Samstag, 28. Juli 2012

Kino-Kritik: "The Dark Knight Rises"

In mir hat Christopher Nolan nicht gerade seinen größten Fan. Daran ändert auch nicht, dass das grande finale seiner Batman-Trilogie sein bester Film ist. Nolan will von allem zu viel: Groß sollen seine Werke sein, mächtig, mit atemberaubenden Schauwerten, dazu aber auch einzigartig, unverwechselbar und anspruchsvoll. Das Ergebnis ist nicht selten überambitioniert und selbstverliebt. Wenn so jemand antritt, einen der größten Mythen der Popkultur neu zu erzählen, erwartet man, dass er scheitert. Grandios, das ist klar.

Als "Batman Begins" vor sieben Jahren in die Kinos kommt, entpuppt sich das befürchtete Desaster als spannende Interpretation der alten Geschichte vom einsamen Rächer. Handwerklichen Defiziten zum Trotz erzählt Nolan eine düstere Schauermär von Schicksal und Verzweiflung, vom Licht in der Dunkelheit (in dem diesmal die Silhouette einer Fledermaus zu sehen ist). Dabei beweist der Regisseur zudem ein Händchen bei der Wahl seiner Darsteller. Christian Bale verwechselt nuancierte Schauspielkunst mit einem quälenden Kraftakt, er flüstert und schreit, zittert und schwitzt, ist sinistrer method actor und keifender Egomane. Und somit der perfekte Bruce Wayne in seinen Inkarnationen als gebeutelter Millardär und nächtlicher Gangsterschreck. Die drei alten Männer hinter ihm erden als weise Berater des Helden das Geschehen auf der Leinwand, lassen Nolans Bemühen um einen neuen "Realismus" erkennen. Auf der Gegenseite stehen Liam Neeson in seiner Wohlfühlzone als überlegener Haudegen und der kinskieske Cillian Murphy als schizophrener Psychopath. Dazu findet der Regisseur das nötige Pathos, setzt auf ein Fünkchen Selbstironie, um sein Verständnis einer Comicverfilmung auf dem schmalen Grad zwischen Werktreue und Selbstverwirklichung zum sehenswerten Kinoabenteuer werden zu lassen.

Drei Jahre später scheint Nolans Sturheit die Oberhand gewonnen zu haben. Mit "The Dark Knight" versickert die furiose Vorgeschichte in Tristesse und Ödnis. Eine verschwurbelte Erzählweise, die die wenigen Actionszenen ausbremst, lässt die Fortsetzung der Fledermausmann-Legende auf dem Spannungsniveau einer durchschnittlichen "Derrick"-Folge hängen. Zudem sind Zweikämpfe und Verfolgungsjagden unübersichtlich inszeniert, ist alles viel zu langatmig und redselig. Kritiker und Publikum ergehen sich dennoch in Lobeshymnen - und erwähnen dabei als erstes und völlig zurecht das einzige Positive an diesem Rohrkrepierer: Heath Ledger. Einmal mehr zeigt Christopher Nolan, dass er in Schauspielern etwas sehen kann, was anderen verborgen bleibt. Die Verpflichtung des blondgelockten Sunnyboys für die Rolle von Batmans Erzfeind Joker zieht die zweite Story um den dunklen Ritter einige Meter aus dem Schlick. Der plötzliche Tod des Australiers und die anschließende Oscar-Ehrung machen den Chaos-Clown endgültig zur Popikone. Der entstellte, bleich geschminkte Massenmörder ist nicht nur ein adäquater Gegenspieler für die Figur des flatternden Waisenknaben, sondern lässt diesen verblassen. Der Joker ist präsent, vermittelt mit seiner Unberechenbarkeit echte Furcht und trägt "The Dark Knight" quasi im Alleingang. Großes Kino, allerdings als Kammerspiel inszeniert.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sondern gibt nur die Gelegenheit, ausführlich darüber zu diskutieren. Und Nolan scheint sich zu Herzen genommen zu haben, was die Geeks rund um den Globus seit vier Jahren fordern: Batman braucht Emotionen, ein Superheldenfilm darf nicht als knochentrockener Krimi daherkommen. Die Action ist zwar immer noch weit entfernt vom Standard, aber deutlich übersichtlicher und mitreißender gefilmt. Die Story ist immer noch komplex und überfrachtet, aber längst nicht so zerrissen wie in Teil zwei. Die Dialoge sind immer noch geschwätzig und wiederholend, werden aber durch one liner und eine Prise Humor aufgelockert. Da darf der Filmemacher gern seinen Hang zum großen Drama, seinen Wunsch nach Verankerung in der Realität und seine ganz eigenen, mitunter verqueren Ideen ausleben. Erstmals tut das der Geschichte sogar gut: "The Dark Knight Rises" ist ein wuchtiger schwarzer Brocken, so weit von einem Hollywood-Blockbuster entfernt, wie man sich bewegen darf, wenn man einen Hollywood-Blockbuster inszenieren will.

Zwischen Hamlet und Heldenepos, Größenwahn und Genialität finden der Regisseur und sein Bruder, der Drehbuchautor, zum ersten und vorläufig letzten Mal einen Weg. Die 164 Minuten vergehen erstaunlich schnell. Es gibt Wendungen und Überraschungen, und die Schauspieler schaffen es, die erwarteten faustgroßen Logiklöcher vergessen zu machen. Bale spielt die Rolle seines Lebens als gehe es genau um das. Anne Hathaway ist eine charmante Selina Kyle (nicht: Catwoman!), beweist Wandlungsfähigkeit und Talent. Der wie immer großartige Gary Oldman und der souveräne Joseph Gordon-Levitt geben den letzten Bullen und den tapferen Pfadfinder. Tom Hardy müht sich redlich, allein durch Blicke aus dem bulligen Terroristen Bane einen cleveren Schurken zu machen. Er kämpft jedoch nicht nur mit der Maske und einer wenig beeindruckenden Körpergröße, sondern vor allem mit der Stimme des Bösewichts. Nolan mag inzwischen zuhören, wenn die Fans murren - auf den Hinweis, Banes Stimme erinnere in den ersten Trailern an die Lehrer der Peanuts (soll heißen: ist völlig unverständlich) reagierte er allerdings mit Trotz. Die pathetischen Reden des Muskelprotzes mit der Gasmaske wurden derart nach vorne gemischt, dass sie körperlos im Raum stehen. Das habt ihr nun davon, ihr Nerds! Einem Christopher Nolan macht niemand Vorschriften!

Ist ja schon gut: Diesmal hat's ja auch geklappt mit der Selbstverwirklichung. "The Dark Knight Rises" ist groß, mächtig, mit atemberaubenden Schauwerten, dazu einzigartig, unverwechselbar und anspruchsvoll. Der würdige Abschluss einer Filmtrilogie, die in der Mitte etwas durchhing. Oder anders: 2012 ist ein gutes Jahr für Comicverfilmungen - die "Avengers" haben einen zornigen Bruder bekommen.
 
Dafür gibt es acht von zehn matt schimmernden Batarangs ins Genick des Abschaums auf Gothams Straßen.

Dienstag, 10. Juli 2012

Herzensangelegenheiten

1992. Ganz schön was los hier. In Lichtenhagen wird die Demokratie beerdigt. Im Wembley-Stadion glücklicherweise nur der Classic Rock. Alles geht: Seit die Industrie den Jungen im karierten Hemd entdeckt hat, sucht sie nach einer Schublade. "Alternative" steht schließlich drauf, und drin ist, was gefällt. (Also: sich verkaufen lässt.)

Ein letztes Mal bäumt sich die Kreativität auf, flirten Gitarren mit Elektrorhythmen und Sprechgesang, wird deutsch gerappt und traurig gesungen, fallen drei Jahre nach der Revolution im Osten auch kulturelle Mauern. Das macht Spaß. Und wir denken uns nichts dabei.

Alte Helden kommen zu neuen Ehren, aus Träumern werden Stars. Im Plattenladen harren monatlich neue Schätze ihrer Entdeckung. (Es gibt Plattenläden.) Im Zeitschriftenladen buhlen bunte Gazetten um die Gunst der juvenilen Freigeister. (Es gibt Freigeister.) In kurzen Hosen und Wollmütze über die Bühne toben, im Bandshirt davor stehen oder raufklettern. Eddie Vedder schwimmt auf der Menge, Kurt Cobain hat Magenschmerzen, Anthony Kiedis trifft Supermodels, Zack de la Rocha den Nerv, Evan Dando hängt an der Wand im Mädchenzimmer, Phil Anselmo an der Hühnerbrust der Jungs.

Irgendwo in der Wüste hört jemand alte Sabbath-Platten und raucht Selbstgedrehtes, irgendwo in New York tanzt jemand um eine brennende Mülltonne. Irgendwo in Hessen sitzt einer und hört und sieht und staunt.

Unfassbare zwanzig Jahre ist das her, hat das letzte der genannten Musikmagazine neulich errechnet. Kurt, LayneDimebag und Adam sind tot. Karohemden und Kopfsocken sind allenfalls retro, Plattenläden selten, und was als alternativ galt, ist längst klassisch.

Manchmal kommen sie wieder, die Heroen der Vergangenheit, aber meist ist nur noch der Sänger dabei, und es klingt traurig, was trotzig sein will. Und wir denken uns nichts dabei.

Nix Neues an der Front, nicht in New York, nicht in der Wüste. Auf keinen Fall in Hessen. Nicht mehr viel los hier. 2012.

Montag, 2. Juli 2012

Kino-Kritik: “The Amazing Spider-Man”

“Hier kannte ich wirklich alles, jeden Freund, jeden Feind. Und als Mary Jane sich trennte, hat er bei mir geweint.” (Fettes Brot)

Verdammt, so ging es mir auch! Eine Comicfigur, vom großen Stan Lee zehn Jahre vor meiner Geburt erdacht, war der Held meiner Jugend. Peter Parker - Alliterationen sind Pflicht unter Superhelden - war ein schüchterner Nerd, bis der Biss einer radioaktiven Spinne ihm deren proportionale Fähigkeiten verlieh und… gar nichts für ihn besser wurde. Spider-Man hatte Probleme und Sorgen, trauerte um seinen Onkel, machte sich Vorwürfe für dessen Tod, war chronisch pleite, stets in die falsche Frau verliebt, hatte Ärger im Job und konnte trotz Maske und Kostüm nie dieser Misere entfliehen. Oft genug gab’s Prügel, brachten spektakuläre Kämpfe in und über den Häuserschluchten von New York dramatische Konsequenzen für das ohnehin komplizierte Leben des einsamen Helden mit sich. Tod und Verlust waren allgegenwärtig, Freunde wurden zu Feinden und umgekehrt, mehr als einmal drohte das tragische Dasein des Protagonisten zwischen Verlierer und Verbrecherjäger zu zerbröseln.

Aber - und das macht Lees Kreation zu (m)einem Helden - Spider-Man gab niemals auf. Klar, er konnte an Wänden klettern, meterhoch springen und Autos stemmen. Doch er war - anders als der große Konkurrent Superman - kein Übermensch, sondern ein Mensch. Einer mit Fehlern, jedoch auch mit Stärken. Und dazu gehörten nicht nur sein zynischer Humor, sondern vor allem Mut und Optimismus. Kein Wunder, dass ein zehnjähriger Comicfan das klasse fand (trotz Höhenangst und Spinnenphobie). Und kein Wunder, dass er auch mit Ende 30 im Kino sitzt, wenn sein Idol aus Kindertagen über die Leinwand krabbelt.

Obwohl: Ich hatte Vorbehalte. Erste Trailer wirkten, als sei der Film aufs “Twilight”-Publikum zugeschnitten. Außerdem schien es zu früh für ein Reboot (Sam Raimis Spider-Man-Trilogie begann vor nicht mal zehn Jahren), die silbernen Turnschuhe sahen albern aus. Und wer ist eigentlich Andrew Garfield?

Nachdem ich "The Amazing Spider-Man" (so der erfreulicherweise nicht eingedeutschte Titel) gesehen habe, weiß ich: Andrew Garfield ist Peter Parker. Selten hat mich ein Film derart positiv überrascht wie das Spinnenabenteuer von Regisseur Marc Webb (der heißt wirklich so). Das liegt in erster Linie an den Schauspielern, denn längst sind Marvel-Comicverfilmungen häufig nicht nur gute Superheldenfilme, sondern einfach gute Filme. Und dazu gehört ein Ensemble, das weiß, was es tut. Garfield gibt den linkischen Geek, dem sich das Ausmaß seiner neuen Kräfte nur langsam erschließt, so überzeugend, dass es schwerfällt, sich jemand anderen in dieser Rolle vorzustellen. Hollywoods neues Darling Emma Stone macht aus Peters vormals blassem love interest Gwen Stacy eine smarte Persönlichkeit. Dass Sally Field und Martin Sheen ihre Figuren souverän zum Leben erwecken, überrascht kaum. Eher schon Ex-Comedian Denis Leary als knallharter Großstadt-Cop und Rhys Ifans als schizophrener Dr. Connors-Jekyll.

Der Film nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Das hat er gemein mit einem weiteren überraschend guten Reboot der jüngsten Kinogeschichte, nämlich "Planet der Affen". Es dauert eine ganze Weile, bis es kracht. Dass es das dann aber richtig tut, nämlich laut, bunt und mitreißend, darf man bei einer schweineteuren Hochglanzproduktion erwarten. Aber auch hier setzt die Neuauflage nochmal einen drauf - was Spezialeffekte angeht, sind “nicht mal zehn Jahre” eben doch eine lange Zeit.

Das Drehbuch ist vergleichsweise schlicht, dafür flutscht die Story und wird nicht durch unnötige Nebenhandlungen ausgebremst. Wo Raimi sich verzettelte, geht Webb seinen Weg - und es gibt glücklicherweise keine peinlichen Tanzszenen. Übernommen hat der Regisseur hingegen das Problem seines Vorgängers, eine Hauptfigur, deren Gesicht man in entscheidenden Szenen nicht sieht, Emotionen zeigen zu lassen. Soll heißen: Spider-Man zieht mal wieder nicht selten seine Maske ab, wenngleich auch diese Skript-Klippe eleganter umschifft wird als bisher.

Was noch? Stan Lee hat selbstverständlich den gewohnten Cameo-Auftritt, C. Thomas Howell einen langen Weg hinter sich (und ist ohnehin niemandem mehr ein Begriff). Es gibt überraschende Wendungen, und wer vor dem Abspann aufsteht, verpasst natürlich was.

Ich jedenfalls freue mich wie ein Zehnjähriger auf die bereits geplanten Fortsetzungen, auf Freunde, Feinde und Mary Jane.

Macht erstaunliche neun von zehn todesmutig zerquetschten Spinnen an der Wand meines Werkzeugschuppens für den besten Marvel-Film nach “X-Men: First Class” und “Avengers”.

Sonntag, 13. Mai 2012

Herzensangelegenheiten

Ich habe lange überlegt, ob es sich lohnt, etwas zur aktuellen Diskussion über das Urheberrecht zu schreiben. Aber dann dachte ich mir, möglicherweise sei bereits alles dazu geschrieben und gesagt worden.

Immerhin haben sich namhafte Experten zu Wort gemeldet: Popstar Sven Regener, dessen Hits uns tausendfach runtergeladen aus den Kinderzimmern der Republik entgegenplärren. Jan Delay, der nicht möchte, dass jemand anderes als großzügige Werbepartner oder Udo Lindenberg seine Lieder singt. Und sicher hatte und hat auch Heinz Rudolf Kunze ein oder zwei Meinungen dazu, und ich hab' sie nur mal wieder nicht gelesen, weil sie keiner gedruckt oder gebloggt hat oder weil gerade ein anderer Zahnarztpatient im Wartezimmer in der entsprechenden Ausgabe des "Stern" blätterte. Also schreibe ich lieber nichts zum Urheberrecht.

Wäre ja auch durchaus gefährlich. Am Ende stellt noch jemand meine politische Unabhängigkeit in Frage und behauptet, ich sei auf der Seite der "Piraten". Oder schlimmer noch: ich sei gegen die "Piraten". Nicht auszudenken. Ich könnte mich nirgendwo mehr sehen lassen. Daher äußere ich mich lieber nicht zum Urheberrecht.

Ist besser so. Sonst könnte es passieren, dass vielleicht irgendwer diesen Text illegal kopiert, ins Internet stellt oder als sein geistiges Eigentum ausgibt. Das wäre ärgerlich, denn das Netz vergisst bekanntlich nichts. Da wird aus einer aktuellen Diskussion in wenigen Mausklicks eine veraltete und aus den "Piraten" eine politische Randnotiz. Und dann behaupten wieder alle, ich schröb nur über früher. ("Schröb" ist lustig - Kolumnisten, Kabarettisten und ähnliches Gesindel kaschieren auf diese Weise mangelnde Grammatikkenntnisse.) Jedenfalls bleibt es dabei: An dieser Stelle verliere ich kein Wort über das Urheberrecht.

Wäre ja auch viel zu kompliziert. Ich müsste eventuell recherchieren, den Unterschied zwischen "Recht" und "Gesetz" herausfinden und erklären, peinlich darauf achten, keinen der in den vergangenen Wochen ermüdend diskutierten Blog-Einträge und Talkshow-Monologe zum Thema zu vergessen. Das wollte nun wirklich niemand lesen.

Das Allerlächerlichste, was ich tun könnte, sollte ich etwas über das Urheberrecht schreiben, wäre, auf meine eigenen Erfahrungen zu verweisen. Völlig uninteressant. Daher hier und jetzt keine vergeudete Zeile darüber, dass mir eine große Gesundheitseinrichtung mal ein Foto geklaut hat oder dass es kurz nach Krieg, Mauerfall und Bankenkrise in Metaller-Kreisen (die Musik, nicht die Gewerkschaft) durchaus üblich war, Tapes zu tauschen.

Kurz: Dies hier ist keine Kolumne zum Thema Urheberrecht. Sondern eine zum Thema Lieblingsbands. Meine beispielsweise hat gerade ein neues Lied veröffentlicht, das leider nur auf einem Soundtrack zu hören ist. Mal sehen, ob ich das ganze Album kaufe. Das überlege ich mir noch.

Das Urheberrecht

Nilz Bokelberg zum Thema

Donnerstag, 12. April 2012

Herzensangelegenheiten

"Ja, ja, ja", schrieb Skip Danko. Und: "Gern geschehen." Um ehrlich zu sein: Ich hatte mit etwas mehr gerechnet, zumindest darauf gehofft. Mehr Inhalt, gerne auch mehr Text, zumindest aber mehr Begeisterung darüber, dass ein Fan ihm auf facebook schreibt.

Zumal ich mich angenehm wenig stalkeresk gab: "Sorry", schrieb ich. Und: "Aber - Eternal Rest? Where did I go? Danke für die Musik!" Unerwähnt blieb unter anderem, dass wir uns bereits begegnet waren. Anfang der 90er muss das gewesen sein, ich verbrachte meinen Urlaub in Norddeutschland, im traurigen Aurich - jener Sehrkleinstadt also, in der die Band Eternal Rest beheimatet war. (Nur in Aurich oder vergleichbaren Städten wie Marburg haben Punkrocker die Berechtigung, ihre Band "Ewige Ruhe" zu nennen. Steht im großen Punk-Gesetzbuch "Dogma & Mad Dogs", das es leider gar nicht gibt.)

"No. 1" hieß ihr - Überraschung! - erstes Album, und es begeisterte mich mit einer Mischung aus dem Zynismus der Dead Kennedys und der Überdrehtheit von Jane's Addiction. Leider nur mich, unseren Bassisten Alex und über den Daumen gepeilt 23 weitere Käufer, die sich über die Republik verteilten und weder Alex noch mir namentlich bekannt waren. Natürlich bin ich nicht nach Aurich gepilgert, um Eternal Rest oder ihren Sänger Skip Danko zu sehen. Vielmehr war ich zufällig in der Gegend und dachte mir: "Kaufst du halt ein Paar Schuhe." Und Skip Danko war Schuhverkäufer. Punk as punk can. Die Treter habe ich längst nicht mehr, "No. 1" natürlich schon, außerdem sämtliche späteren Veröffentlichungen der einzigen einigermaßen (un-)bekannten Auricher Populärmusik-Kapelle.

Irgendwann war Eternal Rest Geschichte, Skip Danko in Amerika, und seine neue Band hieß Zwiebel Zwiebel Hurra. (Und so dürfen Punkrocker ihre Combo weder in Aurich noch in L.A. nennen.) Dabei wäre so viel mehr drin gewesen: Der Sage nach hat der Sänger während der Aufnahmen zum Debüt das Bewusstsein verloren, da er zu lange geschrien hatte, ohne die gute, weil salzhaltige Nordlichterluft einzuatmen. Ich glaube das gern, zumal der geübte Hörer sogar die Stelle entdeckt, an der das passiert. Das hat jedenfalls mit Herzblut zu tun, mit Leidenschaft und Leidensfähigkeit, das macht diese Platte zu etwas Besonderem in meiner pathologisch unübersichtlichen Sammlung. Viel besser ist Punkrock aus D-Land jenseits der besten Band der Welt und der Boxhamsters nie gewesen. Ehrlich jetzt.

"Ja, ja, ja", höre ich die Ungläubigen und Desinteressierten murmeln. Und ergänze trotzig: "Gern geschehen."

Sonntag, 12. Februar 2012

Herzensangelegenheiten

Die Welt trauert um Whitney Houston. Sowas schreibt man, wenn ein Promi das Zeitliche gesegnet hat. Ich bin ziemlich sicher, dass die Welt andere Sorgen hat oder zumindest haben sollte als einen weiteren toten Popstar. Trotzdem fällt mir auf, dass der Tod von Frau Houston mich etwas mehr betroffen gemacht hat als der von Frau Winehouse. Und ich frage mich, woran das wohl liegt. Auf jeden Fall mache ich ausnahmsweise mal mit: Hier ist sie, meine persönliche Whitney-Houston-Geschichte.

Zunächst mal habe ich jedoch die Pflicht, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass "das ja nicht meine Musik ist". Ganz wichtig. Fast noch wichtiger als die Standardeinleitung, wenn wir Hetero-Männer nach unserer Meinung zum Aussehen eines anderen Mannes gefragt werden. Dann sagen wir nämlich als erstes: "Ich kann das ja nicht so beurteilen." Also: Stromgitarre ist lieb, Pop ist blöd. Soweit meine offizielle Meinungsäußerung, nach Rücksprache mit meinem Anwalt und Vertretern der Gewerkschaft. Daher habe ich natürlich stets desinteressiert bis verächtlich auf jene Geschmacksverirrten geblickt, denen solche Dogmen offenbar egal oder - schlimmer noch - gar nicht bewusst sind.

Die Bezeichnung "Superstar" traf auf Whitney Houston bis etwa 1992 zu wie auf keinen jener Menschen, die diesen Ehrentitel heute tragen. Das spricht unter anderem für einen gewissen kommerziellen Erfolg und eine damit einhergehende Medienpräsenz. Oder anders: Ich kenne vermutlich jeden von Whitney Houstons Hits und könnte in geeigneter Stimmung die Refrains relativ textsicher mitsingen.

Mitte der 80er wurde Whitney groß, ich war damals noch klein und starrte vergleichsweise beeindruckt auf ein Plattencover, das ein junger Mann unterm Arm hielt, der im gleichen Bus stand wie ich. Und wir reden hier über Vinyl, über große, schwarze Scheiben - das nur, falls sich jemand fragt, wie eine CD oder ein Download wohl als Gepäck für die Busfahrt in der Achselhöhle drapiert werden. Eine junge Frau in einem Badeanzug war darauf zu sehen, sehr hübsch, viel zu stark geschminkt und mit nassem Haar. Heute weiß ich, dass Frau Houston zehn Jahre älter war als ich - seinerzeit dürfte sie also 22 gewesen sein. Ich fragte mich, welche Art Musik von freundlich lächelnden Badenixen gemacht wird.

Der junge Mann, hinter dessen Ellbogen die Frau mit den nassen Haaren hervorlächelte, trug eine schwarze Lederjacke und jede Menge Gel im Haar. Mit war bewusst, dass er nichts gemein hatte mit den beiden Kerlen, die sich die Augen geschminkt und auf ihre Jeanswesten ungezählte Bilder von Teufeln und Skeletten genäht hatten und die ganz hinten im Bus saßen. Er sah auch nicht aus wie die sehr aufgetakelten und mit schief sitzenden Mützen versehenen Mädels, die vorne beim Fahrer saßen. Diese hörten - so viel hatte ich aus der Bravo gelernt - Spandau Ballet oder Duran Duran. Ich hörte gern die Musik der 70er, weil meine sehr viel älteren Brüder das taten, und beides war in den 80ern und in meiner Kleinstadt unfassbar uncool. Ich mochte auch Depeche Mode, die ich gerade entdeckt hatte. Die hatten zwar so gar nichts zu tun mit "Smoke On The Water", aber auf dem Ghettoblaster oder per Walkman, wenn ich mit meinen Kumpels unterwegs war, spielte das keine Rolle.

Ich merkte mir den Namen Whitney Houston, wie ich mir einige Monate zuvor "Michael Jackson" gemerkt hatte (den ich allerdings deutsch aussprach, also wie Michael Schanze). Als ich das nächste Mal im Plattenladen stand, hörte ich mir jedenfalls zwei Alben an, einfach aus Neugier. Macht das heute noch jemand? Um es kurz zu machen: Ich mochte "Beat It" lieber.

Einige Jahre später, eine andere Kleinstadt, unser Held war etwas älter und vor allem in Sachen Musik deutlich besser informiert. Frau Houston hatte ihren größten Hit, in den Charts und im Kino, nämlich den Soundtrack zu ihrem Film "Bodyguard": "I Will Always Love You". In den nächsten Wochen werden wir dieses Lied hören müssen, bis wir kotzen. Aber ich habe es damals gesagt, und ich sage es heute noch: Damit hat sich Whitney Houston unsterblich gemacht. Mir - und inzwischen kenne ich mich mit Musik durchaus ein bisschen aus - ist keine andere Sängerin bekannt, die stimmlich zu derartigen Höchstleistungen in der Lage war oder ist. Rein technisch, aber auch emotional.

Ihr lest hier nichts über Bobby Brown, über Drogen oder misslungene Comeback-Versuche. Das war einfach nur meine persönliche Whitney-Houston-Geschichte. Aber eigentlich ist das ja nicht meine Musik.

Mittwoch, 11. Januar 2012

Herzensangelegenheiten

Sie haben sich mit einem Flüstern verabschiedet. R.E.M. war fast immer eine Band der leisen Töne.

In der beschaulichen hessischen Kleinstadt hörte Ende der 80er natürlich niemand College-Radio. Deshalb kannte auch nur ein elitärer Kreis eingeweihter Nerds jenen Song, der aus einer kleinen eine mittelgroße Band machte. Diesem gehörte ich nicht an: "The One I Love" habe ich erst kurz nach "Stand" entdeckt. Das wiederum lief nämlich im klassischen Radio meines Heimatbundeslandes und brachte mich dazu, für relativ viel Geld in einem so genannten HiFi-Geschäft das Album "Green" zu erwerben.

1988 war das, die Platte war orange statt grün, voller Lieblingslieder, böser Texte, poppiger Harmonien und - damals durchaus üblich für den dürren Michael Stipe und seine drei Freunde - ansprechend verzerrten Gitarren. "Gitarrenrock" nannte das daher seinerzeit eine Musikzeitschrift und fügte völlig zurecht hinzu, dass dieser Begriff Blödsinn sei.

"Green" begleitete mich einige Jahre lang, es folgten der erwähnte Prä-Hit und "It's The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)" mit seinem großartigen Titel, dem Text, der volle Konzentration auf beiden Seiten erfordert, und stilsicher untergebracht auf einem Greenpeace-Sampler. R.E.M. waren "meine" Band, ich hatte sie entdeckt, kaum jemand in meinem Freundeskreis mochte sie. Immerhin: Im London des Jahres 1990 fing der Typ, der in unserer schmierigen Absteige am Empfang saß, zu singen an, als er mein wenig stilsicher imitiertes Band-Shirt sah. Und Dirk, der Bassist der Cockahoop Cockatoos, erzählte mir auf einer Fete begeistert davon, dass Mike Mills - sein Gegenstück bei R.E.M. - so ein klasse Sänger sei.

Dann kam "Losing My Religion". Ich habe fast 15 Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass dieses Lied nicht nur aus gutem Grund ein Riesenerfolg wurde, sondern noch dazu einfach toll ist. Aber R.E.M., dieses leicht zerrupfte Quartett mit dem heiseren Sänger, wurde zur Stadionband. Immer wieder war zu lesen, dass man im fernen Athens den kommerziellen Höhenflug selbst mit eher gemischten Gefühlen erlebte. Mir blieb weiterhin "Green", jenes subjektive Meisterwerk, dazu endlich "Document" von 1987. Bill Berry stieg aus, ein herber Verlust, den kein Studio- oder Tourdrummer der Folgejahre wettmachen konnte. Immerhin: Der Trommler wurde nicht ersetzt, Kompromisse waren ihre Sache nicht.

Als alle zu "Shiny Happy People" tanzten (dessen Ironie natürlich niemand außer mir verstanden hatte), blieb ich zurück, die Fäuste grimmig in die Hosentaschen gestopft. Als ich die Herren Stipe, Mills und Buck auf der Suche nach "New Adventures In Hi-Fi" begleitete, holte ich sie jedoch hervor und reckte sie mit breitem Grinsen in Richtung des schockierten Südkurven-Publikums. Irgendwann jedoch wurden Songs, Alben, letztlich die Band nicht nur mir immer egaler. Ab und an nickte ich wohlwollend, wenn ich mal auf eine neue Single stieß, meist jedoch gab es dazu keinen Grund.

Radio höre ich längst nicht mehr, "Green" noch immer regelmäßig. "Alle Dinge müssen enden, und wir wollten es richtig tun, auf unsere Weise", lautete die offzielle Stellungnahme zum Split. Konsequent bis zum Ende. Wie so oft merkt man erst, was man verloren hat, wenn es nicht mehr da ist. Da fehlt ein Flüstern häufig mehr als ein Schrei.

Dienstag, 17. Mai 2011

Das Leben ist live

Was man vor, neben und hinter der Bühne erleben kann:

16. Februar 1991: Anlässlich eines erneuten Gastspiels der U.K. Subs haben sich 299 Punks und ich im Marburger KFZ versammelt. Nach einer Stunde 77er-Klassiker aus der Konserve taucht ein kleiner, alter Mann auf. Mit großer Mühe kämpft er sich durch die lederbejackten Horden, kassiert die eine oder andere hämische Bemerkung und jede Menge verächtlicher Blicke. Schließlich erreicht Charlie Harper die Bühne, greift zum Mikro, und das Konzert beginnt. 299 Punks glotzen dämlich. Ich grinse.

30. Oktober 1991: Die Pogues treten in der Offenbacher Stadthalle auf. Shane MacGowan ist nicht dabei, dafür der großartige Joe Strummer. Nach einem halben Akkord versuchen die Konzertbesucher, sich gegenseitig zu töten. Erste Erfolge stellen sich direkt vor dem Absperrgitter ein: Ich diffundiere Richtung Fotograben. Mein Leben zieht an mir vorbei (was zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders viel Zeit in Anspruch nimmt). Mit physischer Gewalt kämpfe ich mich durch den tobenden Mob. Atmen wird häufig unterschätzt.

27. Juni 1992: Mein einziges Ramones-Konzert dauert etwa anderthalb Minuten. Arm in Gips, keine Schmerztabletten mehr - den Fans ist der Grund für den Abbruch des Gigs reichlich schnuppe. Beim Versuch, die Bühne des Bizarre-Festivals in Alsdorf zu stürmen, werden sie von den Ordnern mit Eisenstangen verdroschen. Nicht schön, aber Punk. Schätze ich.

10. Juli 1993: Nochmal Bizarre, diesmal auf der Loreley. New Order spielen als Letzte, sind aber langweilig. Der Fahrer drängt zum Aufbruch. Aber niemand hört auf mich, weil Jule noch nicht am vereinbarten Treffpunkt ist. Schade eigentlich. Wir warten in der Dunkelheit auf das Ende ihres spontanen Schäferstündchens. Immerhin: Die LevellersHelmet und Therapy? waren gut.

2. Mai 1997: Die Absoluten Beginner sind ein bisschen aufgeregt. Ihr Debütalbum läuft ganz gut, und nun stehen sie auf der Bühne im KFZ. Ich fotografiere. Ein kleiner Junge spricht mich an und stellt sich als Tourmanager vor. Er befiehlt mir, ihm die Fotos später zu schicken, damit er eine Auswahl treffen könne. Ich schaue auf ihn herab und schlage vor: "Oder ich fotografiere einfach weiter, und du verpisst dich." So machen wir es dann.

5. Juli 1997: Jan Eißfeldt ist sauer. Von der Schlossparkbühne aus schimpft der spätere Herr Delay auf etwas, das er "Oberhessenzeitung" nennt. Diese habe ihren Drummer gedisst. "Er meint mich", rufe ich fröhlich zurück. Schöner Tag.

12. Oktober 2000: Hätte ich Eintritt bezahlt, hätte ich schlechte Laune. Howe Gelb, Sänger und Gitarrist von Giant Sand, die mich einige Jahre zuvor an gleicher Stelle - im KFZ - begeistert hatten, hat zu viel von allem genommen. Statt zu singen und Gitarre zu spielen, fällt er lallend ins Schlagzeug. Clemens neben mir ist restlos begeistert, erzählt was von "Dekonstruktivismus" und "Genialität". Ich beschließe, mit beidem nichts anfangen zu können.

11. September 2001: Bernd Begemann spielt mal wieder im KFZ. Allerdings lieber "Die Apokalypse erreicht Borkhorst" statt "Die witzige WG". Zu Hause zu sitzen ist aber auch nicht besser. Die Welt geht unter. Gleich morgen.

23. Juli 2003: Andy "Falco" Falkous schlägt sich das Mikro ins Gesicht. Als er anfängt, übel zu bluten, beenden Mclusky nach zwei Stunden ihr Konzert im Café Trauma. Kunst?

5. November 2008: "Richard", ruft Sabine. "Kann der Markus vor dem Auftritt ein paar Fotos machen? Das ist ein netter, befreundeter Journalist." - "Soll kommen", antwortet Richard Rogler. Der Anruf hat sich gelohnt. Das Kabarett-Urgestein (so nennt man seinesgleichen im Bratwurst-Feuilleton) ist ebenfalls nett. Hält still, will was über Marburg wissen. Baut mein Halbwissen ins Programm ein. Auch 'ne Idee: Gagschreiber.