Freitag, 14. September 2012

Tagein, tagaus

New Order: Blue Monday Irgendwie habe ich New Order immer übel genommen, dass sie nicht Joy Division sind. Zu sehr unterscheidet sich ihr tanzbarer Pop von der drängenden Düsternis im Kopf des völlig zu Unrecht schon lange toten Ian Curtis. Man muss schon sehr genau hinhören, um die Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und man muss fair sein. Wer will das schon? Eine der Gemeinsamkeiten ist der Bass von Peter Hook. Der ist vor fünf Jahren ausgestiegen. Also ganz unfair: Ihr Bizarre-Auftritt 1993 war grausam langweilig. Die Woche fängt ja gut an. Ach ja: Ich liebe Blue Monday. Und sämtliche anderen New-Order-Hits.

Lynyrd Skynyrd: Tuesday's Gone Im Ox schrieb mal einer über seine Vorliebe für Southern Rock. Im Ox. Nicht in der Spex. Das macht es mir leichter, zuzugeben, dass ich diese Vorliebe teile. Ich mag es, wenn zwei bis drei Gitarren von Freiheit singen. Das übertönt so schön den stumpfen Patriotismus dahinter. Auf der Autobahn kann ich textsicher all die Klassiker mitgröhlen, die von stumpfer Freiheit und patriotischen Gitarren handeln. Deshalb mache ich das auch. Ist der Dienstag gegangen, gebe ich gerne zu: Das ist nicht ihre beste Nummer.

Lisa Loeb: Waiting For Wednesday Ich habe Lisa Loeb leider niemals live gesehen. Dabei habe ich nach "Tails" und dem zugehörigen Artikel im Musikexpress kurzzeitig überlegt, ihr einen Heiratsantrag zu mailen. Sie macht Musik, die in einer gerechten Welt in Buchläden laufen würde. Ich mag Buchläden, und ich mag Musik. Schade, dass die von Frau Loeb nach ihrem Debütalbum immer ein bisschen egal war. Das allerdings gehört in jeden guten Haushalt.

Morphine: Thursday Mark Sandman war ein Genie. Diese Behauptung kann ich anhand zweier Fakten belegen: Erstens gab und gibt es keine zweite Band außer Morphine, die so perfekt auf der Linie zwischen Minimalismus und Barjazz balanciert. Und zweitens hat es nach ihrem Sänger und Bassisten niemand mehr geschafft, sich Tom Waits anzunähern, was die Beschreibung schräger Film-noir-Dramen angeht. Im regennassen Asphalt der Hinterhöfe spiegelt sich der Vollmond. Und dazu zieht einer die vier Saiten, quält ein anderer sein Saxophon, klopft ein dritter auf seine Drums. Gänsehautmusik.

The Cure: Friday I'm In Love Schön für Robert Smith. Vermutlich meint er die Liebe zum chartstauglichen Pop. Schwarze Explosionsfrisur vor pinkfarbenem Hintergrund. Soll fröhlich klingen. Tut es auch. Manchmal: leider.

Dead Kennedys: Saturday Night Holocaust Ist eigentlich kein Punk und genau deshalb eben doch. Man hört förmlich den Schweiß auf Jello Biafras Mikro spritzen, sieht vor dem geistigen Auge, wie sich seine Mitstreiter einen verdrehten Wust aus allem abringen, was den Klischees "ihrer" (?) Musik entgegensteht. Kantig und kratzbürstig, eloquent und einzigartig, virtuos und verwegen. Die Dead Kennedys halt.

U2: Sunday Bloody Sunday "This song is not a rebel song!" Sollen ruhig alle mit leicht verächtlichem Grinsen auf die frühen Jahre blicken, soll Bono meinetwegen seine Stubenfliegen-Sonnenbrille auf den Benefizempfängen dieser Welt spazieren tragen - das hier sind U2, wie ich sie kennen und lieben gelernt habe. Was vielen heute als Pathos gilt, nenne ich Hingabe. Und irgendjemand musste doch die Welt retten. Seinerzeit haben das eben gerne mal die Iren übernommen (siehe Live Aid). Nichts gegen "The Fly", nicht mal was gegen "One". Doch gegen die heißblütigen, unschuldigen, aufregenden Hymnen der Anfangszeit wirken diese wohljustierten Zeitgeist-Zugeständnisse einfach zu glattgebügelt. Aber das soll ja wohl so sein.

Mittwoch, 12. September 2012

Herzensangelegenheiten

Manchmal frage ich mich, was die beiden heute wohl machen. Selbstvergessen standen sie am Piccadilly Circus und spielten eine Art rudimentären Blues, für den später Jon Spencer und noch später die White Stripes berühmt werden sollten.

Der Gitarrist bearbeitete eine abgeschrammelte E-Klampfe voller Bandsticker, hielt sie dabei im Arm wie seine Freundin, um sie im nächsten Moment fast auf den Boden fallen zu lassen. Mit ekstatischen Schrittfolgen stakste er vor der stetig wachsenden Gruppe von Zuhörern auf und ab, die aus erschöpften Touristen und neugierigen Londonern bestand. Unter ihnen waren zwei kurze Hessen, seit Tagen fast pleite, völlig übernächtigt und verschwitzt.

Unser "Youth Hostel" hatte sich als verschimmelte Absteige entpuppt, die bei hochsommerlichen Temperaturen nur kochend heißes Wasser bot, womit sich zumindest die Kakerlaken und Spinnen im Bad vertreiben ließen. Unser Geld hatten wir bereits an den ersten Tagen für T-Shirts und Platten ausgegeben. Also trieben wir uns tagsüber in der Stadt herum und saßen nachts in Pubs oder Live-Clubs, die ähnlich heimelig waren wie unsere Unterkunft. Oder am Piccadilly Circus.

Während der Mann an der Gitarre also seine so virtuosen wie zerschredderten Licks aus dem Instrument zerrte, kämpfte der Trommler gegen ein Minimalset, das schon bessere Tage gesehen hatte. Hi-Hat, Bassdrum und Snare - mehr brauchte es für ihn nicht, um erstaunlich abwechslungsreiche Rhythmen zu basteln. Zwei hagere, bärtige Gestalten zauberten im Schein der bunten Werbelichter ein breites Grinsen auf die Gesichter ihrer Zuhörer. Klar: Später ließen sie den obligatorischen Schlapphut rumgehen, der sich mit Klimpergeld füllte. Doch zuvor spielte das Duo nur für sich, fast wie in Trance. Es ging nicht darum, entdeckt zu werden, Fans zu gewinnen, nicht mal darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Es ging um Musik.

Ab und zu, wenn ich Straßenmusikern zuhöre oder - seltener - was Bluesiges auflege, denke ich noch an jene Nacht in London. Ist 'ne Weile her, die beiden kurzen Hessen sind groß geworden, machen Fotos und schreiben Texte. Und die beiden Musiker sitzen heute bestimmt in einem langweiligen Büro und haben langweilige Bürojobs. Irgendwie tröstlich.

Montag, 20. August 2012

Herzensangelegenheiten

Verurteilte Straftäter und reaktionäre Rednecks, notorische Junkies und arrogante Idioten - eine illustre Truppe hat sich da versammelt. Wenn diese Schwachköpfe wenigstens die Klappe halten würden. Stattdessen brabbeln sie das Ergebnis ihrer verschwurbelten und allenfalls von rudimentärer Bildung geprägten Gedanken in jedes erreichbare Mikro. Als hätten sie nichts Besseres zu tun. Sollen sie sich doch lieber darum kümmern, ihre häufig genug derangierten Lebensentwürfe auf die Kette zu kriegen oder wenigstens ihren Job ansprechend zu erledigen. Was wollen die überhaupt hier? Wer hat sie eingeladen? Leider muss ich zugeben: Ich war's. Sogar freiwillig.

Seither wohnen sie in meinen CD-Regalen. Sind also irgendwie Teil meines Daseins. Die Sache ist nur: Streng genommen könnte es mich einen Dreck kümmern, ob ein Musiker einer der eingangs genannten Minderheiten angehört. Leider tut es das nicht immer.

Wenn Al Jourgensen nicht von der Nadel loskommen will, weil er der Ansicht ist, kein Problem zu haben, ist das seine Entscheidung. Ich kenne den Mann nicht persönlich, und es fällt mir leicht, seinen Heroinkonsum nicht zu finanzieren, weil seine Platten zunehmend schlechter werden. Wenn Dave Mustaine gegen Obama wettert und sich dabei in wüsten Verschwörungstheorien ergeht, ärgert mich das kurzzeitig. Dann jedoch fällt mir ein, dass den cholerischen Querkopf seit Jahren niemand mehr ernst nimmt. Nicht mal für seine Musik. Soll er also quatschen; mein letztes Megadeth-Album habe ich Ende der 90er gekauft. Wenn Brian Fallon sich als Kreationist outet... dann stört mich das seltsamerweise sehr.

Weshalb kann ich damit umgehen, dass nicht jeder Musiker ein intellektueller Gutmensch ist, werde aber ungehalten, wenn der Sänger von The Gaslight Anthem die Evolution verleugnet? Liegt es daran, dass er in den vergangenen Jahren einige Lieder geschrieben hat, die mir im Gegensatz zu "Jesus Built My Hotrod" oder "Symphony Of Destruction" nicht nur eine gute Zeit bescheren, sondern wirklich etwas bedeuten? Oder daran, dass es mir in diesem Fall mehr als ohnehin auch um die Texte geht? Keine Ahnung.

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass (fast) jeder eine zweite Chance verdient hat. Wenn Jourgensen demnächst das Zeitliche segnet, wird er mir als das einstige Genie hinter Ministry in Erinnerung bleiben. Wenn Megadave nächstes Jahr einmal mehr behauptet, missverstanden worden zu sein oder wieder zu tief ins Glas geguckt zu haben, werde ich das mit einem schiefen Grinsen und zuckenden Schultern quittieren. Aber irgendetwas sagt mir, dass das Leben des Brian in eine Richtung gehen wird, die ihn wegbringt von Stromgitarre und Rock'n'Roll, also letztlich von seinen Fans. Eine Suchtkrankheit lässt sich bekämpfen, eine politische Einstellung kann sich ändern. Aber Religion (und darauf basiert Fallons eigenartige Weltsicht) ist etwas Fundamentales und sagt viel über ihre Anhänger aus. Sicher einer der Gründe, warum ich damit nichts am Hut habe.

"Now I am no devil but I've got things on my mind. And they're gonna come out and they're gonna come up time to time." So ist das wohl.

Brian Fallon ist Kreationist

The Gaslight Anthem: Film Noir

Samstag, 28. Juli 2012

Kino-Kritik: "The Dark Knight Rises"

In mir hat Christopher Nolan nicht gerade seinen größten Fan. Daran ändert auch nicht, dass das grande finale seiner Batman-Trilogie sein bester Film ist. Nolan will von allem zu viel: Groß sollen seine Werke sein, mächtig, mit atemberaubenden Schauwerten, dazu aber auch einzigartig, unverwechselbar und anspruchsvoll. Das Ergebnis ist nicht selten überambitioniert und selbstverliebt. Wenn so jemand antritt, einen der größten Mythen der Popkultur neu zu erzählen, erwartet man, dass er scheitert. Grandios, das ist klar.

Als "Batman Begins" vor sieben Jahren in die Kinos kommt, entpuppt sich das befürchtete Desaster als spannende Interpretation der alten Geschichte vom einsamen Rächer. Handwerklichen Defiziten zum Trotz erzählt Nolan eine düstere Schauermär von Schicksal und Verzweiflung, vom Licht in der Dunkelheit (in dem diesmal die Silhouette einer Fledermaus zu sehen ist). Dabei beweist der Regisseur zudem ein Händchen bei der Wahl seiner Darsteller. Christian Bale verwechselt nuancierte Schauspielkunst mit einem quälenden Kraftakt, er flüstert und schreit, zittert und schwitzt, ist sinistrer method actor und keifender Egomane. Und somit der perfekte Bruce Wayne in seinen Inkarnationen als gebeutelter Millardär und nächtlicher Gangsterschreck. Die drei alten Männer hinter ihm erden als weise Berater des Helden das Geschehen auf der Leinwand, lassen Nolans Bemühen um einen neuen "Realismus" erkennen. Auf der Gegenseite stehen Liam Neeson in seiner Wohlfühlzone als überlegener Haudegen und der kinskieske Cillian Murphy als schizophrener Psychopath. Dazu findet der Regisseur das nötige Pathos, setzt auf ein Fünkchen Selbstironie, um sein Verständnis einer Comicverfilmung auf dem schmalen Grad zwischen Werktreue und Selbstverwirklichung zum sehenswerten Kinoabenteuer werden zu lassen.

Drei Jahre später scheint Nolans Sturheit die Oberhand gewonnen zu haben. Mit "The Dark Knight" versickert die furiose Vorgeschichte in Tristesse und Ödnis. Eine verschwurbelte Erzählweise, die die wenigen Actionszenen ausbremst, lässt die Fortsetzung der Fledermausmann-Legende auf dem Spannungsniveau einer durchschnittlichen "Derrick"-Folge hängen. Zudem sind Zweikämpfe und Verfolgungsjagden unübersichtlich inszeniert, ist alles viel zu langatmig und redselig. Kritiker und Publikum ergehen sich dennoch in Lobeshymnen - und erwähnen dabei als erstes und völlig zurecht das einzige Positive an diesem Rohrkrepierer: Heath Ledger. Einmal mehr zeigt Christopher Nolan, dass er in Schauspielern etwas sehen kann, was anderen verborgen bleibt. Die Verpflichtung des blondgelockten Sunnyboys für die Rolle von Batmans Erzfeind Joker zieht die zweite Story um den dunklen Ritter einige Meter aus dem Schlick. Der plötzliche Tod des Australiers und die anschließende Oscar-Ehrung machen den Chaos-Clown endgültig zur Popikone. Der entstellte, bleich geschminkte Massenmörder ist nicht nur ein adäquater Gegenspieler für die Figur des flatternden Waisenknaben, sondern lässt diesen verblassen. Der Joker ist präsent, vermittelt mit seiner Unberechenbarkeit echte Furcht und trägt "The Dark Knight" quasi im Alleingang. Großes Kino, allerdings als Kammerspiel inszeniert.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sondern gibt nur die Gelegenheit, ausführlich darüber zu diskutieren. Und Nolan scheint sich zu Herzen genommen zu haben, was die Geeks rund um den Globus seit vier Jahren fordern: Batman braucht Emotionen, ein Superheldenfilm darf nicht als knochentrockener Krimi daherkommen. Die Action ist zwar immer noch weit entfernt vom Standard, aber deutlich übersichtlicher und mitreißender gefilmt. Die Story ist immer noch komplex und überfrachtet, aber längst nicht so zerrissen wie in Teil zwei. Die Dialoge sind immer noch geschwätzig und wiederholend, werden aber durch one liner und eine Prise Humor aufgelockert. Da darf der Filmemacher gern seinen Hang zum großen Drama, seinen Wunsch nach Verankerung in der Realität und seine ganz eigenen, mitunter verqueren Ideen ausleben. Erstmals tut das der Geschichte sogar gut: "The Dark Knight Rises" ist ein wuchtiger schwarzer Brocken, so weit von einem Hollywood-Blockbuster entfernt, wie man sich bewegen darf, wenn man einen Hollywood-Blockbuster inszenieren will.

Zwischen Hamlet und Heldenepos, Größenwahn und Genialität finden der Regisseur und sein Bruder, der Drehbuchautor, zum ersten und vorläufig letzten Mal einen Weg. Die 164 Minuten vergehen erstaunlich schnell. Es gibt Wendungen und Überraschungen, und die Schauspieler schaffen es, die erwarteten faustgroßen Logiklöcher vergessen zu machen. Bale spielt die Rolle seines Lebens als gehe es genau um das. Anne Hathaway ist eine charmante Selina Kyle (nicht: Catwoman!), beweist Wandlungsfähigkeit und Talent. Der wie immer großartige Gary Oldman und der souveräne Joseph Gordon-Levitt geben den letzten Bullen und den tapferen Pfadfinder. Tom Hardy müht sich redlich, allein durch Blicke aus dem bulligen Terroristen Bane einen cleveren Schurken zu machen. Er kämpft jedoch nicht nur mit der Maske und einer wenig beeindruckenden Körpergröße, sondern vor allem mit der Stimme des Bösewichts. Nolan mag inzwischen zuhören, wenn die Fans murren - auf den Hinweis, Banes Stimme erinnere in den ersten Trailern an die Lehrer der Peanuts (soll heißen: ist völlig unverständlich) reagierte er allerdings mit Trotz. Die pathetischen Reden des Muskelprotzes mit der Gasmaske wurden derart nach vorne gemischt, dass sie körperlos im Raum stehen. Das habt ihr nun davon, ihr Nerds! Einem Christopher Nolan macht niemand Vorschriften!

Ist ja schon gut: Diesmal hat's ja auch geklappt mit der Selbstverwirklichung. "The Dark Knight Rises" ist groß, mächtig, mit atemberaubenden Schauwerten, dazu einzigartig, unverwechselbar und anspruchsvoll. Der würdige Abschluss einer Filmtrilogie, die in der Mitte etwas durchhing. Oder anders: 2012 ist ein gutes Jahr für Comicverfilmungen - die "Avengers" haben einen zornigen Bruder bekommen.
 
Dafür gibt es acht von zehn matt schimmernden Batarangs ins Genick des Abschaums auf Gothams Straßen.

Dienstag, 10. Juli 2012

Herzensangelegenheiten

1992. Ganz schön was los hier. In Lichtenhagen wird die Demokratie beerdigt. Im Wembley-Stadion glücklicherweise nur der Classic Rock. Alles geht: Seit die Industrie den Jungen im karierten Hemd entdeckt hat, sucht sie nach einer Schublade. "Alternative" steht schließlich drauf, und drin ist, was gefällt. (Also: sich verkaufen lässt.)

Ein letztes Mal bäumt sich die Kreativität auf, flirten Gitarren mit Elektrorhythmen und Sprechgesang, wird deutsch gerappt und traurig gesungen, fallen drei Jahre nach der Revolution im Osten auch kulturelle Mauern. Das macht Spaß. Und wir denken uns nichts dabei.

Alte Helden kommen zu neuen Ehren, aus Träumern werden Stars. Im Plattenladen harren monatlich neue Schätze ihrer Entdeckung. (Es gibt Plattenläden.) Im Zeitschriftenladen buhlen bunte Gazetten um die Gunst der juvenilen Freigeister. (Es gibt Freigeister.) In kurzen Hosen und Wollmütze über die Bühne toben, im Bandshirt davor stehen oder raufklettern. Eddie Vedder schwimmt auf der Menge, Kurt Cobain hat Magenschmerzen, Anthony Kiedis trifft Supermodels, Zack de la Rocha den Nerv, Evan Dando hängt an der Wand im Mädchenzimmer, Phil Anselmo an der Hühnerbrust der Jungs.

Irgendwo in der Wüste hört jemand alte Sabbath-Platten und raucht Selbstgedrehtes, irgendwo in New York tanzt jemand um eine brennende Mülltonne. Irgendwo in Hessen sitzt einer und hört und sieht und staunt.

Unfassbare zwanzig Jahre ist das her, hat das letzte der genannten Musikmagazine neulich errechnet. Kurt, LayneDimebag und Adam sind tot. Karohemden und Kopfsocken sind allenfalls retro, Plattenläden selten, und was als alternativ galt, ist längst klassisch.

Manchmal kommen sie wieder, die Heroen der Vergangenheit, aber meist ist nur noch der Sänger dabei, und es klingt traurig, was trotzig sein will. Und wir denken uns nichts dabei.

Nix Neues an der Front, nicht in New York, nicht in der Wüste. Auf keinen Fall in Hessen. Nicht mehr viel los hier. 2012.

Montag, 2. Juli 2012

Kino-Kritik: “The Amazing Spider-Man”

“Hier kannte ich wirklich alles, jeden Freund, jeden Feind. Und als Mary Jane sich trennte, hat er bei mir geweint.” (Fettes Brot)

Verdammt, so ging es mir auch! Eine Comicfigur, vom großen Stan Lee zehn Jahre vor meiner Geburt erdacht, war der Held meiner Jugend. Peter Parker - Alliterationen sind Pflicht unter Superhelden - war ein schüchterner Nerd, bis der Biss einer radioaktiven Spinne ihm deren proportionale Fähigkeiten verlieh und… gar nichts für ihn besser wurde. Spider-Man hatte Probleme und Sorgen, trauerte um seinen Onkel, machte sich Vorwürfe für dessen Tod, war chronisch pleite, stets in die falsche Frau verliebt, hatte Ärger im Job und konnte trotz Maske und Kostüm nie dieser Misere entfliehen. Oft genug gab’s Prügel, brachten spektakuläre Kämpfe in und über den Häuserschluchten von New York dramatische Konsequenzen für das ohnehin komplizierte Leben des einsamen Helden mit sich. Tod und Verlust waren allgegenwärtig, Freunde wurden zu Feinden und umgekehrt, mehr als einmal drohte das tragische Dasein des Protagonisten zwischen Verlierer und Verbrecherjäger zu zerbröseln.

Aber - und das macht Lees Kreation zu (m)einem Helden - Spider-Man gab niemals auf. Klar, er konnte an Wänden klettern, meterhoch springen und Autos stemmen. Doch er war - anders als der große Konkurrent Superman - kein Übermensch, sondern ein Mensch. Einer mit Fehlern, jedoch auch mit Stärken. Und dazu gehörten nicht nur sein zynischer Humor, sondern vor allem Mut und Optimismus. Kein Wunder, dass ein zehnjähriger Comicfan das klasse fand (trotz Höhenangst und Spinnenphobie). Und kein Wunder, dass er auch mit Ende 30 im Kino sitzt, wenn sein Idol aus Kindertagen über die Leinwand krabbelt.

Obwohl: Ich hatte Vorbehalte. Erste Trailer wirkten, als sei der Film aufs “Twilight”-Publikum zugeschnitten. Außerdem schien es zu früh für ein Reboot (Sam Raimis Spider-Man-Trilogie begann vor nicht mal zehn Jahren), die silbernen Turnschuhe sahen albern aus. Und wer ist eigentlich Andrew Garfield?

Nachdem ich "The Amazing Spider-Man" (so der erfreulicherweise nicht eingedeutschte Titel) gesehen habe, weiß ich: Andrew Garfield ist Peter Parker. Selten hat mich ein Film derart positiv überrascht wie das Spinnenabenteuer von Regisseur Marc Webb (der heißt wirklich so). Das liegt in erster Linie an den Schauspielern, denn längst sind Marvel-Comicverfilmungen häufig nicht nur gute Superheldenfilme, sondern einfach gute Filme. Und dazu gehört ein Ensemble, das weiß, was es tut. Garfield gibt den linkischen Geek, dem sich das Ausmaß seiner neuen Kräfte nur langsam erschließt, so überzeugend, dass es schwerfällt, sich jemand anderen in dieser Rolle vorzustellen. Hollywoods neues Darling Emma Stone macht aus Peters vormals blassem love interest Gwen Stacy eine smarte Persönlichkeit. Dass Sally Field und Martin Sheen ihre Figuren souverän zum Leben erwecken, überrascht kaum. Eher schon Ex-Comedian Denis Leary als knallharter Großstadt-Cop und Rhys Ifans als schizophrener Dr. Connors-Jekyll.

Der Film nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Das hat er gemein mit einem weiteren überraschend guten Reboot der jüngsten Kinogeschichte, nämlich "Planet der Affen". Es dauert eine ganze Weile, bis es kracht. Dass es das dann aber richtig tut, nämlich laut, bunt und mitreißend, darf man bei einer schweineteuren Hochglanzproduktion erwarten. Aber auch hier setzt die Neuauflage nochmal einen drauf - was Spezialeffekte angeht, sind “nicht mal zehn Jahre” eben doch eine lange Zeit.

Das Drehbuch ist vergleichsweise schlicht, dafür flutscht die Story und wird nicht durch unnötige Nebenhandlungen ausgebremst. Wo Raimi sich verzettelte, geht Webb seinen Weg - und es gibt glücklicherweise keine peinlichen Tanzszenen. Übernommen hat der Regisseur hingegen das Problem seines Vorgängers, eine Hauptfigur, deren Gesicht man in entscheidenden Szenen nicht sieht, Emotionen zeigen zu lassen. Soll heißen: Spider-Man zieht mal wieder nicht selten seine Maske ab, wenngleich auch diese Skript-Klippe eleganter umschifft wird als bisher.

Was noch? Stan Lee hat selbstverständlich den gewohnten Cameo-Auftritt, C. Thomas Howell einen langen Weg hinter sich (und ist ohnehin niemandem mehr ein Begriff). Es gibt überraschende Wendungen, und wer vor dem Abspann aufsteht, verpasst natürlich was.

Ich jedenfalls freue mich wie ein Zehnjähriger auf die bereits geplanten Fortsetzungen, auf Freunde, Feinde und Mary Jane.

Macht erstaunliche neun von zehn todesmutig zerquetschten Spinnen an der Wand meines Werkzeugschuppens für den besten Marvel-Film nach “X-Men: First Class” und “Avengers”.

Sonntag, 13. Mai 2012

Herzensangelegenheiten

Ich habe lange überlegt, ob es sich lohnt, etwas zur aktuellen Diskussion über das Urheberrecht zu schreiben. Aber dann dachte ich mir, möglicherweise sei bereits alles dazu geschrieben und gesagt worden.

Immerhin haben sich namhafte Experten zu Wort gemeldet: Popstar Sven Regener, dessen Hits uns tausendfach runtergeladen aus den Kinderzimmern der Republik entgegenplärren. Jan Delay, der nicht möchte, dass jemand anderes als großzügige Werbepartner oder Udo Lindenberg seine Lieder singt. Und sicher hatte und hat auch Heinz Rudolf Kunze ein oder zwei Meinungen dazu, und ich hab' sie nur mal wieder nicht gelesen, weil sie keiner gedruckt oder gebloggt hat oder weil gerade ein anderer Zahnarztpatient im Wartezimmer in der entsprechenden Ausgabe des "Stern" blätterte. Also schreibe ich lieber nichts zum Urheberrecht.

Wäre ja auch durchaus gefährlich. Am Ende stellt noch jemand meine politische Unabhängigkeit in Frage und behauptet, ich sei auf der Seite der "Piraten". Oder schlimmer noch: ich sei gegen die "Piraten". Nicht auszudenken. Ich könnte mich nirgendwo mehr sehen lassen. Daher äußere ich mich lieber nicht zum Urheberrecht.

Ist besser so. Sonst könnte es passieren, dass vielleicht irgendwer diesen Text illegal kopiert, ins Internet stellt oder als sein geistiges Eigentum ausgibt. Das wäre ärgerlich, denn das Netz vergisst bekanntlich nichts. Da wird aus einer aktuellen Diskussion in wenigen Mausklicks eine veraltete und aus den "Piraten" eine politische Randnotiz. Und dann behaupten wieder alle, ich schröb nur über früher. ("Schröb" ist lustig - Kolumnisten, Kabarettisten und ähnliches Gesindel kaschieren auf diese Weise mangelnde Grammatikkenntnisse.) Jedenfalls bleibt es dabei: An dieser Stelle verliere ich kein Wort über das Urheberrecht.

Wäre ja auch viel zu kompliziert. Ich müsste eventuell recherchieren, den Unterschied zwischen "Recht" und "Gesetz" herausfinden und erklären, peinlich darauf achten, keinen der in den vergangenen Wochen ermüdend diskutierten Blog-Einträge und Talkshow-Monologe zum Thema zu vergessen. Das wollte nun wirklich niemand lesen.

Das Allerlächerlichste, was ich tun könnte, sollte ich etwas über das Urheberrecht schreiben, wäre, auf meine eigenen Erfahrungen zu verweisen. Völlig uninteressant. Daher hier und jetzt keine vergeudete Zeile darüber, dass mir eine große Gesundheitseinrichtung mal ein Foto geklaut hat oder dass es kurz nach Krieg, Mauerfall und Bankenkrise in Metaller-Kreisen (die Musik, nicht die Gewerkschaft) durchaus üblich war, Tapes zu tauschen.

Kurz: Dies hier ist keine Kolumne zum Thema Urheberrecht. Sondern eine zum Thema Lieblingsbands. Meine beispielsweise hat gerade ein neues Lied veröffentlicht, das leider nur auf einem Soundtrack zu hören ist. Mal sehen, ob ich das ganze Album kaufe. Das überlege ich mir noch.

Das Urheberrecht

Nilz Bokelberg zum Thema

Donnerstag, 12. April 2012

Herzensangelegenheiten

"Ja, ja, ja", schrieb Skip Danko. Und: "Gern geschehen." Um ehrlich zu sein: Ich hatte mit etwas mehr gerechnet, zumindest darauf gehofft. Mehr Inhalt, gerne auch mehr Text, zumindest aber mehr Begeisterung darüber, dass ein Fan ihm auf facebook schreibt.

Zumal ich mich angenehm wenig stalkeresk gab: "Sorry", schrieb ich. Und: "Aber - Eternal Rest? Where did I go? Danke für die Musik!" Unerwähnt blieb unter anderem, dass wir uns bereits begegnet waren. Anfang der 90er muss das gewesen sein, ich verbrachte meinen Urlaub in Norddeutschland, im traurigen Aurich - jener Sehrkleinstadt also, in der die Band Eternal Rest beheimatet war. (Nur in Aurich oder vergleichbaren Städten wie Marburg haben Punkrocker die Berechtigung, ihre Band "Ewige Ruhe" zu nennen. Steht im großen Punk-Gesetzbuch "Dogma & Mad Dogs", das es leider gar nicht gibt.)

"No. 1" hieß ihr - Überraschung! - erstes Album, und es begeisterte mich mit einer Mischung aus dem Zynismus der Dead Kennedys und der Überdrehtheit von Jane's Addiction. Leider nur mich, unseren Bassisten Alex und über den Daumen gepeilt 23 weitere Käufer, die sich über die Republik verteilten und weder Alex noch mir namentlich bekannt waren. Natürlich bin ich nicht nach Aurich gepilgert, um Eternal Rest oder ihren Sänger Skip Danko zu sehen. Vielmehr war ich zufällig in der Gegend und dachte mir: "Kaufst du halt ein Paar Schuhe." Und Skip Danko war Schuhverkäufer. Punk as punk can. Die Treter habe ich längst nicht mehr, "No. 1" natürlich schon, außerdem sämtliche späteren Veröffentlichungen der einzigen einigermaßen (un-)bekannten Auricher Populärmusik-Kapelle.

Irgendwann war Eternal Rest Geschichte, Skip Danko in Amerika, und seine neue Band hieß Zwiebel Zwiebel Hurra. (Und so dürfen Punkrocker ihre Combo weder in Aurich noch in L.A. nennen.) Dabei wäre so viel mehr drin gewesen: Der Sage nach hat der Sänger während der Aufnahmen zum Debüt das Bewusstsein verloren, da er zu lange geschrien hatte, ohne die gute, weil salzhaltige Nordlichterluft einzuatmen. Ich glaube das gern, zumal der geübte Hörer sogar die Stelle entdeckt, an der das passiert. Das hat jedenfalls mit Herzblut zu tun, mit Leidenschaft und Leidensfähigkeit, das macht diese Platte zu etwas Besonderem in meiner pathologisch unübersichtlichen Sammlung. Viel besser ist Punkrock aus D-Land jenseits der besten Band der Welt und der Boxhamsters nie gewesen. Ehrlich jetzt.

"Ja, ja, ja", höre ich die Ungläubigen und Desinteressierten murmeln. Und ergänze trotzig: "Gern geschehen."