihm geheißen. War er bislang "der erste Grüne", so gab er nun den "echten Rocker". Kein Talkshow-Sofa, kein Infotainment-Auswurf war vor ihm sicher.

Gekrönt wurde das Drama mit einem öffentlich ausgetragenen Schaukampf der beiden selbsternannten Rock-Giganten - ähnlich subtil wie die Sage, irgendwelche Originalinterpreten hätten Herrn Kramm (lässt sich herrrrrlich rrrrrollen) verklagt. Tatsächlich war den Ärzten oder Westernhagen natürlich herzlich schnuppe, wer da ein paar Zusatzeuros in die Kleingeldkasse schaufelt. Und Herrn Delay sowieso. Gemeinsam pinkelten sie also auf die Gräber der Götter, Brüder im spukenden Geiste und vereint durch ihr Wappentier, die Sonnenbrille. Und unter steter Bewässerung rotierten die wahren Rocker, deren Namen nicht in einem Atemzug mit ihren Grabschändern genannt werden sollen.

Wie gut, dass die Überlebenden von all dem nichts mitbekamen. In Übersee, auf der Insel und in Skandinavien kennt nämlich keine Sau den wahren Heino und den Mann, der nicht möchte, dass ihr seine Lieder singt. Und auch dort nicht, wo der Pfeffer wächst, wo Hase und Baumwollfeld sich gute Nacht sagen. Wortmissbrauch und Leichenschändung. Wartet's nur ab!

Sonntag, 18. Mai 2014

Herzensangelegenheiten

"H.R. Giger ist tot. Und Blumfeld sind zurück. Kein guter Tag." Diese Nachricht erreichte neulich mich und mit Verzögerung auch mein Hirn. Wobei mich der zweite Satz noch etwas mehr beunruhigte als der erste.

"Der Rock'n'Roll endet hier", hatte der Rolling Stone seinerzeit getitelt, als die Band um Jochen Distelmeyer ihren völlig unverdienten Durchbruch schaffte. Und der große Bernd Begemann empfahl: "Fühl dich nicht ständig betroffen, Jochen." Beides half nichts. Von allen Seiten kamen sie und erzählten mir, wie kaum fassbar gut Blumfeld doch seien, und auf dem Schulhof sah ich mich plötzlich zufallssolidarisiert mit einem eher prolligen Metal-Drummer, der sich den Namen der Band nicht merken konnte oder wollte und sie immer "Blumenfeld" nannte.

Ich war ohnehin kein besonders großer Anhänger der Hamburger Schule, mochte aber, wie Die Sterne groovten, und war davon überzeugt, dass Tocotronic ihre Texte für mich geschrieben hatten. Aber Blumfeld? Distelmeyer drückte schon durch seinen verkniffenen Gesichtsausdruck aus, dass er einen ominösen "Anspruch" hatte, er sich mehr als dichtenden Deichgrafen verstand, der auf das Geschehen unter ihm mit der gleichen Verachtung herabsah wie ein Oberstufen-Musterschüler auf die naiven Neulinge auf der anderen Seite des Flurs. Dort allerdings war ich zu Hause, obwohl kaum noch naiv und nicht mehr neu in der Welt der Musik. Und ich schützte mich vor der Welle der Begeisterung, die das Blumfeld-Debüt "Ich-Maschine" unter den euphorisierten Mitläufern in meinem Bekanntenkreis entfachte, mit Ignoranz.

Rein dienstlich musste ich mich Distelmeyers Diskurs-Disco sogar mehrfach live und direkt entgegenstellen. Ansonsten hielt ich einfach die Klappe, wenn um mich herum darüber debattiert wurde, wie lebensverändernd die Texte des Wahl-Hamburgers (pah!) doch seien. Die klangen dann so: "Und hör nicht auf Prozess und Technik und mich selbst zu buchstabieren, Zeiträume neu im Sinn von weiter formulieren." Was zum..?! Wer singt denn sowas? Das kann man schreiben, meinetwegen, und gern auch lesen. Aber nichts davon hörte sich an, als sei es tatsächlich zu dem  Zweck verfasst worden, als Liedtext Verwendung zu finden. Dementsprechend nichtssagend fiel denn auch die musikalische Begleitung der mal schalen, mal verkopften, immer öden Lyrik des "Meisters" aus. "Verstärker" (so heißt das Lied, aus dem das Zitat stammt) kam als Gitarren-Fingerübung daher, gespielt von Menschen, die gerade eben entdeckt haben, was eine Rückkopplung ist, und die Smashing Pumpkins leider falsch verstehen. Und das war auch schon das Maximum an Rock, an Rebellion und Radau, zu dem Blumfeld fähig waren.

Ich weiß natürlich, dass nichts davon tatsächlich zu den selbstgesteckten Zielen von Dichter Jochen und seinen Gefolgsleuten gehörte. Aber zu meinen - damals und manchmal noch heute. Und das bringt uns zur Gegenwart: Im Spätsommer touren Blumfeld wieder durch die Republik. Das mag manchen freuen - obwohl: Denkt wirklich jemand verzückt daran, wie toll es einst war, Texte nicht zu kapieren und von Musik nicht gepackt zu werden? Mich jedenfalls freut es nicht, heute wie damals ist mir die literarisch bewegte Band egal, aber immerhin nicht mehr egal genug, um zu schweigen.

Ich wünsche Jochen Distelmeyer alles Gute, politisch steht er ja auf der richtigen Seite des Flurs. Meinetwegen darf seine Konzertreise auch zum Triumphzug werden, sollen seine an die Münchener Freiheit erinnernden Spätwerke auch ruhig nochmal in die Charts einziehen. Ich bleibe bei meiner Meinung: Der soll doch ein Buch schreiben! Hm. Vielleicht haben wir ja doch was gemeinsam...