Mittwoch, 8. April 2020

Am Ende

"Sie haben die Wahl zwischen drei möglichen Szenarien", sagte der Besucher. "Vergessen Sie nicht: Ihre Entscheidung wird Realität."

"Fang schon an", knurrte sein Gegenüber. "Bringen wir's endlich hinter uns."

Einer der drei Arme des Besuchers drückte eine Taste. "Szenario eins: Alle sterben. Das Ende der Menschheit. Die Apokalypse, Sie wissen schon."

"Langweilig", sagte der andere. "Und nicht besonders originell."

"Szenario zwei", sagte der Besucher ungerührt und drückte eine weitere Taste. "Alles wird gut. Das Problem verschwindet. Überall herrschen Friede, Freude..."

"... Eierkuchen", unterbrach ihn sein Gesprächspartner. "Das ist ja noch langweiliger. Außerdem dauert es doch keine sechs Monate, bis die es wieder in den Sand setzen."

Der Besucher drückte die letzte Taste. "Szenario drei: Sie sind der einzige Überlebende. Niemand sonst. Nur Sie."

Sein Gast erhob sich aus dem Plastiksessel. "Gekauft", sagte er. Durch die ovalen Fenster des Raumschiffs sahen sie ein grelles Leuchten. Dann wurde es draußen dunkel. Und still. Der Mann ging zur Tür, die sich automatisch öffnete. Als er ins Freie trat, atmete er tief durch und lächelte. Er drehte sich noch einmal zum Besucher um. "Du wirkst nicht besonders überrascht."

"Natürlich nicht", sagte der Besucher. "Sie waren nie ein Teil der Gesellschaft Ihres Planeten. Fast ein Fremder wie ich. Hat man Ihnen das nie gesagt?"

Der Mann lachte bitter, als sein Weg durch die Einöde begann. "Oh doch, Kumpel", sagte er im Gehen. "Eigentlich andauernd."

Freitag, 27. März 2020

In naher Zukunft

Ein Auto hielt mit quietschenden Reifen. Die Tür ging auf, und ein kleiner alter Mann wurde hinausgeworfen. Er war noch nicht ganz vom regennassen Asphalt aufgestanden, als das Auto davon fuhr. Der Alte war sehr dünn, trug einen zerknitterten Anzug und lehnte sich erschöpft an ein Schaufenster. Als er sein Spiegelbild sah, zuckte er zusammen. Verwirrt dreht er sich um, zog eine zerknüllte Zeitung aus dem Mülleimer und zuckte erneut. "Dresden", dachte er. "Ausgerechnet."

... AUCH UNTER RECHTSEXPERTEN UND MEDIZINERN UMSTRITTEN. DAS VERFAHREN SIEHT VOR, DASS DAS BEWUSSTSEIN DER VERURTEILTEN VOLLSTÄNDIG IN EINEN KÜNSTLICHEN KÖRPER ÜBERTRAG...

"Jetzt mach doch mal das Scheißradio aus!" Willi war schlecht gelaunt wie immer und betrunken wie meistens. Wütend warf er die halbleere Bierdose nach seinem Kameraden. Otze, dessen kahlen Schädel er nur knapp verfehlt hatte, knurrte: "Halt die Fresse, ich will das hören."

... SEI DER ZWECK DER BESTRAFUNG, VOLKSVERHETZERN VOR AUGEN ZU FÜHREN, DASS ALLE MENSCHEN GLEICH SEIEN. AUS DIESEM GR...

"Lass uns lieber Neger klatschen", brüllte Willi. Er riss eine weitere Dose auf und trank sie mit drei Schlucken leer. Über sein lautes Rülpsen grunzte Otze: "Hast Recht - macht mehr Laune." Sie sprangen aus dem rostigen VW Bus und marschierten breitbeinig die nächtliche Straße runter.

Der alte Mann starrte wieder sein Spiegelbild an. "Ausgerechnet", dachte er erneut. Ein hagerer Greis starrte zurück, mit entsetzt aufgerissenen Augen, grauen Locken und dunkler Haut. Lautes Brüllen lenkte ihn ab. Von rechts näherten sich zwei breite Gestalten, kahlgeschorene Köpfe, einer schwenkte einen Baseballschläger. "Opa", rief der eine, "das ist heute nicht dein Tag!" Der andere ergänzte: "Sowas wie dich mögen wir hier gar nicht!"

Sie bauten sich vor dem kleineren Mann auf. "Na", fragte Willi drohend, "wie heißte denn, Negerlein?" Der Alte richtete sich auf. Trotz lag in seinem Blick, als er mit dem Fuß aufstampfte. Seine Antwort wurde von einem brutalen Schlag unterbrochen. "Mein Name ist Alice..."

Freitag, 20. März 2020

Zu Hause

"Ich werde dich Freitag nennen", verkündete er stolz, "weil heute Freitag ist."

"Lassen Sie mich sofort raus", antwortete sein Gegenüber verwirrt, "ich bin doch nur der Postbote."

Donnerstag, 19. März 2020

In Quarantäne

"Das kann nicht sein", sagte Schmidt. Hinter der Schutzbrille waren seine Augen weit aufgerissen, als er auf den großen Monitor starrte. "Du meinst: Das darf nicht sein", korrigierte Müller. Er kratzte sich die zerzausten Haare unter der Stoffhaube. "Und damit hast du leider Recht." Schmidt ließ sich in seinen Bürostuhl fallen. "Was machen wir jetzt?"

Sieben Jahre lang hatten sie an dem Computerprogramm gearbeitet, das ihnen bei der Lösung des größten Problems helfen sollte, mit dem die Menschheit sich je konfrontiert sah. Vor acht Jahren waren die ersten Fälle bekannt geworden. Anfangs haben wir noch Witze darüber gemacht, dachte Schmidt. Hamster und Klopapier. Sehr lustig. Er grinste schief, als er daran dachte, wie die Welt sich seitdem verändert hatte. Als die Zahl der Toten dramatisch anstieg, hatten die Menschen erkannt, dass sie zusammenarbeiten mussten. Zunächst hatte das bedeutet: Ausgangssperre, häusliche Quarantäne. In ihren geschützten Bunkern hatten sie dabei zugesehen, wie der Planet wieder grün wurde. Wo früher Kinder gespielt hatten, tobten nun junge Wölfe umher. Wo Hochhäuser in den Himmel geragt hatten, wuchsen dichte Wälder auf den Ruinen. Die Luft war so klar wie die Meere. Das Virus hatte eine Mauer zwischen der Erde und ihren ach so intelligenten Bewohnern gezogen. Der zweite Schritt war die Arbeit an einem Programm, das Antworten liefern sollte. Ein riesiger Rechner war mit dem geballten Wissen der klügsten Köpfe gefüttert worden. Sieben Jahre später, nachdem die Menschen sich fast an die künstlich erschaffene Nahrung, an die gefilterte Luft und an den Gedanken daran gewöhnt hatten, mangels körperlicher Nähe die letzte Generation ihrer Spezies zu sein, war es endlich soweit. Das Programm lief und gab ihnen eine Antwort auf all ihre Fragen.

"Ich weiß es nicht", unterbrach Müller die Gedanken seines Kollegen. Er blickte ihn durch die leicht beschlagene Glasscheibe an, die die beiden trennte, seit sie sich kannten. "Was schlägst du vor?" Schmidt stand auf. "Sie müssen es erfahren", sagte er mit fester Stimme. "Wir haben geschworen, für die Wahrheit einzutreten." Müller nickte. "Auch wenn sie weh tut." Beide sahen zu dem großen Monitor. In leuchtend grünen Buchstaben stand dort: "Virus: Human. Help: COVID-19. Program active."

Samstag, 14. März 2020

Zu Fuß

Schritt für Schritt ging er seinen Weg. Der Sand knirschte unter seinen Sohlen. Die Sonne brannte am Tag und machte Platz für die Kälte in der Nacht, damit er merkte, wie seine Zeit verstrich. Er konnte sich kaum daran erinnern, wann er losgegangen war. Oder warum. Eine Weile hatte er den Kadaver eines namenlosen Pferdes hinter sich hergezogen, um nicht ganz allein zu sein. Aber irgendwann war dieser zum Skelett geworden, und er hatte es einfach zurückgelassen. Irgendwo in der Wüste. Er war sicher, einige Male falsch abgebogen zu sein. Doch spielte das wirklich eine Rolle? Er ging seinen eigenen Weg, hatte sich vor langer Zeit verlaufen und setzte längst nur noch aus Gewohnheit einen Fuß vor den anderen. Nach dem, was er für Jahre hielt, verwandelte sich die sandige Landschaft um ihn herum irgendwann in eine blassgrüne Einöde. Vereinzelt zitterten trockene Zweige im Wind. Und einmal sah er eine bunte Blume, die tapfer ihre Blüte gerade hielt. Aber sie sah ihn nicht, und so ging er weiter. Das blasse Grün verschwand, die Wüste war wieder da. Sein Weg führte ihn geradeaus. Schritt für Schritt.

Montag, 2. März 2020

Drinnen

Kaboom. Dumpf tönten Rufe und Geräusche durch die milchigen Fenster. Als er mit einem Ärmel über die beschlagene Scheibe wischte, dachte er: "Perfekt isoliert. Genau wie ich." Nachdem die ersten Schreckensmeldungen über sein Mobiltelefon geflackert waren, hatte er sofort reagiert und es mit einer Bohrmaschine zerstört. Sein Keller war voller Konserven, Medikamente und Munition. Die Solaranlage auf dem stählernen Dach versorgte ihn mit Strom. Der Wasserbehälter war randvoll. Er konnte Monate allein überleben, und das tat er auch. Tagsüber schlief und trainierte er. Nachts saß er zusammengekauert neben der Sicherheitstür, sein Gewehr im Arm. Und lauschte der trügerischen Stille. Der Lärm am Tag war eindeutig: Die Welt, wie er sie gekannt hatte, gab es nicht mehr. Die Zivilisation war zusammengebrochen, es herrschten Gewalt und Anarchie. Während er seinen düsteren Gedanken nachhing und mürrisch auf einem Stück Trockenfleisch kaute,

wurde wenige Meter von seinem Betonbau entfernt ein weiteres Feuerwerk vorbereitet. Seit Monaten feierten die Menschen ausgelassen die neue Hoffnung für ihren Planeten. Weltweit waren sämtliche Kampfhandlungen aufgegeben worden. Jeder Staatschef und jede Regierungsorganisation hatten die Grenzen geöffnet und alles verfügbare Geld dazu verwandt, Lebensmittel und Medizin in die Hungerregionen und Krisengebiete zu fliegen. Wissenschaftler weltweit hatten gemeldet, dass die Umwelt sich mit überraschender Geschwindigkeit erholte. Die meisten Krankheiten galten als besiegt. Überall tanzten, lachten und feierten die Menschen in den Straßen. Das Funkeln des knallenden Feuerwerks leuchtete auf strahlenden Gesichtern. Kaboom.

Sonntag, 2. Februar 2020

Draußen

Die Dunkelheit war sein Freund. Sie schützte ihn vor der Welt. Aber das fahle Licht, das durch die Ritzen in der Tür in seine Kammer fiel, leuchtete verheißungsvoll. Und die Geräusche, die durch die gleichen Spalten zu hören waren, weckten seine Neugier. Hier kannte er jeden klammen Stein, hatte sämtliche vergilbten Bücher im verfallenen Regal gelesen, nahm den modrigen Gestank seines Zuhauses als vertraut wahr.

Da war noch mehr, das wusste er aus den alten Geschichten. Vielleicht würden die anderen ihn mögen, wenn er sich benahm wie sie, wie er es aus den Büchern gelernt hatte. Ich könnte einer von ihnen sein, dachte er, und sein Herz schlug schnell und laut, als er die knarrende Tür öffnete. Hab Mut, sagte er zu sich selbst, verließ mit schweren Schritten die düstere Kammer, die sein Zuhause war, und ging die lange Treppe hinunter. Da unten war Musik, viele Menschen sprachen durcheinander, einige lachten. Er atmete tief durch und betrat einen Saal, der so hell erleuchtet war, dass ihm die Augen brannten.

Plötzlich verstummten das Gelächter und die Gespräche, dann auch die Musik. Die fremden Menschen starrten ihn an, nicht erstaunt, sondern entsetzt. Kinder liefen weinend zu ihren Eltern. Einige der Erwachsenen schrien laut auf. Jemand übergab sich. Ein Mann griff sich eine Flasche und kam drohend auf ihn zu. Überrascht wich er zurück, verängstigt hielt er einen Arm vor sich und drehte das Gesicht weg.

Dann sah er es, als Spiegelbild in einem Fenster. Sah zum ersten Mal, wer er wirklich war. Was er war. Er war anders als sie, erschreckend anders. Es hatte keinen Sinn, sich einzureden, er könnte jemals einer von ihnen werden. Was hatte er sich nur eingebildet? Wie sollten sie etwas wie ihn akzeptieren? Wie hatte er nur glauben können, dass jemand für ihn die gleiche Neugier, dasselbe Interesse empfinden konnte, die ihn aus seiner Kammer getrieben hatten? Schweigend wandte er sich ab und humpelte verzweifelt die Stufen hinauf. Er torkelte in sein Zuhause und zog die schwere Tür hinter sich zu. Allein. Endlich. Die Dunkelheit war sein Freund.

Dienstag, 19. November 2019

Im Fratzenbuch

Vier Menschen stehen an der Bushaltestelle. Nach einer Weile zieht ein Mann mittleren Alters einen Stapel Fotos aus der Jacke, hält eines von ihnen hoch und ruft: "Ich hatte heute Mittag leckere Spaghetti!" Eine ältere Frau und ein Teenager mit Ziegenbart halten spontan ihre Daumen hoch, eine Mittzwanzigerin reagiert allerdings unwirsch: "Das Bild ist unscharf. Außerdem bin ich Veganerin." Der Ziegenbart hält sofort dagegen: "Blöde Schlampe! Ihr linksgrünversifften Greta-Jünger seit systemkonforme Lemminge!" Die Angesprochene korrigiert ihn: "Es heißt 'seid'."

Die Oma zieht ein erstauntes Gesicht, der Mann in den besten Jahren ein weiteres Foto aus der Tasche, das glücklicherweise ebenfalls unscharf ist. "Ich hatte eine Darmspiegelung", verkündet er lautstark. Die junge Frau und der Ziegenbart beleidigen wechselseitig ihre Eltern, die ältere Dame hebt abwechselnd ihren Daumen und kramt in ihrer Handtasche. Nachdem der mittelalte Mann der jungen Frau in der Beurteilung der Verwandtschaftsverhältnisse zwischen dem Ziegenbart und einer tatsächlichen Ziege zugestimmt hat, will dieser zunächst aggressiv widersprechen, wird aber dadurch abgelenkt, dass die ältere Frau nun ebenfalls ein Bild schwenkt. Es zeigt zwei Katzenbabys in Trikots von Bayern München. Ziegenbart und Mittelalter recken die Daumen, die jüngere Frau jauchzt verzückt, wendet allerdings ein, dass die Bayern ein "beschissener Verein gelangweilter Millionäre" seien. Der Herr im besten Alter hält sich aus der folgenden Diskussion zwischen den beiden Frauen und dem jungen Mann heraus, lässt die anderen aber wissen, sich nicht für Sport zu interessieren.

Während er unschlüssig auf seine beiden verbliebenen Fotos starrt - eine Röntgenaufnahme seines Innenohrs und ein lustig bearbeitetes Bild von Adolf Hitler und einem Primaten -, sagt der Bärtige, was er denkt: "Dank Merkels Goldstücken darf man ja nicht mehr sagen, was man denkt! Armes Deutschland!" Die Greisin hebt zunächst den Daumen, entscheidet sich dann aber dafür, diese Äußerung mit einem kryptischen Lachen zu quittieren. Die jüngere Frau malt einen kleinen Kothaufen mit Augen an die Bushaltestelle. Der ältere Mann verstaut seine Fotos wieder in der Jackentasche und geht davon aus, die Erinnerung daran sei im gleichen Moment verschwunden.

Der junge Mann lässt die Oma wissen: "Ich hatte auch mal ein Kätzchen. Aber Hunde sind besser. Kauf dir einen Hund." Der Bus kommt, alle steigen ein. Es ist die Linie Zuckerberg 19. Die Werbetafeln an der Außenseite zeigen Pasta, Katzenfutter, Alice Weidel und Hansi Flick.