Sonntag, 25. Juni 2017

Herzensangelegenheiten

Zwischen 1974 und 1989 war alles, was Queen veröffentlicht haben, in guten Momenten genial ("It's Late" auf "News Of The World", 1977) und in selbst in schlechten noch immer okay (das Album "Hot Space", 1982).

Ich bin Fan seit Mitte der 80er, nicht zuletzt, weil sie seinerzeit den Soundtrack zu einem meiner Lieblingsfilme geliefert haben: "Highlander" bzw. "A Kind Of Magic" (1986). Und nach wie vor passen vor allem die übertriebenen, aber auch die rockigen Sacken super in eine pathologisch riesige Tonträgersammlung, in der Napalm Death so zu Hause sind wie Cat Stevens und Cypress Hill ihren Platz finden wie John Coltrane.

ABER: So ziemlich alles, was die Band nach Freddies Ableben rausgebracht hat, sorgt bei mir zumindest für Stirnrunzeln. "Made In Heaven" (1995)? Bestenfalls eine Outtake-Sammlung. Tour und Platte mit Paul Rodgers? Wenigstens mutig und nicht auf Nummer sicher, aber letztlich nicht mein Ding, obwohl ich Free und Bad Company mag.

Und nun schon seit einiger Zeit Adam Lambert am Mikro... Ich hab mich gestern zum ersten Mal getraut, mir das anzugucken und vor allem -zuhören. Der Kleine kann singen, keine Frage, und der einzige Titel, den ich von ihm kenne ("Whataya Want From Me") ist okayer Pop. Auch hat er seinen Mercury genau studiert: Da sitzt jeder Schritt wie jeder Ton. Aber was soll die singende Percussion-Dame im Hintergrund? Und warum ist es noch immer ein namenloser Studio-Bassist, der da neben Brian auf der Bühne steht? Roger Taylor wirkt langsam müde, eventuell soll die Tante da ein bisschen was ausbügeln. Herr Lambert müht sich redlich, singt technisch souverän, wirkt aber auf mich wie ein übermotivierter Karaoke-Sänger (was er ja irgendwie auch ist).

Nur gitarrentechnisch ist alles im grünen Bereich: Dr. May zeigt mal kurz allen, die nach ihm kamen, wie sowas geht. Sein Gesang klingt allerdings sehr altersschwach. Die hätten sich einfach einen singenden Bassisten aus ihrer Altersgruppe schnappen und - zum Beispiel - als May, Taylor & Hughes oder meinetwegen Taylor, May & Sting touren sollen. Die alten Schoten spielen, sich das Studioalbum sparen und mit ein wenig mehr Würde altern...

So pinkeln sie gefühlt auf das Grab von jemandem, der das Ganze entweder gehasst ("I'm fuckin' dead, you morons!") oder geliebt ("Bring on the money, lads!") hätte. Das war mein Bombast-Rock-Wort zum Sonntag. Danke fürs Einschalten, Ihr Lester Bangs.

Sonntag, 18. Juni 2017

Mein Dogma (VI)

Eigentlich ist so ein Blog ja dazu da, etwas Persönliches mit der Welt zu teilen. Etwas, von dem man glaubt, dass es eben diese Welt interessieren könnte. Ich schreibe hier über Musik und seltener darüber, wie ich manche Situationen im Leben sehe. Weil ich mir zumindest theoretisch vorstellen kann, dass irgendjemand Spaß daran hat, das zu lesen. Oder dass es jemanden vielleicht zum Nachdenken bringt. Irgendwie ganz schön vermessen. Meine Meinung ist für den Lauf der Dinge etwa so relevant wie die der meisten Leute: kein bisschen. Andererseits gehört etwas Selbstbewusstsein zum Bloggen dazu, und es schadet ja nie, das zu trainieren. Aber über mich selbst schreiben? Ist das nicht noch vermessener? Fast schon arrogant? Dabei fällt mir ein, warum ich andere Blogs lese - nämlich genau deshalb, weil mich das Persönliche - besser: die Persönlichkeit - ihrer Autoren interessiert. Und außerdem: Wer nicht will, muss ja nicht. Lesen. Oder sich Gedanken machen.

Hier geht's also zum ersten Mal um mich. Und da die besten Alben oft mit dem lautesten Song beginnen, fange ich diesen ungewohnten Seelenstriptease gleich mal mit einem Knall an:

Ich verstehe die Menschen nicht.

"Na und", werden viele nun denken, "wer tut das schon?" Aber ich meine das gar nicht global - es geht mir nicht darum, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie Kriege entstehen oder weshalb jemand einen anderen wegen dessen Hautfarbe hasst. Sondern ich meine wirklich ganz genau das, was ich schreibe: Ich habe ein massives Problem damit, sämtliche Menschen, die ich treffe, zu verstehen. Das macht den Umgang mit ihnen verdammt schwierig, oft anstrengend, manchmal schmerzhaft.

Das heftigste Symptom: Ich bin extrem schlecht darin, Andeutungen wahrzunehmen. In der Kommunikation gibt es für mich keine Zwischentöne. Das bedeutet, häufig glaubt jemand, mir etwas mehr oder weniger subtil mitgeteilt zu haben, etwa durch sein Verhalten, aber nichts davon kommt bei mir an. Es ist mir bereits mehrmals passiert, dass jemand, von dem ich glaubte, ein gutes Verhältnis zu ihm zu haben oder gar befreundet mit ihm zu sein, aus heiterem Himmel explodierte oder sich schweigend zurückzog. Die Situation eskalierte, wo ich zuvor nicht mal mitbekommen habe, dass es ein Problem gab. Ich brauche einfach klare Ansagen. Jemand stört sich an etwas, das ich sage oder tue? Dann muss er es mir eindeutig mitteilen. Sonst nehme ich es einfach nicht wahr und kann schon allein deshalb nicht daran arbeiten, es zu ändern oder zu verbessern.

Keine Ahnung, wie autistisch das ist oder wie medizinisch relevant. Mir ist das erst vor wenigen Jahren bewusst geworden. Und zwar wegen oben geschilderter Auseinandersetzungen, aber auch deshalb, weil ich an mir selbst festgestellt habe, dass dieses Problem durchaus Folgen hat. Ich bin häufig misstrauisch, interpretiere (vermeintliche) Veränderungen falsch, mache mir oft unnötige Gedanken und kann nicht mehr so recht daran glauben, dass etwas gut endet oder auch nur bleibt. Irgendetwas ist schön oder angenehm? Das wird übel enden - bestimmt hat das Grauen längst Einzug gehalten, ich habe es nur mal wieder nicht mitgekriegt. Kommt mir bloß nicht mit Glück!

Ich bin ja ohnehin kein Zeitgenosse, dem andere bescheinigen würden, so weit wie möglich von Begriffen wie "verschroben" oder "speziell" entfernt zu sein. Aber wenn man durchs Leben stolpert und sich quasi permanent auf Feindesland wähnt, optimiert das nicht gerade den Eindruck, den man auf andere macht. Und leider ist es der zweite Eindruck. Beim Erstkontakt nehmen mich viele als durchaus sympathisch oder sogar charmant wahr (im Job eventuell eher als "willensstark"), aber der zweite und dritte Blick offenbart meist: Mit dem stimmt was nicht. Ich bin immer wieder erstaunt, dass es trotzdem Mitmenschen gibt, die gerne Zeit mit mir verbringen. Ich habe wenige, aber gute Freunde. Meine Vermutung ist, dass meine guten Eigenschaften mein seltsames Verhalten und die dahinter stattfindenden Gedankengänge ein wenig relativieren. Eine davon (und im Augenblick die einzige, die mir einfällt): Ich bin für Menschen, die mir am Herzen liegen, jederzeit da. Offenes Ohr, breite Schultern, helfende Hände - das alles gehört jedem, an dem mir etwas liegt, und zwar 24/7.

Trotzdem neige ich zum Einzelgängertum. Ich bin gern mit Menschen zusammen, die ich mag, aber neue kennen zu lernen, ist beispielsweise durchaus eine Herausforderung. Einsamkeit mag traurig machen, sie bietet jedoch auch Ruhe vor dem Chaos in Kopf und Herz, das die Konfrontation mit anderen Leuten mit sich bringt. Warum hat er eben so komisch geguckt? Weshalb tut sie das? Ob das eine Andeutung war? Verhält sie sich anders als sonst? Meint er das ernst oder ist das ein versteckter Hinweis? Mit diesen Eindrücken klar zu kommen, ist harte Arbeit. Sie leert den Akku, gerne auch nachts, wenn der vergangene Tag verarbeitet werden will.

Eventuell gehöre ich auf die Couch. Kann ja wirklich sein, dass all diese Unsicherheit ein Krankheitsbild darstellt. Für mich ist es mein Leben, zumindest ein relativ prägender Teil davon. Ich habe meinen Weg gefunden, damit einigermaßen umzugehen. Und ich kann nur auf Verständnis hoffen. Vielleicht auch von denen, die das hier lesen. Dann hat es nicht geschadet, sondern sogar einen Zweck erfüllt.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Herzensangelegenheiten

"Outshined" hieß der Song, und genau so fühlte ich mich damals auch. Ich war 19, im Fernsehen liefen noch Musikvideos, und manchmal passt einfach alles zusammen. Da sang einer von Weltschmerz, vor allem aber von seinem persönlichen, er hatte die Arme ausgebreitet, und die Verzweiflung in seiner Stimme klang echt. Sein Name war Chris Cornell, seine Band hieß Soundgarden, und wenn jemals ein Bandname wie die Faust aufs Auge gepasst hat, dann dieser.

Tatsächlich war das der Beginn einer Begeisterung, die bislang mehr als zwei Jahrzehnte überdauert hat. Große Hits und kleine Probleme, Trennung und Wiedervereinigung, Höhen und Tiefen, Nebenprojekte und Soloplatten - ob der Mann nun den Rest Against The Machine hinter sich vereinte oder für James Bond sang: Ich war dabei. Soundgarden, M.A.C.C., Audioslave, das Unplugged-Album... natürlich steht das alles bei mir im Regal, aber vor allem pulsiert es durch Herz und Kopf.

Was das Leben auch bringen mochte, da war immer diese Stimme, die von Abgründen sang und von den Wegen, die hinausführen. Und davon, wie schwierig es ist, sie zu gehen. Ein Album ragt als einsames Meisterwerk nicht nur aus dem Schaffen dieses Ausnahmesängers heraus, sondern nimmt auch unter meinen Platten für die Insel oder die Ewigkeit eine Sonderstellung ein. Temple Of The Dog, das Projekt zu Ehren des verstorbenen Andrew Wood, ist die Tonspur meiner Welt. Hymne, Ballade, fuckin' Rocksong - all das wird hier neu und endgültig definiert, vertont Traurigkeit und Wut und Hoffnung.

Jetzt ist Chris Cornell tot. Einfach so, mit Anfang 50, nach einem Konzert gestorben. Ich ahne die Gründe und verfluche sie. Die Stimme in meinem Kopf ist verstummt, das Herz hat für einen Moment ausgesetzt, als mich die Nachricht erreichte.

Say Hello 2 Heaven.


Mittwoch, 14. Dezember 2016

Kopfangelegenheiten

Leider komme ich im Job nur noch selten dazu, selbst zu schreiben - zumindest längere Texte. Und "nur noch selten" bedeutet "seit einer Ewigkeit nicht". Aber 2016 hatte ich zumindest dreimal die Möglichkeit, über meine wöchentliche Anzeigenblatt-Kolumne zum Thema Online-Lokaljournalismus und die eine oder andere "Tatort"-Rezension hinaus jeweils einen Artikel zu verfassen, auf den ich ein bisschen stolz bin.

Freitag, 11. November 2016

Mein Dogma (V)

Was ich mache, um die Welt zu verbessern? Na, was man halt so macht. Ich trenne akribisch den Müll. Ich benutze Recycling-Papier, wenn ich überhaupt Papier benutze (also quasi nur im Bad). Ich wettere lautstark, wenn jemand in meiner Nähe sich rassistisch, antisemitisch oder homophob äußert. Ich twittere und facebooke unheimlich kreativ, wenn gerade mal was Schlimmes passiert ist. Ich war lange aktives Mitglied des Nabu und Fördermitglied von Greenpeace. Ich werfe Obdachlosen ab und zu ein bisschen Hartgeld in den Hut. Ach ja: Und ich erzähle gern von früher, als ich noch bei Demos mitgelaufen bin, gegen Fremdenfeindlichkeit oder einen der Golfkriege. Damals, in Bonn, bei der Großkundgebung mit Klaus Lage... "Bonn?", fragen da die Jüngeren. "Klaus Lage?" Naja, das ist halt schon ein bisschen her. 25 Jahre oder so.

Aber vor ein paar Tagen ist etwas passiert, das mich... nein, nicht wachgerüttelt hat. Das wäre eine Phrase, zu leer und blass und daher unangemessen. Erschreckt hat es mich, ganz einfach. So sehr, dass ich fast einen ganzen Tag lang brauchte, um es zu begreifen. Nach Russland und der Türkei, nach Polen und dem Osten unserer Republik haben auch in den Vereinigten Staaten die Wahlberechtigten mehrheitlich entschieden, einem Demagogen und Populisten zu vertrauen.

Ich weiß schon, dass sie diesmal die Wahl hatten zwischen zwei Übeln. Und ich weiß auch, dass Begriffe wie "konservativ" oder "liberal" immer relativ sind. Vereinfacht ausgedrückt: Die zu Unrecht von manchen als Lichtgestalt bejubelte Hillary würde hierzulande zum rechten Flügel der CDU gehören. Aber Trump hat mit Erfolg den durchgeknallten, frauenfeindlichen Rassisten gegeben, der er wahrscheinlich sogar ist, und damit die Amerikaner überzeugt. Es funktioniert noch immer und offenbar überall auf der Welt: Lüge das Blaue vom Himmel runter, such dir Sündenböcke, hau auf die Kacke - und man jubelt dir zu.

Das Blaue aus der Hölle wird im kommenden Jahr in den Bundestag einziehen. Auch wir sind ein Teil der Welt, die sich nicht plötzlich und unerwartet, aber doch ruckartig rechtsherum dreht. Und damit kehre ich zurück zu mir und dem, was ich für besagte Welt tue: nicht viel. Oder zumindest nicht genug.

Es ist dem restlichen Planeten nämlich herzlich scheißegal, dass ich an der PC-Tastatur oder mit dem iPhone in der Hand mal sowas von sauer bin und meine Follower oder Facebook-Freunde daran teilhaben lasse. Zwei Tage habe ich gebraucht, um mir zu überlegen, was ich also anders machen kann. Vielleicht sogar besser. Und dann fiel es mir ein.

Noch ein kurzer Exkurs: Ich stamme aus einem sozialdemokratischen Haushalt. Mein Vater war in der SPD, solange ich zurückdenken kann. In seinem letzten Lebensjahrzehnt hat er damit durchaus gehadert, hat in der örtlichen Parteizentrale lautstark gefordert, seine Genossen sollten sich gefälligst auf ihre alten Werte besinnen. Ich selbst habe immer von meinem aktiven Wahlrecht Gebrauch gemacht, sobald ich die Möglichkeit dazu hatte. Ein Parteibuch kam mir nicht ins Haus - und das aus zwei Gründen: Zum einen wird es in meinem Berufsstand gar nicht gern gesehen, wenn sich jemand politisch allzu eindeutig positioniert. Man macht sich angreifbar. Zum anderen gibt es ganz einfach keine Partei, der ich zu einhundert Prozent vertraue. Auch das hat mit meinem Job zu tun: Als (Lokal-)Journalist bekommt man einen ganz guten Einblick in die Arbeit von (Lokal-)Politikern. Man kennt die Spielregeln und ist im Idealfall derjenige, der abpfeift, falls jemand dagegen verstößt.

Ganz grundsätzlich geht es mir wie Johnny Haeusler, der in seinem sehr lesenswerten Text zum Thema schreibt: "Ich hasse Kompromisse, stundenlange Debatten, langweilige Meetings. Außerdem wird keine der bestehenden Parteien meine Haltung zum Leben auch nur achtzigprozentig widerspiegeln. Jede Partei hat mal Scheiß gebaut, in jeder Partei sind Leute, mit denen ich gar nicht so gerne am Tisch sitzen möchte."

Trotzdem: In ein paar Tagen bin ich Sozialdemokrat. Ich werde mich für die Belange meines Wohnorts und meiner Gemeinde einsetzen. Kleine Schritte gehen. Viel reden, mal laut, mal leise, mal sachlich, mal aufgeregt, wie man es von mir gewohnt ist. Damit werde ich ganz sicher nicht den irren Donald vom Thron fegen, eventuell verhindere ich nicht mal, dass die blau lackierte Scheiße drittstärkste Kraft im Bundestag wird. Aber ich trage meinen Anteil dazu bei, die Welt zu verbessern, so pathetisch und naiv das auch klingen mag. Und ich habe wieder Hoffnung. Die Hoffnung nämlich, dass andere nachziehen. Damit die Mehrheit zeigt, dass sie die Mehrheit ist. Nicht schweigend, sondern aktiv. Damit nicht mehr die Lauten gewinnen, sondern die Guten.

Freitag, 14. Oktober 2016

Herzensangelegenheiten

Am Anfang war der Tod. Am 16. März 1990 wurde Andrew Wood, Sänger und charismatisches Aushängeschild der aufstrebenden Band Mother Love Bone, leblos aufgefunden. Seine Heroinabhängigkeit hatte den 24-Jährigen das Leben gekostet.

Zuvor war seine Formation - bestehend aus ehemaligen Mitgliedern von Malfunkshun und Green River - als "das nächste große Ding" gehandelt worden. Ihre ungewöhnliche Hingabe zum Glamrock der 70er machte sie zu einem so hörenswerten wie originellen Act und platzierte ihre Heimatstadt Seattle auf der unübersichtlichen Karte der Rockmusik. Das plötzliche, vielleicht nicht ganz unerwartete Ableben ihres Frontmanns beendete die Laufbahn der Band jedoch, ehe sie richtig beginnen konnte. Und schuf gleichzeitig eine lokale Legende.

Chris Cornell, Sänger von Soundgarden (die ihrerseits ebenfalls in den Startlöchern für eine größere Karriere standen), verarbeitete den Verlust mit zwei Songs, die er seinem verstorbenen Freund widmete. Das melancholische "Say Hello 2 Heaven" und das an Neil Young erinnernde "Reach Down" wollten jedoch nicht recht zum Material seiner eigenen Band passen, die schon damals eher auf den Spuren von Led Zeppelin und Black Sabbath unterwegs war. Mit seinem Drummer Matt Cameron, den beiden Mother-Love-Bone-Musikern Jeff Ament und Stone Gossard sowie dem Gitarristen Mike McCready rief er daher das Projekt Temple Of The Dog ins Leben. Man traf sich zu ausgiebigen Jam-Sessions, die schließlich in Aufnahmen eines gemeinsamen Albums gipfelten.

Zu den neuen Stücken gehörte die Ballade "Hunger Strike", mit deren Refrain Cornell haderte. Daher baten die Musiker einen jungen Surfer und passionierten Sänger ins Studio, der parallel dazu mit dem ersten Album einer neuen Band um Ament, McCready und Gossard beschäftigt war: Eddie Vedder. Während also die erste und einzige Veröffentlichung von Temple Of The Dog langsam Gestalt annahm, entstand zeitgleich das Debüt von Pearl Jam - beide Werke etablierten Seattle endgültig als das neue Mekka für Freunde knackiger Gitarren in klassischem Stil.

Die großen Plattenfirmen schickten natürlich eilig ihre schwarzen Reiter in den amerikanischen Norden, um dort alles unter Vertrag zu nehmen, was ein Karohemd trug und/oder eine Gitarre vor dem Bauch hängen hatte. Das Label Sub Pop galt Kennern bald als nun nicht mehr so geheimer Tipp auf der Suche nach interessanten Bands. An deren Spitze machte ein Trio aus Aberdeen (Washington) von sich reden, das von einem blassen, blonden Jungen mit Bartstoppeln und traurigem Blick angeführt wurde. Kurt Cobain - so der Name des leidenschaftlichen Punk-Fans - wollte alles, aber ganz gewiss kein Rockstar werden. Der weltweite Erfolg seiner Band Nirvana machte aber aus ihm genau das. Schwere Zeiten für einen depressiven Einzelgänger mit Magenproblemen. Und während der restliche Planet zu "Smells Like Teen Spirit" tanzte, suchte er nach einem Ausweg aus dem unverhofften Ruhm.

Unterdessen spülte die Grunge-Welle (so nannte die Musikindustrie das neue Genre, das eigentlich keins war) weitere hörenswerte Bands in vordere Hitparaden-Regionen. Soundgarden, Alice In Chains und die Screaming Trees bekamen verdientermaßen ihren Teil vom Kuchen ab. Andere wie der schwergewichtige Tad oder die unberechenbaren Melvins blieben zu schräg für den Mainstream. Ähnliches galt für die Szene-Veteranen Mudhoney um Green-River-Mann Mark Arm, die nicht bereit waren, ihren lärmigen Garagenrock dem Massengeschmack anzupassen.

Das taten andere: Eine zweite Welle rollte an, diesmal nicht zwingend aus Seattle oder nahegelegenen Städten, sondern aus Großbritannien (Bush), Australien (Silverchair) oder zumindest aus Kalifornien (Stone Temple Pilots). Inzwischen erinnerten allenfalls Attitüde und Optik noch daran, was den Grunge ausgemacht hatte. Die Musik war meist melodischer College-Rock, von der Experimentierfreude, die zwischen dem klassischen Stadionrock von Pearl Jam und dem Punk-Pop von Nirvana alles möglich gemacht hatte, war nicht mehr viel übrig.

Heute spricht man in diesem Zusammenhang gern von der letzten großen Revolution in der Rockmusik, und da ist ja auch was dran. Der Erfolg der genannten Bands hat einiges verändert, hat möglich gemacht, dass auch ungewöhnliche und ungewohnte Klänge durchaus Gehör finden. Bunt waren sie, die 90er, und laut, und wir hatten unseren Spaß mit der Tristesse und den tief hängenden sechs Saiten.

Einem wurde das alles schnell zuviel. Cobain haderte mit seiner Popularität, flüchtete sich in bewusst unkommerziell produzierte Songs, in eine kaputte Ehe und immer wieder in Halluzinogene. Am 5. April 1994 nahm der 27-Jährige sich mit einer Überdosis und einem Schuss in den Kopf das Leben. Nur vier Jahre lang hatte der Grunge die Welt ein bisschen lauter gemacht und der Generation X ihren passenden Soundtrack verpasst. Am Ende war der Tod.


Herzensangelegenheiten

Es gibt kaum eine uncoolere Band als Toto. Und da ich alle ihre Alben besitze, macht sie das zu meiner uncoolsten Lieblingsband.

Es war Ende der 80er, ich war jung und hätte es trotzdem eigentlich besser wissen müssen. Schlimmer noch: Ich wusste es besser. Obwohl ich längst dem stampfenden Indie-Rock von New Model Army huldigte und den launigen Drei-Akkorde-Punk der Ramones verehrte, nahm ich mit ähnlicher Begeisterung Anteil am Wirken einer Band, die ein keyboard- und klischee-affiner Mitschüler mir empfahl. Ich bin ehrlich: Er rannte allenfalls angelehnte Türen ein. Bereits in noch jüngeren Jahren hatte ich Totos wenig originell benanntes viertes Album "IV" als kostengünstige Wühltisch-LP erworben und Gefallen nicht nur an den mir vorab bekannten Singles gefunden. "Rosanna" und vor allem "Africa" liefen seinerzeit gerne und oft im von mir bevorzugten heimischen Radiosender und seither auch auf meinem Plattenspieler. Als besagter Schulfreund mir also das ebenfalls leidlich kreativ betitelte siebte Werk "The Seventh One" auf Cassette aufnahm, wusste ich nur zu gut, was ich mir da ins Haus holte.

Rannte ich daher sehenden Auges ins Verderben? Zog mich gar der Herdentrieb auf die dunkle Seite, wo zuckergusssüße Melodien und allenfalls auflockernde Gitarrenriffs herrschten? Nein - es war ganz anders. Ich wollte es so. Damals wie heute geht mir nämlich ums Verrecken nicht in den sturen Schädel, weshalb man im Leben immer und immer wieder belehrt wird, man habe etwas zu lassen, weil man etwas anderes tue. Und so mache ich ganz gern mal beides, ohne eines zu vernachlässigen. Soll heißen: Meine Liebe zu den Ramones und New Model Army war und ist so ehrlich wie jene zu Toto (und übrigens auch vergleichbaren Interpreten). Oder anders: Würde ich meine Tonträgersammlung noch konsequenter alphanumerisch sortieren, so stünde Reinhard Mey gar nicht so weit entfernt von Napalm Death. Und das ist nicht nur gut so, sondern macht vor allem Spaß.

Dogmatiker und Genre-Veteranen, die sich nicht bereits beherzt übergeben, werden einwenden, dass insbesondere Toto unter allen uncoolen Bands schon immer die mit Abstand uncoolste war. Dem entgegne ich zweierlei. Erstens: Begriffe dieser Art sind so hohl, dass ich sie mir am liebsten selbst definiere. Und zweitens: Ihr habt ja recht - und ich pfeife drauf (so melodisch mir das möglich ist).

Wer einfach gerne Musik hört (und dazu ist sie letztlich da), dem sollte schnuppe sein, was die Szene- oder Mucker-Polizei davon hält. Meine musikalische Sozialisation fand zu nicht unerheblichen Teilen durch meinen deutlich älteren Bruder statt, der heute ein Faible für Country und Southern Rock hat und früher dem klassischen (Hard-)Rock sein Gehör opferte. Black Sabbath, Led Zeppelin, Deep Purple (in der Mark-II-Besetzung), aber auch Pink Floyd und Blue Öyster Cult, Boston und Chicago, The Who und Jethro Tull, Queen und AC/DC - das waren die Helden meiner musikalischen Kindheit. Groß wurde ich dann in einer Welt, die ich mir selbst erschloss - mit The Cure und den Sisters Of Mercy, mit Depeche Mode und Camouflage, mit den Sex Pistols und den Replacements, mit U2 und Midnight Oil. Wenig später kamen (am liebsten innovativer) Metal und (am liebsten origineller) HipHop hinzu. Und meine ewige Hingabe für das Schaffen der Herren Springsteen, Young, Reed und Waits. Und Grunge. Und Crossover. Und Funk. Und Soul. Und Jazz. Und verdammt nochmal alles, was gut ist.

Hinzu kommt außerdem, dass nicht nur Toto-Gitarrist Steve Lukather seine Band für gnadenlos unterschätzt hält (wie er auf seinem Twitter-Account betont). Das, was sie so verhasst macht, ist ihre Stärke: Hier haben sich souveräne Studiomusiker versammelt, die natürlich nicht den Anspruch haben, die Musik zu revolutionieren, sondern sauber produzierten, unglaublich gut gespielten Radio-Rock-Pop zu veröffentlichen. Geschmeidige Gesangslinien, überraschend komplexe Rhythmen, unvergessliche Refrains, Herz, Hirn und selbstverständlich banale Texte erinnern heute an eine längst untergegangene Ära, an jene Jahre, in denen es ziemlich okay ging, sich ein Journey-Album oder eine Single von Hall & Oates zu kaufen. Das ist nostalgisch, das ist wunderbarer Eskapismus, und das macht in den richtigen Momenten Laune oder sogar Gänsehaut. Klar hatten Toto ihre Tiefpunkte (Lukather erinnert sich zum Beispiel ungern an die Zeit, als er sich auf der Bühne fragte, wo zum Teufel die ganzen Porcaro-Jungs denn seien). Aber ihre Höhepunkte machen das mehr als wett. Hört euch mal wieder "Hold The Line" an. Und zwar bewusst. Und dann haltet die Klappe.

Im Übrigen passiert gerade etwas Ähnliches, wie ich es in den 90ern bereits erlebt habe: Uncool wird das neue Cool. Mitschüler, die mich und meinen Musikgeschmack kurz zuvor noch verächtlich belächelt hatten, wollten damals Mixtapes mit all jenen Bands von mir, auf die sich die seinerzeit neuen Helden beriefen. Die Stooges waren langweiliger Rock für alte Leute, bis Cobain ein T-Shirt von ihnen trug. Die Doors waren out, bis der Film im Kino lief. Und wo klauten Soundgarden nochmal ihre Riffs? Die Online-Serie "Yacht Rock" und die Sampler-Reihe "Too Slow To Disco" hieven aktuell den Softrock der späten 70er und frühen 80er ins Feuilleton. Inklusive all der Schnauzbärte und gewagten Frisuren.

Kein "Ich hab's euch ja gleich gesagt" an dieser Stelle von meiner Seite. Das wäre mir zu uncool.

Dienstag, 19. Juli 2016

Mein Dogma (IV)

Der kleine Sonnenkönig ist schuld. Und es freut mich, dass in diesem ersten Satz das Wort "Schuld" vorkommt. Denn das mag der kleine Sonnenkönig gar nicht gern. Auch das Wort "Dogma" gefällt ihm nicht, deshalb ist es gut, dass es im Titel auftaucht.

Es gibt ohnehin nicht viel, das dem kleinen Sonnenkönig gefällt. Denn gefällt ihm etwas, so hat er keinen Grund, seine Macht zu demonstrieren. Diese besteht darin, sein ihm ergebenes Volk zu erpressen, indem er für den Fall mangelnder Zustimmung sehr blutige Konsequenzen ankündigt. Um den Unterdrückten zu beweisen, wie ernst es ihm ist, wirft der kleine Sonnenkönig sehr gern sein Mobiltelefon in den Fluss. Oder er rasiert sich seine Haare ab. Oder er versteckt sich im fernen Osten und trinkt viel Alkohol. Sein Volk macht sich dann immer Sorgen um den vermeintlich bedrohten Herrscher. Und auch das gefällt dem kleinen Sonnenkönig. Also gefällt ihm eigentlich doch recht viel.

Am liebsten fotografiert der kleine Sonnenkönig andere beim Sex. Danach verfremdet er die Bilder bis zur Unkenntlichkeit, das ist dann Kunst oder muss zumindest vom Volk so genannt werden. Wer sich nicht an diese Regeln hält, die der kleine Sonnenkönig als völlig undogmatisch und frei von Schuld anpreist, muss nicht nur verantworten, dass der Monarch zu Handy oder Schere greift. Er ist zudem ein "Spießer" und ein "Wessi" und ein "Protestant", zumindest nennt ihn der kleine Sonnenkönig so.

Warum der kleine Sonnenkönig all das tut? Es ist ihm wichtig, immer und überall deutlich zu machen, dass er der Mittelpunkt des Universums ist. Darum hat er sich sein Symbol, die Sonne, auf den Bauch tätowieren lassen. Und darum geht er sehr sparsam mit jenem Begriff um, der das Gegenteil von "Protestant" und "Wessi" und "Spießer" ist: "Du bist so 'ne Sonne" - dieses royale Lob bekommen nur wenige zu hören.

Die meisten anderen Menschen sind für den kleinen Sonnenkönig einfach "Menschen". Mehr an Beachtung oder Unterscheidung haben sie nicht verdient. Schließlich sind sie das Volk, und das Volk muss nur gehorchen. Manche Menschen nennt der kleine Sonnenkönig wegen ihres Alters "kleine Menschen". Und einen nennt er gar "den wichtigsten Mensch". Dieser hat eine verantwortungsvolle Aufgabe: Er muss streng darauf achten, dass das Volk pariert und nicht gegen die Regeln, die nicht Dogmen genannt werden dürfen, verstößt. Zu diesem Zweck beschreibt "der wichtigste Mensch" die Folgen einer eventuellen Zuwiderhandlung oder mangelnden Gehorsams in apokalyptischen Szenarien. Viele davon enthalten das Ableben des kleinen Sonnenkönigs. Und das möchte natürlich niemand verantworten - also die Schuld daran auf sich laden, die nicht Schuld genannt werden darf.

Kompliziert? So sind sie eben, die Gedankengänge des kleinen Sonnenkönigs. Da schwebt er also in der Mitte seines Universums, während "der wichtigste Mensch" um ihn kreist und das Volk dabei zusieht oder dann und wann begeistert applaudiert. Zum Beispiel, als der kleine Sonnenkönig sein komplexes Regelwerk um eine ganz einfache Vorgabe ergänzte. Sie lautet: Der da ist der Böse. Es ist dem kleinen Sonnenkönig egal, weshalb das so ist. Er zelebriert die Verachtung für seinen neuen Todfeind mit lechzender Begeisterung hinter dessen Rücken. Und dem Volk sind die Hintergründe ohnehin egal. Es erfüllt seine Aufgabe, es jubelt dem Herrscher zu und ist froh, dass der kleine Sonnenkönig weiterhin leuchtet statt zu trinken oder sich zu rasieren oder Richtung Osten aufzubrechen.

"Der da" bin ich. Ich bin das einzige Ziel im kaputten Dasein des kleinen Sonnenkönigs, und ich habe einige Zeit gebraucht, um mich an diese Rolle zu gewöhnen. Denn früher einmal hat der kleine Sonnenkönig so getan, als sei er mein Freund. Hat diese Lüge aus Feigheit aufrecht erhalten, die nun mal sein wesentlicher Charakterzug ist. Und hat erst die Wahrheit rausgelassen, als der Moment unpassender nicht sein konnte. Was ist schon der Tod eines lieben Menschen, wenn der kleine Sonnenkönig seinen Auftritt haben will?

Abstand sollte ich halten, forderte der kleine Sonnenkönig. Das war leicht und tat gut, nahm anstrengende und sinnlose Aufgaben aus meinem Leben und Menschen, auf deren Heuchelei ich dankend verzichte. Nun funkelt er mich böse an, aus seinen kleinen misstrauischen Sonnenkönigaugen, die viel zu oft auch auf diese Seiten gerichtet waren.

Ich halte Abstand, schon aus Verachtung. Und ich habe aufgehört, Texte zu schreiben. Nur selten wurde hier etwas veröffentlicht, weil ich dem kleinen Sonnenkönig keine neue Munition verschaffen wollte.

Doch das ist nun vorbei. Der kleine Sonnenkönig ist nur ein armer Wurm und sein Universum nicht meins. Ich wünsche ihm alles Schlechte. Ich schreibe wieder, soll er doch meine Worte hinter meinem Rücken fehl- und überinterpretieren, wenn ihm danach ist. Das ist nicht meine Schuld. Es ist die des kleinen Sonnenkönigs. Ich bin nicht das Volk.