Donnerstag, 25. April 2024

Der Leihwagen (1)

Vor sieben, sechs und fünf Jahren schrieb ich meinen Facebook-Erinnerungen zufolge, einen „grandiosen Scheißtag“ zu haben. Nun, das ist heute nicht anders.

Während einer langen Dienstfahrt bemerkte ich, dass etwas mit den Bremsen meines Autos nicht stimmt. Also fuhr ich auf dem Heimweg zu einer Werkstatt. Dort sicherte man mir rasche Hilfe zu und überließ mir einen Leihwagen. Diesen solle ich vollgetankt zurückbringen. Ich wohne zwei Kilometer entfernt, daher dürften sich diese Unkosten als zumutbar erweisen. Dachte ich.

Doch - siehe Foto - der Tank ist leer. Zur Ehrenrettung der Werkstatt: Man sah den Fehler sofort ein, zahlen muss ich nichts.

Das freut meine Geldbörse. Vor lauter Begeisterung ist sie ins Klo gefallen.

Was für ein grandioser Scheißtag.

Samstag, 20. April 2024

Kommen wir zum Sport

Ich habe beruflich ziemlich genau zweimal mit Promis aus dem Sport telefoniert: Einmal mit der Ehefrau von René Weller und einmal mit Eike Immel. Dieser sollte im Kirchhainer Amtsgericht als Zeuge aussagen - worum es genau ging, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall tauchte der einstige Nationaltorwart und gebürtige Stadtallendorfer nicht auf. Hängende Schultern also bei der versammelten Pressemeute. Nur zwei von uns ließen sich nicht entmutigen. Der Kollege vom HR interviewte kurzerhand einen anwesenden Stadtallendorfer Stadtverordneten der Republikaner, der behauptete, mit Immel befreundet zu sein. Und ich rief bei RTL an, denn Immel hatte kurz vorher im Dschungelcamp gesessen.

Glücklicherweise hatte ich einen Praktikanten dran, der mir bereitwillig Immels Mobilnummer gab. Ich ärgere mich bis heute, diese nicht mehr zu besitzen und nicht nach weiteren gefragt zu haben. Ich erreichte Eike Immel im Auto, auf der Heimfahrt - dem Vernehmen nach war er dem Rat seines Anwalts gefolgt und hatte auf halber Strecke kehrtgemacht. Netter Kerl, relativ schlichtes Gemüt, überraschend auskunftsfreudig. Er erzählte schon damals von massiven finanziellen Problemen.

Natürlich fragte ich ihn auch nach seiner angeblichen Freundschaft mit einem örtlichen Rechtsaußen. Es stellte sich heraus, dass er den gar nicht kannte. Daher entsetzte ihn, dass ein entsprechendes Zitat wohl am Abend in der Hessenschau zu hören sein würde: "Hab ich nicht schon genug Probleme?"

Und das war er auch schon, mein Ausflug in die Welt der Sportprominenz. Nächste Woche erzähle ich vielleicht, wie ich Wellers heutiger Witwe am Telefon ausreden konnte, meinen Verlag zu verklagen...

Freitag, 19. April 2024

Beim Essen

Seit drei Wochen verzichte ich auf Kohlenhydrate. (Das bringt mit sich, dass ich meine Bemühungen, meinen Fleischverzehr zu reduzieren, zumindest vorläufig aufgegeben habe - also scrollen Veggies und Veganer bitte mal weiter. 🙂) Morgens trinke ich einen Proteinshake (dessen industrielle Hintergründe ich einstweilen bewusst nicht hinterfrage) und einen Ingwer-Shot. Mittags esse ich Salat und Geflügel, abends Gemüse und manchmal eine Wurst oder ein kleines Steak. Und ich versuche, jeden Tag Workout zu machen. Meist erfolgreich.

Zwar sehe nicht aus wie der Suppenkasper am letzten Tag und auch (noch) nicht wie Dwayne Johnson vor Beginn von Dreharbeiten. Aber immerhin so, dass mein Orthopäde mir am Mittwoch attestierte, fitter zu wirken als vor drei Monaten. Außerdem rutscht mir die Hose, ich komme schneller aus meinem Kleinwagen, bin nicht mehr außer Atem, habe weniger Rückenschmerzen, fühle mich besser.

Wie anstrengend ist das? Eigentlich gar nicht so sehr. Beim Trekdinner Mittelhessen habe ich mir eine Pizza und eine Panna cotta gegönnt, ansonsten lasse ich beim Salat in der Kneipe sogar die Croutons auf dem Teller. Anfang der Woche hatte ich unfassbar Bock auf ein einfaches Brötchen (blieb aber standhaft). Als Alternative zu einem frühen Ableben ist Selbstdisziplin ganz okay.

Denn machen wir uns nichts vor. werte Mitkrüstchen und -greise: Mit Mitte 20 kann man futtern, was man will, und auf der Couch leben. Aber irgendwann muss man was tun, um sich gut zu fühlen.

Und gut fühlt sich gut an.

Sonntag, 24. März 2024

Auf dem Mond

Er atmete tief ein und wieder aus. Die Innenseite seines Visiers beschlug. Für einen Moment schloss er die Augen und konzentrierte sich. Den ersten Spruch hatte er fehlerfrei aufgesagt. Die Technik funktionierte reibungslos. Alles in Ordnung. Nun stand der aufregende Teil seiner Mission an.

Er trat ins Freie und bewegte sich unendlich langsam voran. Aus dem Augenwinkel sah er den tiefschwarzen Himmel. Auch er war unendlich. Und zwar wörtlich.

Als sein Stiefel den Boden berührte, beschleunigte sich sein Puls. Er hatte sich lange auf diesen Tag vorbereitet. Was sollte er nochmal sagen? Dann fielen ihm die Worte wieder ein. Über Funk hörte er seine eigene Stimme: "That’s one small step for man… one… giant leap for mankind."

Verdammt. Versprochen. Und Millionen Menschen dort unten hatten es gehört.

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Ein Held

"Helden werden nicht geboren. Man entscheidet sich, ein Held zu sein." Für Sätze wie diese liebte Alex seine Comics. Sie gaben ihm Kraft. Lenkten ihn ab von der Realität.

Die war kalt und grau, als er durch das verschneite Bitterfeld stapfte. Er knüllte das zerfledderte Heft in die Tasche seines Parkas und zog die Kapuze über. Leichte Flocken wehten in der Dunkelheit vorbei. Dahinter stand eine Gestalt, noch größer und breiter als er selbst. "Hoho, Kamerad", grüßte Otze. Alex nickte zurück. Gemeinsam marschierten sie durch die Stadt, hinterließen tiefe Abdrücke im schmutzigen Weiß. Auf zum Flüchtlingsheim.

Juri wusste nichts von den beiden wuchtigen Kerlen, die sich ihm näherten. Er wusste nichts von Hass und Wut, aber Angst und Sorgen kannte er. Seine Mutter, die beiden Schwestern und er waren vor dem Krieg geflohen. Der erste Nikolaustag in der Fremde. Kälte innen und außen. Eigentlich sollte er längst wieder im Haus sein. Es war schon dunkel. Plötzlich fielen zwei riesige Schatten ins Licht der Straßenlaterne.

„Verpiss dich“, grunzte Otze. Sein Blick war voller Verachtung, in der Faust hatte er den Baseballschläger. Geschüttelt vor Zorn starrte er den kleinen Jungen an. Dann griff er die Holzkeule fester und hob den Arm.

Als er seine ersten Comics gelesen hatte, war er ein kleiner Junge. Daran dachte Alex, als er Juri sah. Auch er hatte gern im Schnee gespielt. Auch er war oft allein. Er hörte Otze grunzen. Den Arm heben. Dann krachte es, ein schmerzerfüllter Schrei, ein Sturz.

Als Juri davonlief und Otze blutend am Boden lag, fiel der Comic aus Alex' Jackentasche. Der Schnee durchnässte das Papier, der Wind blätterte die Seiten auf. „Helden werden nicht geboren“, stand da. Alex atmete die kalte Winterluft ein und rieb seine schmerzende Faust. "Man entscheidet sich, ein Held zu sein."

Sonntag, 3. Dezember 2023

Im Moment

"Ich habe nicht viel Zeit. Haben wir nie."

"Das ist schade. Es war schön mit dir."

"Und darum wirst du mich auch nie vergessen."

"Aber wie ist dein Name?"

"Ich habe keinen Namen."

"Und was bist du?"

"Nur ein Augenblick."

Freitag, 22. September 2023

Endzeit

Die Apokalypse dauerte nun schon fünf Tage. Das war einerseits eine lange Zeit, wenn man wie Jake und Billy ums Überleben kämpfte. Andererseits war es erstaunlich, dass die Welt sich in diesen wenigen Tagen in eine Ödnis aus Trümmern und Müll verwandelt hatte.

Inzwischen kannten sie die Regeln: Die Infektion wurde durch Bisse übertragen. Infizierte verloren komplett die Kontrolle über sich, schlugen, traten und schnappten nach allem, was sie sahen. Auf diese Weise hatte das Virus sehr schnell den größten Teil der Weltbevölkerung erreicht. So zumindest wurde es bis vorgestern erklärt, seitdem gab es keine Nachrichten mehr.

Jake und Billy waren Freunde seit ihrer Kindheit. Beim Angeln waren sie von Infizierten überfallen worden und seitdem auf der Flucht. Zwei untrainierte Mittvierziger mit Angelausrüstung. Im Prinzip ein Snack für jeden Infizierten.

Kein Wunder, dass gerade gleich drei von ihnen auf sie zu rannten. Gierige Blicke voller Wut. Blutverschmierte Gesichter. „Aaaaargh“, schrieen sie, getrieben von Hunger und Zorn. "Pass auf", rief Jake. Billy duckte sich unbeholfen, was dazu führte, dass der erste Angreifer über einen Berg Schrott stolperte und sich selbst auf eine abgebrochene Metallstange spießte. "Wow", sagte Billy. "Das war knapp."

Die beiden anderen Infizierten packten Jake an der Jacke und zogen ihn zu Boden. Wieder dieses wütende "Aaaaargh". "Hilfe", brüllte er, während Billy ihm entgegen taumelte. Er hob ein Brett auf und schlug damit auf einen ihrer Gegner ein. Dieser - ein junger Mann, dem das halbe Gesicht fehlte - verlor das Gleichgewicht und rutschte nach hinten auf ein Autowrack zu. Krachend durchschlug sein Kopf die Windschutzscheibe.

Jake gelang es fast, sich loszureißen, als der verbliebene Infizierte ihm die Zähne in den Hals schlug. Blut spritzte, Jake schrie vor Überraschung und Schmerz. Billy warf das Brett auf den geifernden Angreifer und schnitt ihm dabei die Kehle auf. Dessen "Aaaargh" verwandelte sich in einen gurgelnden Laut, als er in die Knie ging.

"Oh nein", rief Billy und nahm Jake in den Arm. "Bleib bei mir, Kumpel." "Keine Sorge", murmelte Jake. "Selbst am Ende der Welt warst du immer mein bester Fraaaaargh!"

Montag, 18. September 2023

Zeit, Alter.

In den 70ern gab es Fernsehserien, die in den 50ern spielten und diese als komplett andere Welt zeigten. In den 80er Jahren gab es dasselbe mit den 60ern, in den 90ern mit den 70ern. Heißt: 20 Jahre machten seinerzeit einen deutlichen Unterschied - in Technik, Mode, Gesellschaft.

Wenn man sich heute Fotos oder Videos aus den 70ern bis 90ern anschaut, weiß man genau, aus welchem Jahrzehnt sie stammen. Jede Ära hatte ihre ganz speziellen Merkmale. Schlaghosen und Schulterpolster, karierte Hemden und karierte Tapeten - ihr wisst schon.

Wer an die 50er, 60er, 70er, 80er und 90er denkt, hat sofort ein Klischeebild im Kopf. Anzüge, Hippies, Punks, Stirnbänder, Techno. Bestimmte Dinge stehen für bestimmte Jahrzehnte.

Jetzt kommt's: Mit Beginn dieses Jahrtausends hat sich das geändert. Man erkennt in der Rückschau faktisch keinen Unterschied zwischen Aufnahmen aus dem Jahr 2002 und dem Jahr 2022. Sogar die Musik hat sich kaum verändert. Allenfalls technisch hat sich was getan, in erster Linie das Internet.

Woran liegt das? Wer erklärt es mir?