Mittwoch, 23. Dezember 2020
An Weihnachten
Sonntag, 20. Dezember 2020
Meine vierte Weihnachtsgeschichte
Meine vierte Weihnachtsgeschichte: Ich musste eine Weile überlegen, ehe mir tatsächlich ein weiteres weihnachtliches Erlebnis einfiel. Und ich bin gar nicht sicher, ob ich in der Erinnerung nicht vielleicht zwei Ereignisse zu einem mache oder einige Akteure falsch zuordne. Wenn man viele Winter erlebt hat, kommt das schon mal vor. Jedenfalls hat sich wohl Folgendes so oder so ähnlich zugetragen: Als meine Verwandtschaft noch deutlich umfangreicher besetzt war als heute, wurden die Feiertage bisweilen gemeinsam begangen. Man besuchte sich gegenseitig, es ging tatsächlich mehr um das Zusammensein als um Geschenke.
Es mag Ende der 80er Jahre gewesen sein, als eines jener Treffen bei uns zu Hause stattfand. Man platzierte sich gut gelaunt am Esstisch, um im gewohnten 30-minütigen Rhythmus ein Festtagsmahl einzunehmen. Weihnachten in dieser Konstellation bedeutete seinerzeit auch sinnlose Völlerei. Um dem juvenilen Jesus nicht nur durch stete Kalorienzufuhr, sondern auch angemessen erleuchtet zu huldigen, stapfte mein Vater als Herr des Hauses entschlossen auf unseren altgedienten Plastik-Christbaum zu und drehte an einer der elektrischen Kerzen, um selbigen in all seiner Spät-80er-Pracht erstrahlen zu lassen. Allein: Es blieb vergleichsweise dunkel. Nicht ein einziges der brandsicheren Kerzenimitate tat seinen Dienst. Natürlich konnte mein alter Herr als versierter Heimwerker das nicht auf sich sitzen lassen. Und so begann er, jede der etwa 50 kleinen Lampen einzeln zu untersuchen und mit seinem legendären Schraubendreher - der seit Jahrzehnten den Kampfnamen "der kleine Dicke" trug und noch immer trägt - abzuklopfen. Nach einer Weile trat mein ältester Bruder - seines Zeichens gelernter Elektriker - an seine Seite. Und kurz darauf sah sich der Kunststoffbaum umringt von einem halben Dutzend motivierter Experten, die ihn ausgiebig betrachteten und befingerten. Heller wurde es davon jedoch nicht.
Meine Nichte war damals zehn Jahre alt und hatte sich die Operation "Es werde Licht" die ganze Zeit über interessiert angeschaut. Nachdem sie zunächst ein halbes Stück des "Hühnerfutterkuchens" meiner Mutter (ich erkläre gerne auf Nachfrage, was das ist) gegessen hatte, deutete sie mit ihrer Gabel auf die Steckdose und äußerte einen Vorschlag: "Steckt doch mal den Stecker rein." Was soll ich sagen? Mit Strom funktioniert elektrisches Licht tatsächlich am besten. Und das war auch in den 80ern schon so.
Sonntag, 13. Dezember 2020
Meine dritte Weihnachtsgeschichte
Meine dritte Weihnachtsgeschichte: Irgendwann in den 90ern hatte der Nikolaus (der eigentlich der Weihnachtsmann war) offenbar sämtliche Orte auf der Welt persönlich besucht - als Ergänzung zu seinem etablierten Konzept, Geschenkpakete durch Schornsteine zu drücken. Nur ein kleines Dorf in Mittelhessen hatte er bislang ausgelassen.
Das konnte der örtliche Lebensmittelmarkt natürlich nicht hinnehmen und engagierte daher einen Nikomann-Stellvertreter, um die gleichfalls örtliche Landbevölkerung gar festlich zu unterhalten. Insbesondere der Nachwuchs sollte daran erinnert werden, dass es sich lohne, brav zu sein statt rebellisch. Am 6. Dezember wurde der Parkplatz des Unternehmens daher geräumt, sämtliche Einwohner versammelten sich, und zum vereinbarten Zeitpunkt landete ein Hubschrauber. An Bord: der Weihnachtslaus-Doppelgänger. Als dieser den Heli verließ, um die erwartungsvoll glühenden Kleinen zu begrüßen, dauerte es handgestoppte anderthalb Sekunden, bis das Gelände komplett entvölkert war. Die Kinder rannten brüllend zu ihren Eltern, überall Geschrei, Tränen, Panik. Selten war eine Idee der Marktleitung derart krachend gescheitert (und wir reden über einen Laden, in dem Südfrüchte unter "regional" einsortiert werden).
Statt eines beleibten älteren Herrn mit weißem Bart hatten die Organisatoren nämlich einen mageren Studenten angemietet. Und der trug nicht nur schlotternde rote Frotee-Bekleidung, sondern vor allem eine ebenso schlecht sitzende Plastikmaske, die sein Gesicht zu drei Vierteln bedeckte. Stellt euch Doctor Doom mit Fusselbart vor oder das Phantom der Oper in Quarantäne. Jedenfalls nichts, was aufgeregte Buben und Mädel im Äpfel- und Nüsserausch in feierliche Stimmung versetzt. Es war übrigens das letzte Mal, dass der Markt sowas an den Start brachte. Aber seitdem glaubt hier sowieso niemand mehr an den Dings... Niko... Weihnachts... wasauchimmer. Aber alle sind das ganze Jahr über brav. Bestimmt fällt mir noch eine vierte Geschichte ein, die aber ein anderes Mal erzählt werden soll.
Sonntag, 6. Dezember 2020
Meine zweite Weihnachtsgeschichte
Diese Geschichte spielt gar nicht in der Adventszeit, aber immerhin in einer Kirche und zwar im Sommer des Jahres 1986. Ich war 13 Jahre alt, und kurze Zeit darauf verließen meine Eltern und ich jene Kleinstadt am Main. Was im Übrigen nichts mit den geschilderten Ereignissen zu tun hatte, sondern damit, dass mein Vater die Frührente antrat und es ihn und seine Gattin in deren Heimat zog. In diesem Sommer jedenfalls war über ziemlich viel Gras gewachsen, glücklicherweise auch darüber, wie ich als gesprächiger Hirte das Krippenspiel ruiniert hatte. Einzig meine Mutter erinnerte sich noch Jahrzehnte später daran, aber das gehört wohl zu ihrem Job. Nun begab es sich also, dass für mich der zweite Schritt anstand, um ein vollwertiges Gemeindeglied (so nannten die das wirklich, da fehlt leider keine Silbe) zu werden. Zwar hatte ich das Krippenspiel der einen evangelischen Kirchengemeinde veredelt, aber nur, weil ich dort getauft worden war und meine Reli-Lehrerin die Inszenierung übernommen hatte. Denn eigentlich gehörte ich wegen eines Umzugs inzwischen zur anderen evangelischen Gemeinde - und dort sollte ich auch konfirmiert werden.
Für mich die Gelegenheit, meiner eigenen Legende ein erweitertes Publikum zu verschaffen. Und zwar folgendermaßen: Nachdem ich den offenbar traditionellen und obligatorischen Termin beim Fotografen hinter mich gebracht hatte, stand der Konfirmationsgottesdienst auf dem Programm. Die Fotos werdet ihr übrigens niemals sehen, denn ich versuche darauf augenscheinlich, "cool" zu gucken, was für einen pickeligen 13-Jährigen nicht nur kaum möglich, sondern zudem eine sehr dumme Idee ist. In meinem Kopf grinste ich wie Billy Idol, tatsächlich aber einfach nur schief. Zur Feier jedenfalls trugen wir, um das Ende des viel zu langen Konfirmandenunterrichts zu zelebrieren, alberne Klamotten und hatten genau zwei Gedanken in unseren pubertierenden Hirnen: 1. Wann gibt's die Kohle? 2. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Gut, Punkt zwei variierte bei uns zehn frommen Mädlein und Knaben. Und am Wortlaut erkennt ihr: Das ist eines der zehn Gebote. Eins davon musste sich jeder merken und nach Genuss von Messwein und Oblate vor versammelter Gemeinde aufsagen.
Die Reihenfolge war klar festgelegt, weil ein Mädchen in unserer Gruppe eine Lernbehinderung hatte und sich nur das erste Gebot merken konnte. Ich wusste also, solange ich Nummer acht drauf habe, ist alles gut. Gar nichts war gut. Etwa anderthalb Minuten vor Beginn der Show fiel der Guten nämlich auf, dass sie sich nicht das erste, sondern das zweite Gebot merken konnte. Jetzt wäre es ja pfiffig gewesen, sie einfach mit jemand anderem tauschen zu lassen. Aber stattdessen verschoben sich die aufzusagenden Gebote jeweils um eins. Statt der Sache mit dem Lügen war meine Aufgabe also nun die mit dem Haus. Ihr ahnt, was passierte. Als ich an der Reihe war, sagte ich laut und deutlich in die weihevolle Stille: "Du sollst nicht falsch Zeugnis... ach, Scheiße!" Dass ich danach perfekt das neunte Gebot aufsagte, ging ein wenig im anschließenden Tumult unter. Meiner erneut sehr dunkelrot angelaufenen Mutter gelang es übrigens, mir quer durch den Raum mit einem einzigen Blick zu signalisieren, dass sie gedachte, das fünfte Gebot ausnahmsweise zu ignorieren. Es war ein Fest. Spontan fällt mir gerade eine weitere, eine echte Weihnachtsgeschichte ein, aber diese soll ein anderes Mal erzählt werden.
Dienstag, 1. Dezember 2020
Auf der Jagd
Sonntag, 29. November 2020
Meine Weihnachtsgeschichte
Meine Kindheit habe ich in einer Kleinstadt im Rhein-Main-Gebiet verbracht. Für eine echte Stadt zu winzig und provinziell, für ein Dorf zu verbaut und hässlich. Das Leben fand hinter verrosteten Eisenzäunen statt. Gelebte Badesalz-Sketche. Im Alter von elf Jahren wurde ich genötigt, am Krippenspiel einer der beiden evangelischen Kirchengemeinden teilzunehmen. Ich gab wenig enthusiastisch, aber fein nuanciert den zweiten Schäfer von links. Einen Charakter, der durch bloße Präsenz überzeugte.
Auf der Bühne der Gemeindehalle stand eine Pappwand, die ebenfalls etwas darstellte, nämlich den Backstage-Bereich. Nachdem mein Kumpel Robert und ich unseren Auftritt bravourös hinter uns gebracht hatten, verbrachten wir die restliche Dauer des Stücks genau dort. Hinter einem Pappkarton. Auf der Bühne. Vor der die versammelte Gemeinde saß, inklusive sämtlicher Verwandter. Und unterhielten uns angeregt - unter anderem über den aktuellen "Die Spinne"-Comic und eine geplante Radtour. Angeregt und lautstark. Lauter als die eigentlichen Protagonisten, also des späteren Lattengustls erste Geburtstagsgäste. Auf das Publikum muss das mindestens befremdlich gewirkt haben. "Wer seid ihr, Reisende?" "Der Jürgen kommt auch!" "Wir sind die heiligen..." "... zu dritt isses auch lustiger!"
Vermutlich waren wir unserer Zeit voraus und unsere Zuhörer einfach noch nicht bereit für soviel Avantgarde. Wir selbst bekamen gar nicht mit, dass wir bis zur letzten Bankreihe gut zu hören waren. Ich verstand daher weder, warum meine Mutter mich später mit hochrotem Kopf - einer Mischung aus Wut und Scham - erst aus der Halle und dann nach Hause zerrte. Noch konnte ich mir erklären, weshalb die Gattin unseres Pfarrers, die gleichzeitig meine Reli-Lehrerin war, die gleiche Färbung angenommen hatte. Und was ich nicht mal ahnte: Anderthalb Jahre später sollte ich meine Vorstellung locker überbieten. In der anderen evangelischen Gemeinde. Wenn schon, denn schon. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.
Dienstag, 24. November 2020
Im Konzert
"Es geht eben nix über Livemusik", brüllte er ihr ins Ohr, um gegen die kreischenden Gitarren, wummernden Bässe und dröhnenden Drums anzukommen. "Ja", schrie sie zurück und erwiderte sein Grinsen. Gemeinsam stürzten sie verschwitzt nach vorne, genossen es, eins mit der Musik zu werden. Natürlich kannten sie jeden Text, sagen Zeile um Zeile mit und grölten ausgelassen den Refrain. Wenn sie ihre Haare schüttelten, flogen Schweißtropfen. Sie merkten gar nicht, wie anstrengend das Tanzen war, weil die Töne sie davontrugen, auf einer wilden Flamme, die im Rhythmus zuckte. Die grellen Lichter, die Lautstärke der Instrumente - direkt vor den Boxen zappelten sie ausgelassen zu ihren Lieblingssongs. Plötzlich klingelte es an der Haustür. Rasch griff sie zur Fernbedienung und stellte die Stereoanlage leiser, während er sein Hemd richtete, bevor dem Postboten öffnete. "Wir bestellen zuviel", meinte sie. "Alles aus Langeweile", gab er zu.
Sonntag, 8. November 2020
Im Herbst
"Ich trau mich nicht." Ängstlich guckte sie nach unten. Der Boden war kaum zu erkennen. "Ach was", sagte ihr Nachbar. "Du musst einfach nur loslassen. Ist ganz einfach. Haben Tausende vor dir gemacht. Und es wird auch langsam Zeit." Sie war nicht überzeugt. "Aber was passiert dann?", fragte sie. "Lande ich wirklich weich und treffe alte Freunde wieder?" Der Nachbar wurde ungeduldig. "Natürlich", meinte er. "Und wenn du Glück hast, lernst du vorher noch fliegen." Sie seufzte, nahm allen Mut zusammen und ließ los. Ein Windhauch erfasste sie, sie segelte mehrere Meter durch die Luft und rief: "Hui!" Dann landete sie ganz sanft auf dem Haufen der anderen Blätter und dachte ein letztes Wort: "Winter."